|
Am 06. Juli 2002 fanden Studenten aus Tübingen
zufällig auf einer Abraumhalde entlang der neuen Trasse der
B 10 bei Eislingen Schädelfragmente eines großen Ichthyosauriers.
Über diesen Fund wurde zwischen dem 9. und 13. Juli in der
Presse mehrfach berichtet. Nachdem der Waiblinger Fossiliensammler
Gérard Bouve am Rand der Trasse einen Ichthyosaurierwirbel
geborgen hatte, und diesen Fund meldete, fand am 15. Juli eine
Ortsbegehung durch den Göppinger Kreisarchäologen Dr.
Reinhard Rademacher und den Tübinger Studenten Philipe Havlik
statt. Dank der präzisen Fundortangabe des Sammlers konnten
dabei einige Wirbel eines kleinen Ichthysauriers in der Straßenböschung
geborgen werden, die eine genauere Untersuchung dieser Zone notwendig
erscheinen ließen.

Nach Absprache mit dem Landesdenkmalamt Baden-Württemberg
und dem Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart wurde
in der Zeit vom 19. Juli 2002 bis zum 02. August 2002 von der
Kreisarchäologie Göppingen und der Universität
Tübingen unter der Leitung von Dr. Reinhard Rademacher und
Philipe Havlik eine Ausgrabung durchgeführt. Dabei wurden
insgesamt Reste von mindestens sechs Fischsauriern entdeckt. Alle
Individuen lagen in einer Schicht im Grenzbereich zwischen Lias
epsilon und zeta (ca. 180 Millionen Jahre vor heute) auf einer
Fläche von ca. 60 m_. Die bekannten Fischsaurier aus dem
Posidonienschiefer von Holzmaden sind geringfügig älter
als die Exemplare aus Eislingen. Besonders bemerkenswert sind
die taphonomischen Umstände, welche zu einer sehr hohen Individuenzahl
auf sehr begrenztem Raum führten: Es hat den Anschein, als
wären die Kadaver am Meeresgrund entlang abgesunkener Baumstämme
angeschwemmt worden.
Von besonderem Wert ist das weitgehend vollständige
Skelett eines kleinen, 6m langen, Themnodontosaurus. Alle Skelette
sind disartikulert, die Knochen befinden sich also nicht mehr
im Verbund, lassen aber teilweise eine Grobeinteilung in Schädel-,
Rumpf- und Schwanzbereich erkennen.
 
Die Zusammenarbeit zwischen Ärchäologie
und Paläontologie/Geologie führte zu ungewöhnlich
genauen Grabungsmethoden, von denen man sich sehr detaillierte
Erkenntnisse zu den Ablagerungsbedingungen erwartet. Im Rahmen
der Ausgrabung wurde von dem Tübinger Mikropaläontologen
Dr. Michael Montenari ein feinstratigraphisches Profil aufgenommen,
welches zur genauen Datierung der Funde beitragen wird. Diese
sehr aufwendigen Grabungsmethoden waren nur durch die großzügige
finanzielle und materielle Unterstützung der Baufirma Leonhard
Weiß, der Gemeinde Eislingen und der Firma Stahlbau Nägele
möglich.
An der Ausgrabung waren neben dem ehrenamtlichen
Mitarbeiter der Kreisarchäologie, Winfried Poldrack, auch
zahlreiche Stundenten und Mitarbeiter der Universität Tübingen
beteiligt. Nach der Präparation sollen die Funde am Institut
für Geologie und Paläontologie der Universität
Tübingen wissenschaftlich ausgewertet werden, wobei auch
der Ichthyosaurierexperte Dr. Michael Maisch maßgeblich
beteiligt sein wird.
Nach Abschluß der Bearbeitung ist eine Ausstellung
zur Grabung durch Kreisarchäologie und Geologisch-Paläontologisches
Institut in Eislingen geplant. Der besterhaltene Ichthyosaurier
wird dabei der Gemeinde Eislingen als Dauerleihgabe übergeben.
Für Rückfragen
Dr. Reinhard Rademacher, Jahrgang 1955, seit
Juli 2002 Kreisarchäologe für den Landkreis Göppingen.
Er studierte Vor- und Frühgeschichte, Urgeschichte und Anthropologie/Humangenetik
an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Nach Magisterabschluss
und Promotion als freiberuflicher Archäologe tätig,
seit 2002 Kreisarchäologe am Landratsamt Göppingen.
Tel.: (07161) 14201, mobil: 0179 - 6601755
cand. rer. nat. Philipe Havlik, Jahrgang
1979, seit Oktober 2000 Student der Geologie/Paläontologie
an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Er baute
während der Schulzeit ein kleines Museum im Trentino auf
und arbeitet seit sechs Jahren regelmäßig bei archäologischen
und paläontologischen Grabungen mit. Derzeit ist er an der
Universität Tübingen mit der Inventarisierung der Paläontologischen
Sammlung beauftragt.
Tel.: (0160) 99088581; nach dem 9.8.: (0039) 471
311 505
Dr. Michael Maisch, Jahrgang 1972, seit 1998
wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geologie-Paläontologie
der Eberhard Karls Universität Tübingen. Er studierte
Geologie/Paläontologie an der Eberhard-Karls-Universität
Tübingen, wo er 1999 promovierte. Er veröffentlichte
zahlreiche Publikationen über Ichthyosaurier und andere mesozoische
Meeresreptilien, und arbeitet seit 1998 an einem DFG-Projekt zur
Paläontologie in N-W-China mit.
Tel.: (07071) 29-77561 oder 29-72495
|