Nicht nur eine Frage der Verständlichkeit ...

 

Journalismus muß den Dialog über Wissenschaft fördern

von Jürg Häusermann

 

»Die Umwandlung von wissenschaftlicher Information in ein allgemeinverständliches journalistisches Produkt gilt als eine Hauptaufgabe des Wissenschaftsjournalisten«, heißt es in einem Standardwerk zum Wissenschaftsjournalismus. Diese Aufgabe ist zwar vonnöten, aber Wissenschaftsjournalismus muß noch Wichtigeres leisten. Seine Aufgabe ist es nicht nur, wissenschaftliche Aussagen verständlich zu machen, sondern viel allgemeiner, den Dialog zwischen Wissenschaftlern und Laien zu fördern. Wer das ernstnimmt, für den sind die scheinbar unbedarften Meinungsäußerungen aus dem Publikum ebenso bedeutend wie die Statements aus den Forschungsabteilungen und Universitäten.

 

Wenn über die Kommunikation von Wissenschaft in der Öffentlichkeit nachgedacht wird, werden oft Vorbilder aus der Wissenschaft genannt: Biologen, die in der Lage sind, komplexe Zusammenhänge in allgemeinen Vorträgen wiederzugeben, Physiker, die die Popularisierung ihrer Werke gleich selbst in die Hand nehmen. Unser Ideal scheint das des begabten Wissenschaftlers zu sein, der fähig ist, einem Laien Inhalte aus seinem Fach verständlich zu erklären.

Und weil die Forscher selbst das nicht immer gut können, hat man eine Mittlerfunktion erfunden, diejenige des Wissenschaftsjournalisten. Er 'übersetzt' die Botschaften der Wissenschaftler in eine annehmbare, zumindest für den gebildeten Laien verständliche Sprache. Er muß sich nicht nur im be- treffenden Wissenschaftsgebiet gut auskennen, sondern er muß auch in der Lage sein, die Sache medien- und zielpublikumsgerecht umzusetzen. Er wählt die journalistische Form, die dem Gegenstand und dem Medium angemessen ist - von der Nachricht bis zur Reportage -, und sucht eine Sprache, die der Sache ebenso wie dem Zielpublikum und den besonderen Anforderungen des Mediums gerecht wird.

 

Der Journalist als Vermittler

 

Der Wissenschaftsjournalismus kann weniger als andere Sparten des Journalismus damit rechnen, daß seine Adressaten spezifisches Vorwissen mitbringen. Den Wissenschaftsjournalist(inn)en wird deshalb die Fähigkeit, komplexe Zu- sammenhänge verständlich zu machen, in besonderem Maß abverlangt. Zu ihren Hauptaufgaben gehört es, Fachausdrücke zu ersetzen oder zu erklären, Argumentationen zu verkürzen, mit anschaulichen Beispielen und weiteren Ergänzungen dafür zu sorgen, daß die Informationsdichte reduziert wird: Verständlichkeit durch sprachliches Umgestalten.

Aber das Verständlichmachen reduziert sich nicht auf dieses Umsetzen von Aussagen der Wissenschaft in die Sprache des Adressaten. Der klassische Wissenschaftsjournalist muß seinem Publikum auch regelmäßig Einzelheiten aus dem wissenschaftlichen Leben vertraut machen: Oft muß er Arbeitsabläufe (die für einen Insider in einem einzigen Wort zusammengefaßt sind) erklären, damit eine einfache Nach-richt verständlich wird. Manchmal reicht es nicht zu berichten, man habe eine 'Doppelblindstudie' vorgenommen, sondern es braucht eine Erklärung dieses ganzen Vorgangs - allgemein und im Zusam- menhang mit dem aktuellen Fall. In die Ausbildung von Wissenschaftsjournalist(inn)en gehört deshalb auch das Bewußtsein dafür, daß hier aus einer fremden Welt berichtet wird, die die Journalist(inn)en oft aus eigener Anschauung kennen, ihre Adressaten aber nicht. Das Ziel ist es, diese Welt begehbar zu machen. Wo einzelne Wörter bei Insidern ganze kognitive Karten und Handlungsabläufe abrufen, muß dem Laienpublikum der Weg in diese Zusammenhänge erst geöffnet werden. Mit einem reinen Neuschreiben ist das nicht getan. Es braucht völlig neue Texte aus neuer Perspektive: Verständlichkeit durch das Zugänglichmachen von Denkvorgängen.

Schließlich muß Wissenschaftsjournalismus wie jede Form des Journalismus berücksichtigen, daß eine Information erst dann einen Sinn macht, wenn der Adressat sie auch anwenden kann. Die Leserin will sich mit der einfachen Aussage ðHeute forscht man an der In-vitro-Reihung von EizellenÐ nicht begnügen, sie will Schlüsse für ihr eigenes Verhalten ziehen können. Die Wissenschaftsjournalistin bemüht sich deshalb, in ihren Recherchen nicht nur die Fakten, sondern auch die damit verbundenen Wertungen zu ermitteln. Sie stellt ihre Texte deshalb in einen Kontext, der für ihr Zielpublikum relevant ist. Sie scheut sich nicht, Wertungen wiederzugeben und selbst zu werten: Verständlichkeit durch Kommentarangebote.

So könnte man beliebig weiterfahren und weitere Ebenen des um Verständlichkeit bemühten Wissenschaftsjournalismus nennen. Welche von ihnen die wichtigste ist, läßt sich nicht ohne weiteres sagen. Wahrscheinlich ist ein Artikel mit zwei, drei inhaltlichen Fehlern, der dem Leser die eigenständige Wertung ermöglicht, wertvoller einzustufen als einer, der völlig korrekt ausfällt, dem aber jeder Bezug zu einer Anwendung des vermittelten Wissens fehlt.

 

Den Dialog ermöglichen

 

Wissenschaftssprache ist also übersetzbar. Gute Wissenschaftsjournalist(inn)en zeigen das in den verschiedenen Zeitungen täglich. Es wäre aber fatal, die journalistische Tätigkeit auf dieses Übersetzen zu reduzieren. Wer dies tut, wird der Aufgabe des Journalismus in der öffentlichen Kommunikation nicht gerecht.

Journalismus ermöglicht, daß die verschiedenen Teile der Gesellschaft voneinander erfahren und sich austauschen. Lokaljournalismus behandelt nicht nur die behördlichen Maßnahmen im Zusammenhang mit Obdachlosen, sondern berichtet auch aus der Perspektive der Obdachlosen und der übrigen Bürger, die mit ihnen in Kontakt kommen. Genauso kann auch Wissenschaftsjournalismus nicht darauf reduziert werden, daß der Rest der Bevölkerung lernt, was die Wissenschaft treibt. Er ist gleichzeitig die wichtigste Informationsquelle für die Wissenschaftler darüber, was andere gesellschaftliche Gruppen denken und tun. Öffentliche Kommunikation ist nicht einseitiges Verkünden, sondern gegenseitiges Wahrnehmen und Sich-Auseinandersetzen. Wissenschaftsjournalismus ist erst dann geglückt, wenn er den Dialog herstellt zwischen denen, die traditionell als Akteure der Wissenschaft gelten, und denen, die man allzuleicht nur als passives Publikum betrachtet.

 

Der Wissenschaftsjournalist als Moderator

 

In einer der größten Publikumszeitschriften der Schweiz führten kürzlich zwei 'Experten' ein Streitgespräch: eine grüne Bundespolitikerin und Ärztin als Kritikerin, ein Mikrobiologe der Universität Bern als Vertreter der Genforschung. Die erste Frage des Redakteurs, der sich beide stellen mußten, lautete: »Würden Sie ein Birchermüesli essen, in dem gentechnologisch veränderte Sojabohnen verarbeitet sind?«

Nach klassischen Regeln des Wissenschaftsjournalismus ist die Frage eher verständnishindernd. Sie läßt Zusammenhänge vermuten, die hier eher irrelevant sind. Dennoch akzeptierten beide Gefragten sie. Denn ihnen war wohl klar, daß diese Frage geeignet war, die Ängste vieler Bürgerinnen und Bürger auszudrücken. Und daß auch absurde Ängste ernstzunehmen sind, war den beteiligten Fachleuten zu diesem Zeitpunkt vielleicht deshalb besonders bewußt, weil eine Volksabstimmung über die Beschränkung der Genforschung bevorstand. Es wurde deutlich, daß alle Bürgerinnen und Bürger an der Kommunikation über Wissenschaft und an den wissenschaftspolitischen Entscheidungen beteiligt sind.

In einer demokratischen Gesellschaft ist der Wissenschaftsjournalist zunächst ein Moderator. Er ermöglicht den Dialog zwischen allen, die von der Wissenschaft betroffen sind. Um dies tun zu können, braucht er natürlich die Fähigkeit, Informationen verständlich wiederzugeben. Aber es ist nicht der einzige und nicht der zentrale Teil seiner kommunikativen Kompetenz. Viel wichtiger, als sklavisch korrekt Informationen von der Forschungsstätte zum Publikum weiterzugeben, ist es, für den Dialog zu sorgen, und dazu gehört auch, daß die Forscher(innen) mit Informationen, Fragen und Kommentaren aus dem Publikum konfrontiert werden.

Dies spricht zum Beispiel für Talkshows, in denen besorgte Bürger(innen) ebenso zu Wort kommen wie Wissenschaftler(innen) - obwohl darin weniger präzise informiert wird als im wissenschaftsjournalistischen Bericht. Es spricht auch für den sorgfältigen Umgang mit Leserbriefen. Und es spricht dafür, daß eine Demo gegen Tierversuche (die meistens auf der Lokalseite abgehandelt wird) ebenso auf die Wissenschaftsseite gehört wie der Bericht aus dem Labor, in dem mit Katzen experimentiert wird.

Letztlich nimmt ein dialogisches Verständnis von öffentlicher Kommunikation auch den Wissenschaftsjournalisten einen Teil ihrer Last. Sie sind nicht allein verantwortlich dafür, daß das öffentliche Gespräch über Wissenschaft im Gang bleibt. Aber sie sind diejenigen, die speziell dafür ausgebildet werden können und die in ihren Medien attraktive Darstellungsformen fördern können, in denen das Dialogische stärker betont und die reine Hofberichterstattung zurückgestuft wird.

 

Prof. Dr. Jürg Häusermann ist seit 1993 Professor für Medienanalyse/Medienproduktion im Rahmen des Tübinger Aufbaustudiengangs Medienwissenschaft/Medienpraxis. Davor arbeitete er in der Schweiz als freier Radiojournalist und Ausbilder für verschiedene Rundfunkstationen und Verlage.

Bild: Bauknecht

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