Trockene Wissenschaft - skandalös dargeboten?
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Wie Radio Eriwan hätte Sigi Lehmann am liebsten die Eingangsfrage: "Können Wissenschaftler und Journalisten sich überhaupt verstehen?" beantwortet: nämlich mit "Im Prinzip ja, aber...". So komme es doch sehr darauf an, wer mit wem worüber spreche. "Sie könnten sich vielleicht besser verstehen, wenn sie mehr voneinander wüßten, auch von der Strukturierung der jeweiligen Arbeitswelt. Dabei ist es wichtig, daß man nicht von vorneherein durch Dünkel oder ähnliches Distanzen schafft, sondern sich aufeinander einläßt." Die Wissenschaftler zögen sich häufig "in ein Schneckenhaus zurück, wenn sie kritisch gepiesackt werden. Es ist die Aufgabe von Journalisten mit der Nadel hineinzustechen, um die Schnecke herauszuholen."
Dabei wird nach Ansicht von Ulrich Janßen die journalistische Arbeit immer wichtiger, da man sich mittlerweile schon zwischen den Fakultäten auf hohem fachlichen Niveau nicht mehr verstehen könne. Der ðTagblattÐ-Redakteur setzt auf vertrauensbildende Maßnahmen gegen Verständigungsprobleme: "Ich habe keine Bedenken, schwierige Texte gegenlesen zu lassen, das hat sich auch bewährt." Ohnehin gebe es die "großen Pannen mit jahrelang gehegtem Groll" nicht mehr. Die junge Wissenschaftlergeneration sei offener für die Journalisten. "Das erhabene, professorale Verständnis von Wissenschaft wird nicht mehr gepflegt."
Stärker auf strukturelle Probleme gingen die beiden Wissenschaftler ein. Prof. Wagner wies zunächst auf die Gemeinsamkeit hin, daß beide Berufsgruppen im Grundgesetz Artikel 5 geschützt werden. Doch: "Die Interessen von Wissenschaftlern und Journalisten sind verschieden, auch wenn sie beide an die Öffentlichkeit wollen", gab der Physiker dann zu bedenken. "Der Wissenschaftler will seine Ergebnisse zuerst gewinnen und sie den Fachkolleg(inn)en mitteilen; erst in zweiter Linie will er sie einem fachfremden Publikum vermitteln. Der Journalist hingegen muß "verkaufen", d.h. er wird die Dinge auch kritisch beleuchten wollen, um sie entsprechend dem Publikumsinteresse darzubieten." Auch wenn wohl allen klar sei, daß Wissenschaftsberichterstattung weit über den reinen Forschungsbericht hinausgehe, komme es hier immer wieder zu Spannungen. "Die Hilfe der Wissenschaftler für den sachlich korrekten Bericht wird oft nicht angenommen, ja vom Journalisten nicht einmal nachgefragt. Umgekehrt wird von den Wissenschaftlern die Kritik der Journalisten nicht gern gesehen", bemängelte Wagner.
Gar als deutlich nachrangige Auf-gabe eines Hochschullehrers - nach Forschung und Lehre - sieht Prof. Frank Kolb die Information der Öffentlichkeit. Für den Journalisten hingegen sei dies die erste Aufgabe. "Es geht ja nicht nur um den Dialog zwischen Journalisten und Wissenschaftlern. Vielmehr besteht die grundsätzliche Spannung zwischen den beiden in der Vermittlungsaufgabe des Journalisten an ein breites Publikum, dessen Aufnahmefähigkeit für wissenschaftliche Ergebnisse begrenzt ist", erklärte Kolb.
Auch Ulrich Janßen räumte Interessenkonflikte zwischen beiden Gruppen ein, behandelte sie aber pragmatischer. "Sicher ist trockene Wissenschaft nicht gerade der interessanteste Lesestoff. Das Publikum zieht es halt eher auf die Leseseiten, wo es den Skandal wittert. Trotzdem versuchen wir, aus dem, was die Wissenschaft uns bietet, etwas mehr herauszukitzeln. Das ist ein Spiel, das beide Seiten erlernen können."
Sigi Lehmann wies darauf hin, "daß es nicht nur um die sachlich-logisch richtige Darstellung geht", und forderte von den Wissenschaftlern in ihrem eigenen Interesse mehr Engagement. "Es gibt ja auch heikle Themen, die politisch relevant sind, etwa die Gentechnik. Meiner Ansicht nach gestaltet sich die öffentliche Diskussion dazu heute deswegen so schwierig, weil die Wissen- schaftler sich zunächst abgeschottet haben. Diese passive Haltung machte letztlich einen ganzen Berg von Öffentlichkeitsarbeit nötig, als kritische Stimmen laut wurden. Ich halte dies auch für wissenschaftspolitisch unklug."
Noch lebhafter wurde die Diskussion, als Prof. Kolb das Thema "unzuverlässige Berichterstattung" anschnitt. "Ich persönlich habe noch nie erlebt, daß irgendein mir vertrauter Sachverhalt korrekt dargestellt wurde, es sei denn ich habe ihn selbst formuliert oder redigiert", beschwerte sich der Althistoriker. "Wie soll ich das nennen: Sorglosigkeit? Unfähigkeit? Jedenfalls hegen Wissenschaftler zu Recht Mißtrauen gegen Journalisten - das ist kein Dünkel."
"Alle machen Fehler, sogar Wissenschaftler. Auch die Natur lernt aus ihren Fehlern, und das ist sogar ausgesprochen fruchtbar", konterte Janßen und erklärte die Fehlerquote in Tageszeitungen mit Zeitdruck. "Auch der Druck zur Kürze geht auf Kosten der Differenziertheit. Wir müssen oft Dinge weglassen, begradigen. Meiner Erfahrung nach werden nicht unbedingt Fehler bemängelt, sondern - aus Sicht der Wissenschaftler - unerlaubte Zusammenfassungen."
An ein typisches, wenn auch besonders amüsantes Beispiel für elementare Fehler erinnerte sich Prof. Wagner: "Über einen jungen Kollegen wurde berichtet, daß er mit Teilchen experimentiert, die die 80fache Lichtgeschwindigkeit haben. Daß das Unfug ist, müßte eigentlich jeder Abiturient wissen. Richtig war na-türlich 80prozentige Lichtgeschwindigkeit." Problematischer fand der ehe- malige Vizepräsident der Universität Tübingen dagegen, wenn "in hochschulpolitischen Darstellungen Zitate aus dem Zusammenhang gerissen werden, so daß ein falsches Bild der Situation entsteht." Und er tadelte: "Von der journalistischen Ethik her gese- hen ist das sicherlich nicht korrekt." Schließlich forderte der Physiker künftig "eine saubere Trennung von Bericht und Meinung".
Daß es "Journalisten gibt, die - aus welchen Gründen auch immer - nicht ordentlich arbeiten", mochte auch Sigi Lehmann nicht bestreiten, wollte jedoch nicht "mit allen anderen in einen Topf geworfen" werden. "Wissen- schaftler haben Anspruch auf Sorgfalt, das ist eine Bringschuld von uns", betonte sie. "Andererseits kann man auch von Wissenschaftlern erwarten, daß sie sich mit der Medienlandschaft auseinandersetzen, in der sie leben. Sie müssen differenzieren und z.B. wissen, welchem Medium, welchem Verlag sie gerade ein Interview geben."
Verschiedene Auffassungen herrschten auch in der Einschätzung der Öffentlichkeit, wobei die Verpflichtung zur Information der Öffentlichkeit, die als Steuerzahler Wissenschaft letztlich finanziert, uneingeschränkt anerkannt wurde. "Unser Ziel ist, wissenschaftliche Ergebnisse für die Öffentlichkeit zu übersetzen, damit die politischen Entscheidungen möglichst rational oder zumindest aufgrund einer möglichst großen Datenbasis fallen können", proklamierte Lehmann.
"Dieser Anspruch ist sehr hoch gehängt", dämpfte Wagner. "Die Zusammenhänge, über die derzeit entschieden wird - z.B. in der Gentechnik - sind zu komplex: Nicht einmal die Experten sind sich einig. Selbst objektive Information führt also nicht automatisch zu einem politisch rationalen Ergebnis." Kein elitärer Standpunkt, sondern eine Beobachtung sei, daß "die aktuelle Forschung beim derzeitigen Bildungsstand schwer zu vermitteln ist. Sogar für heutige Abiturienten ist vieles zu kompliziert."
"Eine kritische und unabhängige Presse ist eine Voraussetzung für die Demokratie", konstatierte Jan-ßen. Besorgt stimmte den Redakteur jedoch, daß "unterhalb einer Fundamentalkritik - etwa der Gentechnik - keine Einzelkritik mehr geübt wird. Viele Journalisten trauen sich nicht mehr zu, über den Sinn eines einzelnen Forschungsprojekts ein Urteil zu fällen und speziell darüber, ob es sein Geld wert ist. Damit ist eine wichtige Instanz verloren gegangen."
Hier erntete Janßen heftigen Widerspruch von beiden Wissenschaftlern. Die Kontrolle der Forschung und der Forschungsgelder liege nicht in den Händen von Journalisten, sondern von Gremien und Ausschüssen. Diese nähmen ihre Aufgabe akribisch und ausreichend wahr.
Die journalistische Sorgfaltspflicht beinhalte, daß das Publikum informiert werde, mahnte der Althistoriker Kolb. "Was aber heute in unseren Medien sehr häufig passiert, ist nicht Information, sondern Desinformation. Was wir in der Mediengesellschaft haben, ist das Überschütten einer breiten Öffentlichkeit mit Informationsschrott." Schon die Durchmischung von Nachricht und Kommentar zeige, daß von vorneherein gar nicht beabsichtigt sei, die Sachinformation zu bieten, auf deren Basis das Publikum sich eine unabhängige Meinung bilden könne. "Der Bildungsoptimismus scheitert schon in den Schreibstuben der Zeitungen."
Sigi Lehmann hielt den beiden Professoren vor, das Publikum zu unterschätzen. "Der Boulevard macht nicht die Meinungsbildung aus. Die Leute informieren sich auf die unterschiedlichste Weise. Die Meinungsbildung entsteht kumulativ, aus einem komplexen Gefüge, wenn immer wieder in den Medien berichtet wird." Wiederum warf die Uniradio-Leiterin den Wissenschaftlern zu große Zurückhaltung vor. "Warum kämpfen Wissenschaftler nicht in den Redaktionen darum, daß es weniger Informationsschrott gibt? Warum wird hingenommen, daß Infotainment die eigentliche Information ablöst?"
Lehmann schloß: "Ich möchte nicht nachlassen in dem Streben, eine größere Gruppe als eine entscheidungsrelevante Elite zu informieren. Schließlich wäre eine ungebildete Masse der absolute Horror." Dieser Meinung konnten sich am Schluß der Diskussion auch alle anschließen.
Jutta Schönberg
MedientrainingWissenschaftler können den Umgang mit dem Journalismus auch üben. So bietet u.a. das Forschungszentrum Jülich ein dreitägiges Medientraining an. Ziel ist, die Handlungsmöglichkeiten von Wissenschaftlern im Kontakt mit Journalisten darzustellen und einzuüben und so die Medienkompetenz zu erweitern. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf praktischen Übungen in kleinen Gruppen unter Anleitung erfahrener Journalisten, so etwa Interviews mit Videokontrolle und Schreibübungen. Weitere Informationen im Internet unter: www.kfa-juelich.de/mut/medien/training.html
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