über Schädlinge, Krankheitserreger und Delikatessen in der Brandpilzforschung
In praktisch jedem Maisfeld der Welt gibt es ein paar Kolben, die aussehen, als hätten sie Feuer gefangen: wie kohlrabenschwarz verbrannt bröselt das Gewebe auseinander. Dann hat der Maisbeulenbrand zugeschlagen. Der Verursacher dieser Krankheit ist ein Pilz namens Ustilago maydis. Der Pflanzenparasit erzeugt an den Maisblüten bis zu faustgroße Beulen und bildet massenhaft schwarze Sporen, mit denen er sich weiter verbreitet. In manchen Fällen vernichtet der Maisbeulenbrand bis zu 80 Prozent der Ernte und richtet großen wirtschaftlichen Schaden an. Ustilago maydis ist daher einer der bekanntesten Vertreter der rund 1300 Brandpilzarten, deren Verwandtschaftsverhältnisse die Pilzkundler Dr. Robert Bauer und Dr. Dominik Begerow vom Botanischen Institut der Universität Tübingen erstmals entschlüsseln konnten.
Bisher hatten es die Brandpilzforscher ausschließlich mit Pflanzenparasiten zu tun. Umso überraschter waren sie, als sich eine verwandtschaftliche Verbindung zu Pilzen auftat, die bei Menschen Hautkrankheiten verursachen. "Wir untersuchen die verschiedenen Pilzarten nicht nur unter dem Mikroskop nach ihrem genauen Aussehen, um sie systematisch nach ihrer Abstammung zu ordnen, sondern analysieren auch ihr Zellinneres und parallel dazu bestimmte Gene der Pilze", erklärt Bauer. Der Vergleich läuft über Gendatenbanken, in die Wissenschaftler aus aller Welt solche Genanalysen verschiedener Arten eingeben. "Als ich unsere Gensequenzen mit Hilfe einer Datenbank ausgewertet habe, tauchte überraschend Malassezia furfur inmitten der Brandpilze auf", berichtet Begerow. Der Pilz ist schon seit langem bekannt. Er wurde als Verursacher der sogenannten Kleienflechte (Pityriasis versicolor), einem juckenden und schuppenden Hautausschlag am Oberkörper oder seltener im Gesicht, bereits 1846 von ärzten entdeckt. Seine Herkunft blieb jedoch bis heute im Dunkeln. Außerdem sind Malassezia furfur und verwandte Arten an der Entstehung des seborrhoischen Ekzems beteiligt, das sich vor allem auf talgdrüsenreichen Hautbereichen ausbreiten kann. Bei Neugeborenen sind Infektionen mit Malassezia manchmal lebensgefährlich.
"Diese Pilze kommen auch auf der Haut vieler gesunder Menschen vor und werden von Mensch zu Mensch übertragen, unter bestimmten Bedingungen wechseln sie in eine parasitische Phase und können dann Krankheiten verursachen", sagt Bauer. Besonders häufig sind Menschen mit geschwächtem Immunsystem betroffen, Organtransplantierte oder AIDS-Kranke. Ein bis vier von hundert Menschen leiden in unseren Breiten an Malassezia-Infektionen, daher ist der Pilz auch in der Tübinger Universitäts-Hautklinik lange bekannt. Da er sich vor allem in heißem Klima und bei hoher Luftfeuchtigkeit wohl fühlt, erkranken in manchen tropischen Gebieten bis zu 40 Prozent der Menschen. Zwar helfen Fungizide, die pilzabtötend wirken, die Infektion einzudämmen, sie tritt aber häufig wieder auf und kann chronisch werden. "Auch von der Haut verschiedener Säugetiere wie Löwen, Tigern, Elefanten und Hunden konnten Malassezia-Pilze isoliert werden", berichtet Begerow. Die Pilze gedeihen auf normalen Pilznährböden nicht, sie benötigen langkettige Fettsäuren zum Wachstum. "Die Kultivierung gelingt zum Beispiel mit Olivenöl", sagt der Mykologe.
Wie sich inmitten von spezialisierten Pflanzenparasiten eine kleine Pilzgruppe entwickeln konnte, die völlig andere Ansprüche zeigt, ist auch für die Forscher noch ein Rätsel. "Alle Brandpilze haben einen komplizierten Entwicklungszyklus Ð in einer Phase leben sie parasitisch auf Pflanzen, in der anderen saprob von faulenden Stoffen", erklärt Bauer. Diese Stadien sehen zum Teil so unterschiedlich aus, dass auch die Mykologen in mühsamer Kleinarbeit erst einmal alle Formen einer Art zusammensuchen müssen. "Wir wissen noch nicht, ob auch Malassezia ein pflanzenparasitisches Stadium hat oder ob die Formen auf der Haut die einzigen sind, in denen diese Pilze vorkommen", deutet Begerow die Schwierigkeiten an, mit denen die Brandpilzforscher zu kämpfen haben. "Dass Malassezia-Pilze aus einem pflanzenparasitischen Umfeld heraus entstanden sind, dürfte schon allein die Sichtweise über diese Hautkrankheiten verändern", analysiert Bauer.
Die unterschiedlichen Lebensformen sind verwirrend: Malassezia kann zwar die Haut verbrennen, aber die anderen Arten der Brandpilze haben sich auf ganz andere Ð pflanzliche Ð Opfer spezialisiert. Sie sind für den Menschen völlig harmlos. Die Brandsporen von Ustilago maydis in einer Maispflanze zu berühren, ist überhaupt nicht gefährlich. Ganz im Gegenteil: "Sie werden als 'Kaviar azteca' in Zentral- und Südamerika als Delikatesse in Dosen verkauft, daraus lässt sich ein hervorragender Streuselkuchen backen", weiß Bauer.
Janna Eberhardt
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Stand: 5/2000 |