[back]
English
text/ Englischer Text
19.06.2007
Ausgrabungen am Vogelherd liefern spektakuläre neue Kunstwerke
aus der Eiszeit
Forscher aus Tübingen entdecken erste vollständig erhaltene Elfenbeinfigur
Archäologen aus Tübingen berichten im aktuellen Band der Jahresausgabe
Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg über
die Entdeckung von fünf neuen Figuren aus der Eiszeit. Diese bemerkenswerten
Funde aus der Vogelherdhöhle im Lonetal in Südwestdeutschland,
die aus Mammutelfenbein geschnitzt sind, haben ein Alter von etwa
35.000 Jahren und gehören zu den ältesten und beeindruckendsten
Beispielen figürlicher
Kunst der Eiszeit.
Besonders spektakulär ist der Fund der ersten vollständigen
Elfenbeinfigur von der Schwäbischen Alb, die ein sorgfältig
geschnitztes Mammut darstellt. Unter den Figuren befinden sich
darüber hinaus ein gut erhaltener Teil eines Löwen, ein
Bruchstück eines zweiten Mammuts sowie Reste zweier noch nicht
identifizierter Darstellungen.
Alle Neufunde stammen aus den Sedimenten der Höhle, die zuerst
im Sommer und Herbst 1931 durch den Tübinger Archäologen
Gustav Riek ausgegraben worden war. Der Fundkontext und eine Reihe
von Radiokohlenstoffdaten zeigen, dass die Funde in das Aurignacien
gehören, das oft mit der Ankunft anatomisch moderner Menschen
in Europa in Zusammenhang gebracht wird. Zahlreiche Radiokohlenstoffdaten
für den Vogelherd bewegen sich zwischen 30.000 und 36.000
Jahren vor heute.
Wegen des Reichtums an Artefakten aus Rieks grundlegenden Grabungsarbeiten
von 1931 und gelegentlicher Entdeckungen bei ungenehmigten Ausgrabungen
in der alten Höhlenfüllung hoffte das Tübinger Team,
bedeutende neue Eiszeitfunde am Vogelherd zu finden. Die systematische
Nachgrabung an der Fundstelle begann 2005 und wird bis 2009 in
jedem Sommer fortgesetzt. Mit der Entdeckung der fünf Figuren
neben vielen anderen bedeutenden Artefakten im Jahre 2006 wurden
alle Erwartungen übertroffen.
Die vollständige Wiedergabe eines Mammuts und die Darstellung
eines Löwen erweitern die eindrucksvolle, international bekannte
Gruppe von Figuren, die Riek 1931 entdeckt hatte. Wie die meisten
aurignacienzeitlichen Figuren aus den Höhlen der Schwäbischen
Alb ist das neue Mammut klein und wurde mit großem Detailreichtum
unter Benutzung von Steinartefakten geschnitzt. Die Figur ist 3,7
cm lang und wiegt 7, 5 Gramm. Unter den mehr als einem Dutzend
Figuren von der Schwäbischen Alb ist dieses Stück die
erste vollständig erhaltene.
Die meisten anderen Kunstwerke sind entlang der konzentrischen
Ringe des Elfenbeins gebrochen. Das Mammut ist einzigartig in seiner
schlanken Gestalt, mit dem spitzen Schwanz, den kräftigen
Beinen und dem dynamisch geschwungenen Rüssel. Der Kopf der
Figur ist mit sechs kurzen Einschnitten verziert, und die Fußsohlen
weisen ein Kreuzmuster auf.
Der neu entdeckte Löwe ist 5,6 cm lang, hat einen langgezogenen
Körper sowie einen nach vorne gereckten Hals und ist entlang
der Rückenlinie mit etwa 30 fein eingeritzten Kreuzen verziert.
Löwen, Mammute und andere machtvolle Tiere dominieren die
Darstellungen der frühesten Eiszeitkunst aus den Höhlen
der Schwäbischen Alb.
Die neuen Funde demonstrieren die glänzende Kunstfertigkeit
der eiszeitlichen Bewohner der Schwäbischen Alb und bekräftigen
die Beobachtung, dass die älteste figürliche Kunst schön
und hoch entwickelt und keineswegs primitiv war. Vier Höhlen
der Region (Vogelherd, Hohlenstein-Stadel, Geißenklösterle
und Hohle Fels) haben Kunstwerke geliefert, die alle älter
als 30.000 Jahre sind. Diese Funde gehören zu den ältesten
und eindrucksvollsten figürlichen Kunstwerken weltweit.
Die vorläufigen Ergebnisse der Ausgrabungen werden in einer
Sonderausstellung im Urgeschichtlichen Museum in Blaubeuren präsentiert
(24.06.07- 13.01.08). 2009 werden die Figuren in der großen
Landesausstellung in Stuttgart mit dem Titel Kulturen und
Kunst der Eiszeit ausgestellt.
Die Arbeiten am Vogelherd werden von folgenden Geldgebern gefördert:
Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg,
Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, Stiftung
für Eiszeitkunst im Lonetal, darüber hinaus durch großzügige
private Unterstützung von ratiopharm (Ulm), HeidelbergCement
(Heidelberg) und der Würth-Gruppe (Künzelsau).
Die Autoren des Aufsatzes Einmalige Funde durch die Nachgrabung
am Vogelherd bei Niederstotzingen-Stetten ob Lontal, Kreis Heidenheim
sind Nicholas J. Conard, Michael Lingnau und Maria Malina.
Fotos und Copyright: Jensen/Lingnau, Abteilung Ältere Urgeschichte,
Universität Tübingen
Weitere Informationen:
Prof. Nicholas J. Conard PhD
Abteilung Ältere Urgeschichte und Quartärökologie
Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie
des Mittelalters
Universität Tübingen
Schloss Hohentübingen
72070 Tübingen
nicholas.conard@uni-tuebingen.de
Tel.: 49 (0)7071 297 2416 |