Ehrlich zu sich selbst

Die deutsche Wissenschaft muß sich dem Thema Forschungsbetrug endlich stellen

von Marco Finetti

Marco Finetti studierte Publizistik, Geschichte und Politikwissenschaft in Münster. Nach freier journalistischer Tätigkeit für die ZEIT, die Süddeutsche Zeitung und den WDR leitet er heute die Redaktion der Deutschen Universitäts-Zeitung (DUZ) in Bonn. Foto: Schiffer-Fuchs

Wie die Zukunft der Forschung hierzulande aussieht, hängt nicht nur von den Leistungen ihrer Forscher und den finanziellen, politischen und juristischen Rahmenbedingungen ab. Unabdingbar ist auch eine selbstkritische Auseinandersetzung mit den eigenen Negativseiten. Damit aber tut sich die deutsche Forschung noch immer schwer, wie etwa der Umgang mit Betrug und Fälschung in ihren Reihen zeigt.

Zugegeben, auch wir waren optimistisch. Als mein Kollege Armin Himmelrath und ich Anfang 1998 mit der Arbeit an einem Buch über Betrug und Fälschung in der deutschen Wissenschaft begannen, glaubten wir, dies genau im richtigen Moment zu tun. Einige Monate zuvor war der »Fall Herrmann/Brach« ans Licht gekommen, der bislang spektakulärste Fälschungsskandal in der deutschen Forschung. Für uns als Wissenschaftsjournalisten war dies natürlich ein idealer Aufhänger, der die zuvor zwar erwogene, aber doch wieder verworfene Buch-Idee erst konkret werden ließ. Doch nicht nur deshalb waren wir guter Dinge, als wir nun Betrugs- und Fälschungsfällen, -spielarten und -vorwürfen nachspürten, Hintergründe recherchierten und uns Gedanken über mögliche Schutzvorkehrungen machten. Hoffnungsvoll stimmte vor allem, daß die deutsche Wissenschaft eine umfassende Aufklärung des Skandals an sich und eine selbstkritische Auseinandersetzung mit dem Thema insgesamt angekündigt hatte.

Das war neu, davon war bis zu diesem Zeitpunkt nichts zu spüren gewesen. Im Gegenteil: Jahrzehntelang hatte die deutsche Wissenschaft Betrug und Fälschung in den eigenen Reihen ebenso konsequent wie wider besseres Wissen verdrängt und totgeschwiegen. So etwas gibt es bei uns nicht, hatten auch wir zu hören bekommen, als wir uns zuvor hin und wieder journalistisch mit dem Thema befaßt hatten und den mal durch Zufall, mal durch Indiskretion bekannt gewordenen Fällen nachgegangen waren.

Denn solche Fälle hatte es natürlich auch lange vor Friedhelm Herrmann und Marion Brach schon gegeben. Auch in deutschen Landen hatten Forscher immer wieder Ergebnisse geschönt, gefälscht, von Kollegen abgeschrieben oder glatt erfunden. Und natürlich hatte sich dabei gerade in jüngster Zeit gezeigt, daß viele Manipulationen eng verbunden waren mit den Auswüchsen des modernen Forschungsbetriebes: Der immer irrwitzigere Wettlauf um Fördermittel, der immer stärkere Publizierzwang (publish or perish), die immer größeren Aufstiegshürden und Absturzgefahren für den wissenschaftlichen Nachwuchs, der Einzug der Show- und Medienwelt in die Forschung und die fortschreitende Fragmentarisierung der Wissenschaft - diese diseases of science (Derek J. de Solla Price) hatten auch im deutschen Wissenschaftsbetrieb immer wieder Betrug und Fälschung hervorgebracht. Die Wissenschaft und vor allem die Hochschulen und großen Forschungsorganisationen aber hatten das Thema zum Tabu erklärt und jede offene Auseinandersetzung unterbunden, nach innen wie nach außen. Nur wenige Wissenschaftler und Wissenschaftsfunktionäre ließen sich überhaupt auf eine Diskussion darüber ein, und selbst sie sprachen von einem vernachlässigbaren Phänomen oder von einzelnen Verfehlungen ohne größere Bedeutung. Wesentlich häufiger aber passierte es, daß die Repräsentanten der Zunft die Existenz des Phänomens schlichtweg leugneten. Betrug und Fälschung - kein Thema!

All dies aber sollte nun nach dem »Fall Herrmann/Brach« anders werden. Und tatsächlich sah es für einige Wochen so aus, als sei dieser Schock ein heilsamer gewesen, als hätte die Furcht vor einem weiteren öffentlichen Vertrauensverlust und vor politischen und juristischen Eingriffen in ihre Unabhängigkeit die deutsche Wissenschaft eines Besseren belehrt: Die zur Klärung des Falls eingesetzten Untersuchungskommissionen leisteten schnelle und gründliche Arbeit; die besonders getroffene Deutsche Forschungsgemeinschaft ließ eine internationale Expertenkommission Ursachen und Folgen diskutieren und Regeln für gute wissenschaftliche Praxis formulieren, die für alle Antragsteller verpflichtend gemacht werden sollten; die Max-Planck-Gesellschaft erarbeitete eine Verfahrensordnung für den Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten, die sich nicht nur gut las, sondern sich bei einem kurz darauf aufgedeckten Fälschungsfall an einem ihrer Institute auch bewährte. So weit, so gut!

Die Universitäten reagierten auf Anregung der DFG und der Rektorenkonferenz mit Verfahrensordnungen zum Umgang mit Fehlverhalten in der Wissenschaft. Die in Tübingen eingerichtete Kommission mußte bis Redaktionsschluß dieser Ausgabe nicht tätig werden.

Von neuer Offenheit keine Spur

Doch die Freude währte nicht lange. Abseits der öffentlichkeitswirksam präsentierten Verfahrensregeln und Ehrenkodizes nämlich war von der neuen Offenheit von Beginn an nichts zu spüren. Das erfuhren auch wir bei unseren Recherchen. Daß wir zahlreiche Informationen über Betrugs- und Fälschungsfälle auch jetzt noch nur unter dem Siegel der Vertraulichkeit erhielten, daß gerade jüngere Forscher es lediglich bei Andeutungen beließen und selbst diese noch zurücknahmen, wenn ihr Name ins Spiel kommen sollte, war nicht weiter verwunderlich; schließlich war die Furcht vor persönlichen und beruflichen Konsequenzen schon immer Teil jenes Systems, das die Aufdeckung von Betrug und Fälschung so schwer und ihre Verdrängung so leicht gemacht hatte. Und dieses System war nicht über Nacht zu ändern.

Bemerkenswerter schon war die Art und Weise, wie die offiziellen Repräsentanten der deutschen Wissenschaft nun mit dem Thema umgingen: Die einen zogen sich ohne inhaltliche Diskussion hinter die diversen Regelwerke und Verhaltensappelle zurück. Daß solche Kodizes nun auch hierzulande statuiert waren, genügte ihnen, damit war für sie die Handlungsfähigkeit der scientific community bewiesen - und die unerfreuliche Angelegenheit praktisch erledigt. Problem erkannt - Gefahr gebannt.

Andere vollzogen eine Wendung um 180 Grad und versuchten, das gesamte Thema und seine Brisanz herunterzuspielen. Betrug und Fälschung seien zwar eine bedauerliche, aber eben doch auftretende, ja gewissermaßen sogar menschliche Erscheinung - eine Erscheinung aber, der man beizukommen auf dem besten Wege sei und über die man sich doch bitte nicht unnötig aufregen solle. Oder in den Worten eines der einflußreichsten Forschungsrepräsentanten der Republik: »So wie es korrupte Politiker, kinderschändende Pfarrer und mordende Journalisten gibt, wird es auch immer wieder fälschende Forscher geben.« Daß sie damit anerkannten, was sie zuvor standhaft abgestritten hatten, war ihnen vielleicht nicht einmal bewußt - oder aber einerlei.

Wird in deutschen Forschungslabors nur in Ausnahmefällen betrogen? Marco Finetti und Armin Himmelrath veröffentlichten Anfang 1999 das Buch »Der Sündenfall - Betrug und Fälschung in der deutschen Wissenschaft« (Raabe-Verlag, 262 S., 34 DM), dessen Hintergrund und Entstehung zum Anlaß für diesen Beitrag wurden. Foto: Bayer AG

Lediglich schwarze Schafe?

Wiederum andere versuchten, den eigenen Umgang mit der Materie in ein völlig anderes Licht zu tauchen. Nun wurde die Leugnung geleugnet, die Verdrängung verdrängt. Natürlich hat nie jemand bestritten, daß es auch in der deutschen Wissenschaft Betrug und Fälschung gibt, aber - und auf dieses aber folgte ein schier unendlicher Reigen von Relativierungen, so daß das eigentliche Thema schnell in den Hintergrund zu geraten drohte. Und natürlich fehlte weder hier noch dort das ceterum censeo, daß lediglich einige schwarze Schafe betrögen und fälschten, das Gros der Forscher aber ohne Fehl und Tadel sei. Als ob dies je ernsthaft bestritten worden wäre.

Was sich so im Kleinen früh abzeichnete, setzte sich danach auch im Großen fort - und heute, gut zwei Jahre nach dem »Fall Herrmann/Brach« ist die deutsche Wissenschaft von einer selbstkritischen Auseinandersetzung mit Betrug und Fälschung in den eigenen Reihen fast wieder genauso weit entfernt wie zuvor. Noch immer sind beispielsweise fast alle der rund 50 manipulierten Veröffentlichungen von Friedhelm Herrmann und Marion Brach im Umlauf, haben weder die getäuschten Wissenschaftsjournale noch etwa die ohne eigenes Zutun in Mißkredit geratenen Co-Autoren die Fälschungen aus dem Verkehr gezogen. Noch immer tun sich zahlreiche Wissenschaftseinrichtungen und vor allem viele Hochschulen äußerst schwer, die diversen Regelwerke und Ehrenkodizes für gute wissenschaftliche Praxis umzusetzen und für ihre Mitglieder verpflichtend zu machen. Vor allem aber ist die angekündigte Diskussion der wissenschaftsinternen Ursachen und Mechanismen von Betrug und Fälschung bislang fast völlig ausgeblieben. Als Gegenstand wissenschaftlicher Kongresse sucht man Betrug und Fälschung vergebens, und auch im Rahmen der jüngst angelaufenen PUSH-Initiative (Public understanding of science and humanities), mit der die deutsche Wissenschaft um ein besseres Verständnis in der Öffentlichkeit werben will, spielen sie keine Rolle. Das Thema scheint bereits wieder von der Tagesordnung verschwunden, noch bevor es richtig darauf angelangt war.

Daß zu dieser neuerlichen Verdrängung auch der Umgang mit unserem Buch paßt, sei nur der Vollständigkeit halber angemerkt. Als »Der Sündenfall« - so der mal gelobte, mal kritisierte Titel - Anfang 1999 erschien, war die Resonanz in den Medien und von SZ bis nature durchweg positiv. Die organisierte Wissenschaft aber, die großen Forschungseinrichtungen und die Hochschulen, ignorierten das Buch. Eine wie auch immer geartete inhaltliche Diskussion kam jedenfalls nicht zustande.

Öffentliche Diskussion notwendig

Eben einer solchen Diskussion aber, im großen Rahmen, öffentlich und mit allen Interessierten in den eigenen Reihen und aus Politik, Medien und Öffentlichkeit geführt, kann die deutsche Forschung nicht länger aus dem Weg gehen. Weil sie sonst beim nächsten Fälschungsskandal - und der wird kommen - in dieselbe prekäre Situation wie nach dem »Fall Herrmann/Brach« kommen könnte, als sie zurecht um ihre Unabhängigkeit fürchtete. Weil sie nur durch eine kritische Selbstbespiegelung verlorengegangenes Vertrauen in der Öffentlichkeit wiedergewinnen kann. Und vor allem: Weil sie nur so ihrer eigenen Arbeit und damit ihrer Zukunft eine neue und ehrliche Grundlage geben kann.

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