Einem archäologischem
Team der Universität
Tübingen gelang im September 2002 die sensationelle
Entdeckung eines königlichen Archivs im altsyrischen
Palast von Qatna, das aus bisher 63 Keilschrifttafeln
besteht.
Die Texte stammen aus der Zeit um 1400 vor Christus und
berichten unter anderem detailliert über die politische
Situation des Vorderen Orients am Beginn der Späten
Bronzezeit. Die Funde werden am heutigen 26. September
dem
Direktor des syrischen Ausgrabungswesen und dem deutschen
Botschafter in Syrien im Beisein von Journalisten präsentiert.
Seit 1999 führt das Archäologenteam des
Altorientalischen Seminars der Universität Tübingen
(Leitung Prof. Dr. Peter Pfälzner) in Zusammenarbeit
mit der Antikendirektion Syriens (Leitung Dr. Michel
Maqdissi) und der Universität
Udine (Leitung Dr. Daniele Morando Bonacossi) in Mischrife
Ausgrabungen durch. Die Stadt liegt in dem heutigen
Ruinenhügel
Tall Mischrife in Westsyrien verborgen, ca. 18 km nordöstlich
der modernen Großstadt Homs und 200 km nördlich
der syrischen Hauptstadt Damaskus.
Das deutsche Team
konzentriert
seine Arbeiten auf die Freilegung des Palastes im Zentrum
der über 100 Hektar großen Stadtanlage, die
von hohen, noch bis zu 20 m hoch aufragenden Verteidigungswällen
umgeben war. Der am Beginn des 2. Jahrtausends vor Christus
errichtete Palast von Qatna stellt ein monumentales Bauwerk
dar, das in der bronzezeitlichen Palastarchitektur Vorderasiens
bisher beispiellos ist. Das Gebäude liegt auf einer
teils natürlichen, teils künstlichen Terrasse,
die das Stadtgelände um 20 m überragt. Seine
Fundamentmauern besitzen eine Breite von bis zu 10 Metern.
Der Thronsaal
ist mit 40 Metern Länge der ausgedehnteste seiner
Art in der Bronzezeit. Ein Repräsentionsssaal von
36 mal 36 Metern Größe war mit einer Dachkonstruktion
überdeckt, die auf nur vier monumentalen Säulen
in der Raummitte auflag. Diese ehemals aus Holz bestehenden
Säulen waren auf 5 Meter tief in die Erde hinab reichenden
Stein- und Kiesfundamenten aufgesetzt.
Die Keilschrifttafeln
wurden von dem Tübinger Archäologenteam
in einem unterirdischen Korridor entdeckt, zu dem eine
Flucht von Stufen vom Thronsaal aus hinab führt.
Wohin dieser mysteriöse Korridor einst führte,
ist noch ungeklärt.
Dies soll bei den weiteren Ausgrabungen des Archäologenteams
erforscht werden. Innerhalb des Korridors befand sich
eine
gut gesicherte Tür mit zwei hintereinander liegenden
Durchgängen. Der schwere Türrahmen aus Holz
war zusammen mit den Dachbalken des Korridors bei einer
Feuerkatastrophe
zu Kohle verbrannt und auf den Fußboden des Raumes
gestürzt. Die Archäologen mußten sich
deshalb durch mehrere Lagen kreuz und quer übereinander
gestürzter,
verkohlter Holzbalken vorarbeiten. Zwischen diesem Brandschutt
fanden sich die mit Keilschrift eng beschriebenen Tontafeln.
Die
Tontafeln müssen zum Archiv des Königs Idanda
gehört haben, der um 1400 über die Stadt und
das Reich von Qatna herrschte, über den bisher
aber fast nichts bekannt war. In mehreren Briefen an
den König
wird ihm von Informanten über die aktuelle politische
und militärische Situation Syriens berichtet. Zerstörungen
von Städten in Syrien werden erwähnt, Königtümer
im nördlichen Syrien aufgeführt, der Untergang
des obermesopotamischen Reiches von Mittani verkündet,
und der König des hethitischen Reiches in Anatolien
wird mehrmals in Zusammenhang mit politischen und
diplomatischen
Aktivitäten genannt.
Damit ergeben sich detaillierte
Einblicke in die weltpolitische Lage der damaligen Zeit,
in einem historisch brisanten Abschnitt der altorientalischen
Geschichte. Es handelt sich um die ersten in Syrien selbst
gefundenen politischen Keilschrifttexte, die die geschichtlichen
Abläufe dieser bewegten Epoche direkt schildern,
die bisher vornehmlich durch die Texte der Ägypter
und der Hethiter beleuchtet war. Gleichzeitig wird deutlich,
daß die Könige von Qatna über einen Nachrichtendienst
verfügten, durch welchen sie über politische
Ereignisse und Entwicklungen der Zeit aktuell und direkt
unterrichtet
wurden.
Wie der Frankfurter Philologe Dr. Thomas
Richter, der die Texte unmittelbar nach ihrer Auffindung
lesen
konnte, feststellte,
bestand das königliche Archiv nicht nur aus politischen
Briefen, sondern auch aus Verwaltungsdokumenten des Staates
von Qatna, aus Inventarlisten von Gegenständen, die
wahrscheinlich im Palast aufbewahrt wurden, und aus rechtlichen
Urkunden, die zum Beispiel über die Freilassung von
Sklaven handeln. Damit läßt sich ein tief gehender
Einblick in das Leben und das Handeln in einem königlichen
Palast der Bronzezeit in Syrien erhalten. Interessanterweise
besteht die Sprache dieser Texte aus einer Mischung zwischen
Akkadisch und Hurritisch, die in dieser Form bisher
ebenfalls
eine Neuentdeckung ist und die Kultur des Hofes von Qatna
kennzeichnen dürfte.
Die Stadt Qatna war eine wichtige
Handelsmetropole und Zentrum eines Königreiches
in der Zeit zwischen 1800 und 1400 vor Christus. Sie
kontrollierte die Handelswege zwischen
Mesopotamien und dem Mittelmeer, sowie zwischen Anatolien
und Ägypten. Das Königshaus von Qatna dominierte
zeitweilig den überwiegenden Teil Westsyriens.
Die Stadt liegt in dem heutigen Ruinenhügel
Tall Mischrife in Westsyrien verborgen, ca. 18 km
nordöstlich der
modernen Großstadt Homs und 200 km nördlich
der syrischen Hauptstadt Damaskus.
Die Arbeiten in Qatna
werden in diesem Sommer noch bis zum 11. Oktober andauern.
In nächsten Sommer sollen die
Grabungen fortgesetzt werden. Mit weiteren Textfunden des
Archives von Qatna ist zu rechnen. Mit großer Spannung
sehen die Archäologen der Klärung des Rätsels
entgegen, wohin der mit dem Brandschutt gefüllte
unterirdische Korridor einst geführt haben mag.
Schon jetzt ist die große historische Bedeutung
dieser neuen Entdeckungen offenkundig, da bisher in
Syrien nur drei königliche
Archive der Bronzezeit - und keines aus der Zeit um 1400
vor Christus - bekannt waren.
Nähere Informationen
Prof. Dr. Peter Pfälzner
Altorientalisches Seminar der Universität Tübingen
z.Zt. Ausgrabung Tall Mischrife /Qatna, Syrien
erreichbar mobil unter: 0090-536441603 oder über den
Wächter der Grabung: 00963-52-732708
oder
Heike Dohmann-Pfälzner, Tel.: 07071/551394
Alle Fotos: Günther Mirsch
Elektronische Bilddateien können angefordert
werden unter: (0 70 71) 29-7 67 89
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