Zu Ämtern kommt man so ist des Öfteren zu
hören wie die Jungfrau zum Kinde. Ganz so war es
bei meiner Berufung in die »Kommission für die Nachhaltigkeit
in der Finanzierung der Sozialen Sicherungssysteme«
kurz: »Rürup-Kommission« nicht. Denn
ich hatte einerseits als Wissenschaftler schon einige Erfahrungen
in der Politikberatung gesammelt und verfüge über
einschlägige fachliche Kompetenzen als vergleichender
Wohlfahrtsstaatsforscher, andererseits hatte das Ministerium
bereits vorher angefragt. Freilich bedeutet dies auf dem glatten
Parkett der Politik nicht allzu viel und daher war ich
persönlich wie als Vertreter meines Fachs angenehm
überrascht, als meine Mitarbeiterinnen vormittags anriefen
und mich über die Berufung unterrichteten. Das offizielle Fax aus dem Ministerium
kam erst am Abend. Ebenso überraschend war das schnell
einsetzende Interesse der Öffentlichkeit von den
Medien über die (vor allem nichtwissenschaftlichen) Mitglieder
des Instituts bis zu den so genannten einfachen
Bürgern.
Ein reines Ehrenamt
Was bedeutet es nun, Mitglied einer solchen Kommission zu sein?
In erster Linie Vorbereitung und Teilnahme an rund zwei Dutzend Sitzungen
in Berlin. Das entspricht etwa einer Arbeitsbelastung von ein
bis zwei Tagen pro Woche, denn die über 200 Unterlagen,
die bislang produziert worden sind, müssen ja schließlich
gelesen werden. Hinzu kommen eine Vielzahl von Materialien diverser
Verbände aus der Grauzone zwischen Information und Interessenvertretung.
Der Lobbyismus lebt und ganz besonders im Gesundheitswesen
so lässt sich die eingehende Post interpretieren. Nur
am Rande vermerkt: Aus dem fernen Tübingen kommt man leider
nicht in den Genuss der positiven Seiten dieses Phänomens:
Die Teilnahme an den mehrfach angebotenen Empfängen und
Essen dieser Verbände ist unmöglich. Da bleibt nur
die amtliche Verpflegung an Sitzungstagen etwas über
dem Tübinger Mensa-Niveau.
Ansonsten ist die Tätigkeit in der Kommission rein privat
und ehrenamtlich: keine Deputatsreduktion, keine Aufwandsentschädigung
oder Ähnliches nur die Erstattung von Reisekosten
(abzüglich der erhaltenen Verpflegung natürlich). Der Kontext von Politikberatung
ist in diesem Falle stark bürokratisch geprägt
vom mehrfach behaupteten »Regieren durch Kommissionen« ist bislang eher wenig sichtbar
geworden.
Angesichts der Brisanz der zu behandelnden Themen und der
Zusammensetzung der Kommission ist es nicht verwunderlich, dass
die Sitzungen nicht immer in einvernehmlichen Beschlüssen
geendet haben und gelegentlich kontrovers diskutiert wurde.
Doch ganz so wild, wie in manchen Zeitungen behauptet
von »Gebrüll« war zum Beispiel die Rede ,
ging es dabei aber in Wirklichkeit nicht zu. Insgesamt gesehen
hat der interdisziplinäre Diskurs zwischen Wirtschaftswissenschaftlern
und Politologen sogar recht gut funktioniert.
»Speaking truth to power«
Problematischer vor allem für die Außenwahrnehmung
der Kommission war der Umstand, dass einige Mitglieder
ihre Positionen frühzeitig öffentlich machten. Freilich
hat die Politik, die es ja zu beraten gilt, sich ebenfalls nicht
auf die Rolle eines interessierten Zuhörers beschränkt,
sondern ihrerseits sozialpolitische Debatten entfacht, die den
Auftrag der Kommission berührten. Zugleich haben sich die
Medien wie wild auf die Kommission gestürzt, und nicht
selten waren die Hauptstadtbüros einiger Zeitungen ebenso
schnell im Bilde wie die Mitglieder. Diesem friendly
fire fiel mancher Versuch zum Opfer, sich und andere
in Ruhe zu beraten.
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