Ungeahnte Schätze in der Holzbaracke

Eine Universitätssammlung, die es zu entdecken gilt

Ein weitgehend unbekanntes Schatzkästlein der Universität ist nur auf verschlungenen Pfaden zu erreichen: Wenn man den Lothar-Meyer-Bau in der Wilhelmstraße umrundet, landet man vor einer rot- brau- nen Holzbaracke. Sie beherbergt die Mineralogische Schau- und Lehrsammlung, die längere Zeit nicht zugänglich war. Während der Gebäuderenovierung 1990 mußte sie teilweise ausgelagert werden, 1991 wurde mit dem Wiederaufbau in einer völlig neuen Präsentation begonnen. Inzwischen hat der Kustos Dr. Udo Neumann mit seinen zwei studentischen Mitarbeitern etwa drei Viertel der Sammlung neu gestaltet.

Glanzstück dieses mit ca. 40 Vitrinen kleinen Universitätsmuseums ist die Meteoritensammlung. Ihren Kern bildet die der Universität 1869 vermachte Privatsammlung von Freiherr Karl Ludwig von Reichenbach, einem in der Eisenhüttenindustrie in Mähren tätigen Chemiker und Unternehmer. Welchen wissenschaftlichen Wert Meteoriten haben, hat Reichenbach selbst anschaulich erklärt: "Ein Meteorit ist ein kleiner Stern, der sich aus den Himmelsräumen zu uns auf die Erde niederläßt. Er bringt uns Kunde von außerhalb unserer Erdenwelt. Fragen, die wir an die Sterne, an ihre Bildungsgeschichte, an ihre Zustände, an ihren Stoffgehalt stellen, beantwortet er und berechtigt uns zu weitreichenden Schlüssen über die Natur des Weltgebäudes und der darin waltenden Kräfte." Manche Meteoriten lassen aber auch Rückschlüsse auf die Zusammensetzung des Erdkerns zu. Durch die Schenkung Reichenbachs besaß Tübingen damals die zweitgrößte Meteoritensammlung der Welt, auch heute ist sie mit knapp 1000 Stücken - vieles wurde in den letzten 130 Jahren gesammelt und dazugekauft - eine der größten in Deutschland. Man sieht hier Bruchstücke von Meteoritenfunden aus aller Welt und von Gesteinen, die durch Meteoriteneinschläge verändert wurden (wie z.B. aus dem Nördlinger Ries). Darunter befinden sich auch der von Sebastian Brant als Augenzeuge beschriebene Meteorit von 1492 im elsässischen Ensisheim oder der russische Meteorit Krasnojarsk, mit dem die wissenschaftliche Meteoritenkunde begann.

Viel mehr noch gibt es zu entdecken in den äußerlich unscheinbaren Räumen. "Wir sind davon ausgegangen, daß für jeden etwas dabei sein muß: für den, der sich einfach nur ein paar Minerale anschauen will, weil er sie ästhetisch findet, wie auch für den, der etwas mehr über Entstehung oder Eigenschaften von Mineralen und Gesteinen wissen will, bis hin zum Spezialisten, der gezielt nach Beson- derheiten der Sammlung sucht", erläutert Udo Neumann das Konzept der neuen Präsentation. Unter den schätzungsweise 40000 Stücken, die das Institut besitzt, von denen aber nur ein Bruchteil ausgestellt ist, wird jeder Besucher an- dere Lieblingsstücke entdecken: ob in der Schwabenvitrine heimische Gesteine wie Kalzitkristalle im Inneren von Ammoniten oder Gagat (Pechkohle) aus Mössingen, ob mineralogische Kuriositäten wie Zwillingskristalle oder Pseudomorphosen (hier wird ein bestehendes Mineral durch wäßrige Lösung umgewandelt, wobei ein neues Mineral entsteht, das jedoch die Gestalt des Ausgangsminerals behält) oder gar künstliche Kristalle wie in Japan gezüchtete ca. 10 cm große synthetische Quarze, die zwischen 50 und 80 Tagen in riesigen, 14 m langen Autoklaven bei Temperaturen von über 300 Grad entstanden sind. Auch Geheimnisse birgt die Sammlung, wie ein im vulkanischen Gestein vorkommendes Mineral, das weltweit wohl nur am ehemaligen Vulkan Jusi bei Metzingen zu finden ist.

Besucher können ihre Allgemeinbildung auffrischen und erweitern und sich über die Systematik und die Eigenschaften von Mineralen informieren oder über den "Kreislauf der Gesteine", der verdeutlicht, daß Gesteine nicht für alle Ewigkeit bleiben, was sie sind, sondern in ständigen Prozessen wie Hebung, Verwitterung, Abtragung, Sedimentation, Vulkanismus und Magmenbildung im Wandel begriffen sind. In der Abteilung für Angewandte Mineralogie reicht das Spektrum der Beispiele von aus Talk gewonnenem Körperpuder über Silizium-Einkristalle zur Chipherstellung bis hin zu Hochleistungskeramiken aus Siliziumnitrid als Ergebnis modernster Materialforschung.

"Insgesamt ist die Tübinger Sammlung nicht eine der größten", räumt Neumann ein, aber "von der ästhetischen Gestaltung gehört sie sicher zu den schönsten". Und ein abschließender Seufzer: "Leider haben wir kein Mondgestein. Das wäre schön." Proben von den Mondlandungen hatte die Nasa aber nur zu Forschungszwecken nach Tübingen gegeben, sie konnten hier nicht auf Dauer bleiben.

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Die Mineralogische Schau- und Lehrsammlung der Universität Tübingen befindet sich in einer Holzbaracke hinter dem Lothar-Meyer-Bau, Wilhelmstr. 56. Sie ist während des Semesters mitt-

wochs von 15 bis 17 Uhr geöffnet. Nähere Auskünfte und Vereinbarung von Gruppenführungen: Dr. Udo Neumann, Tel.: 07071/29-72600

E-Mail:

udo.neumann@uni-tuebingen.de

Bild: Schalenblende aus Polen, die eine schichtförmige Abfolge der Minerale Spahlerit, Wurtzit, Galenit und Markasit zeigt.

Foto: Bauknecht

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