Teilzeitstudium als Doppelbelastung

von Christine Keck

In deutschen Hochschulen wird der Ruf nach einem schnellen, effizienten und zielgerichteten Studium immer lauter. Was die Bildungspolitiker dabei übersehen, zeigt ein Blick in den Lebensalltag einiger Studierender. Der traditionelle Student, der seine ganze Kraft aufs Lernen verwendet, ist zur Fiktion geworden, - denn fast jeder, der heutzutage studiert, muß nebenher jobben.

Wenn um sechs Uhr dreißig der Wecker klingelt, würde sich Fabian G. gerne noch mal im Bett umdrehen und ein Stündchen schlafen. Doch der Student der Musikwissenschaft und Kunstgeschichte muß zur Arbeit. Für eine schnelle Tasse Kaffee reicht es noch. Dann geht's mit den Sicherheitsschuhen an den Füßen per Fahrrad zum Frachtzentrum der Post. Dort wartet auf ihn ein Berg Pakete, die er in den knallgelben Postlaster befördert und in Tübingen und Umgebung ausliefert. Nach rund vier Stunden ist Fabian mit der Frachtzulieferung und Bearbeitung der Auslandspakete fertig. Jetzt kann der Studienalltag beginnen. Fabian muß sich zur Vorlesung ðModerne ArchitekturÐ in der Neuen Aula ein bißchen beeilen, und zu Hause wartet auf dem Schreibtisch zudem die Diplomarbeit.

 

Arbeitsreiches Doppelleben

 

Der viel beschäftigte Fabian G. zählt zu den etwa zwei Dritteln der Studierenden in Deutschland, die neben dem Studium einer bezahlten Tätigkeit nachgehen. Mit seinen knapp zwanzig Arbeitsstunden pro Woche, die ihm immerhin rund 1900 DM im Monat einbringen, finanziert er sein Studium. Seit sechs Jahren arbeitet der 36jährige Student und gelernte Musikalienhändler bei der Post, und ihm ist klar: »Mein Studium habe ich immer wieder vernachlässigt. Arbeiten nimmt einfach Kraft weg, so daß das Lernen letztendlich zu einer Disziplinfrage wird.«

Mittlerweile hat sich Fabian, der nach 23 Semestern seinen baldigen Abschluß plant, mit der Doppelbelastung Universität und Jobben gut arrangiert. Er weiß jedoch, daß es auch Grenzen gibt, denn manche Arbeit läßt sich nur schlecht mit dem angestrebten Studienpensum vereinbaren. »Früher jobbte ich in der Nachtschicht von Mitternacht bis acht Uhr morgens, und da war mit Studieren nicht mehr viel drin.« Eine verpatzte Zwischenprüfung in Ethnologie und mangelnde Motivation waren Folgeerscheinungen. Nach zwei Jahren wurde dem ausgepowerten Teilzeitstudenten bewußt: So kann es nicht weitergehen. Das Ende der Nachtarbeit und ein Studienfachwechsel brachten neuen Elan.

 

Bafög nur für wenige

 

Jobben während des Studiums ist eine enorme Doppelbelastung und fordert seinen Tribut: Das Studium dauert wesentlich länger. Trotzdem sind mehr und mehr Studierende gezwungen, für ihre Lebenshaltungskosten selbst aufzukommen. Auch der Weg zum Bafög wird immer hürdenreicher. Ob Studienfachwechsel, wie im Fall des Fabian G., augenscheinlich zu hohes Einkommen der Eltern oder Überschreitung der Förderungshöchstdauer - viele Gründe werden aufgeboten, um dem sozial schwächeren akademischen Nachwuchs nicht mit Staatsgeldern unter die Arme greifen zu müssen. Der Blick auf die schrumpfende Zahl der Bafög-Emp- fänger(innen) ist erschreckend. Im Westen ist der Anteil der geförderten Studierenden inzwischen auf unter 20 % gefallen. 1983 war er noch doppelt so hoch. Im Osten stürzte die Quote der Geförderten von 90 % im Jahr 1990 auf heute 60 %. Immer schwieriger wird es, an Gelder aus staatlichen Töpfen heranzukommen, und infolgedessen steigt die Zahl derer, die sich ohne Unterstützung selbständig finanzieren müssen.

Die dringend nötige grundlegende Reform des Bafög ist seit langem im Gespräch, und allerhand Entwürfe wetteifern um Anhänger. Bis allerdings Bund und Länder zur letzten Runde des Ringens um eine Bafög-Neuregelung einläuten, siecht das Bafög weiter vor sich hin, und Hochschulabsolvent(inn)en sind nach wie vor auf ihre Jobs angewiesen.

 

Disziplin und Organisation

 

Vor allem die Semesterferien sind ein beliebter Zeitraum, um das geplünderte Bankkonto zu polstern, doch beschränkt sich das Arbeiten bei weitem nicht nur auf die vorlesungsfreie Zeit. Fast 50 Prozent der Studierenden gehen - laut einer am Soziologischen Institut der Universität Tübingen durchgeführten Studie - auch während des Semesters einer Erwerbstätigkeit nach.

Frank R., Student der Rhetorik und Empirischen Kulturwissenschaft, ist einer von ihnen. Seit fünf Jahren ist er zwei bis drei Tage die Woche in einer Tübinger Weinhandlung angestellt. Als positiv bewertet er die freie Zeiteinteilung: »Im Gegensatz zu einem Fabrikjob kann ich zu Beginn eines Semesters, sobald ich weiß, welche Seminare ich belegen will, meine Arbeitstage neu festlegen.« Für den 27jährigen Kopfarbeiter ist es »durchaus angenehm, aus der Uni rauszukommen und mal nicht am Schreibtisch zu sitzen«, auch wenn das Weinverkaufen für ihn »sicher kein Traumjob« ist. Frank R. muß seine Woche straffer organisieren und das Lernen verlagert er zwangsweise auf den Abend oder aufs Wochenende.

Die Perspektive einer Studiengebühr für Langzeitstudierende in Baden-Württemberg - geplant sind 1000 DM ab dem 15. Hochschulsemester - bereitet Frank R., der mittlerweile im 12. Semester studiert, Bauchschmerzen. Mitten im Examensjahr müßte er noch mehr arbeiten als jetzt, und das ist für ihn »eine unglaubliche Zumutung«.

Das Problem liegt auf der Hand: Teilzeitstudierende werden an deutschen Universitäten benachteiligt. Studien- und Prüfungsordnungen müßten dem sozialen Profil der Studierenden angepaßt werden, doch das ist bisher nicht der Fall. Nur die Fernuniversität Hagen - eine lobenswerte Ausnahme in Deutschland - läßt den Studierenden die Wahl, sich als Vollzeit- oder Teilzeitstudent(inn)en einzuschreiben, und diesen wird folglich eine längere Studiendauer gestattet.

 

Die Ignoranz der Politik

 

Eine Studie des Bayrischen Staatsinstituts für Hochschulforschung und Hochschulplanung von 1996 macht auf konkrete Probleme wie ständigen Zeitdruck und Kollision der vorgegebenen Studienpläne mit den Terminen für die Erwerbstätigkeit aufmerksam und drängt auf bedarfsorientierte Lösungen. Gefordert wird eine sanktionsfreie Verlängerung der Regelstudienzeit, flexiblere Prüfungsmodalitäten und Verbesserungen der Studienorganisation.

Die Ignoranz der Bildungspolitiker, die auf akute Probleme nicht reagieren und stattdessen mit Studiengebühren den sozialen Numerus Clausus einführen, ärgert Regina S. Die 31jährige Deutsch- und Politikstudentin ist mit ihrem 25%-Vertrag als Krankenschwester an der Tübinger Uniklinik voll ausgelastet. Auch sie wird es kaum schaffen, innerhalb der 14 Semester ihr Studium zu beenden, und damit drohen ihr halbjährlich 1000 DM Strafgeld.

Obwohl Regina S. gerne im sozialen Bereich arbeitet, wäre ihr »ein Job mit Berufsperspektive, bei dem auch Uniwissen angewandt werden kann«, lieber. Zwar boten Praktika im Verlag und in einer Bildungseinrichtung Einblicke in mögliche Berufsfelder, aber mehr als eine Stippvisite wurde nicht zuletzt aufgrund der Sparpolitik der Arbeitgeber nie daraus.

Wer eine Arbeit sucht, darf nicht wählerisch sein, denn die schlechte Lage auf dem Arbeitsmarkt drängt zum Zugreifen. Die Akademiker(innen) von morgen sortieren heute Briefe, stecken Brötchen in Tüten oder lassen Bier aufschäumen. Und am Käsestand auf dem Tübinger Wochenmarkt empfiehlt ein angehender Doktor der Mediävistik die beste Weichkäsesorte.

Christine Keck studierte in Tübingen Anglistik, Germanistik und Politikwissenschaft. Im Frühjahr machte sie ein Praktikum am Presseamt der Universität. Mittlerweile arbeitet sie als freie Mitarbeiterin beim ðSchwäbischen TagblattÐ.

 


Warum jobben?

Als Motiv für den Teilzeitjob nennen knapp drei Viertel der Studierenden die Notwendigkeit, ihren finanziellen Grundbedarf zu decken - sie sind auf den Zuverdienst unbedingt angewiesen. Vollzeitstudierende dagegen nehmen Jobs eher zur Befriedigung zusätzlicher Bedürfnisse an.


Jobben und Studienerfolg

Wegen ihren Verpflichtungen neben dem Studium reduzieren Teilzeitstudierende gezwungenermaßen ihren zeitlichen Studienaufwand. Brüche im Studienverlauf zeigen sich häufiger, und der Anteil der Studienabbrecher ist - zumeist aus finanziellen Gründen - dreimal so hoch wie der unter den Vollzeitstudierenden.

 

Presse MAIL

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