Nachruf für Frau Prof. Dr. Helga Ninnemann
7.5.1938 9.5.2003
Frau Professor Helga Ninnemann, geboren 1938 in Königsberg
legte das Abitur 1957 am Schillergymansium in Farnkfurt
am Main ab und studierte, begeistert für die modernen Naturwissenschaften,
dort Biologie und Chemie. Sie verbrachte das Sommersemester 1961
in Tübingen und ging als Studentin mit einem Stipendium
der Studienstiftung des Deutschen Volkes ans berühmte
California Institute of Technology nach Pasadena, USA, und arbeitete
dort im Labor von Professor Antoscha Lang. Aus den Untersuchungen über
die Biosynthese des Phytohormons Gibberellin in Pilzen gingen
bereits die ersten drei wissenschaftlichen Veröffentlichungen
hervor.
Durch Prof. Halbsguth wurde sie an der Universität
Frankfurt 1966 mit einer Arbeit über die Licht- und Phytohormon-abhängige
Ergrünung von Brutkörperchen bei Lebermoosen promoviert.
Diese Arbeiten begründeten ihr langjähriges Interesse
an der Photobiologie und der Pflanzenbiochemie.
1966 1969 ging sie als Postdoktorandin an die University
of California nach San Diego in La Jolla und arbeitete in den
Arbeitsgruppen von Prof.H.Stern und Prof.W.Butler über die
Hemmung der Atmung von Mitochondrien durch Licht, in einem der
damals weltweit führenden photobiologischen Laboratorien.
Die enge Freundschaft zu ihren amerikanischen Kollegen nutzte
sie in den folgenden Jahrzehnten rege zu zahlreichen fruchtbaren
Forschungsaufenthalten in den Semesterferien in Kalifornien und
ab 1973 auch am Carnegie Insitute in New York.
1969 kam sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin nach Tübingen
ans Institut für Chemische Pflanzenphysiologie (seit 1995
Institut für Pflanzenbiochemie), dessen Direktor damals
Prof.H.Metzner war. Sie habilitierte sich im Dezember 1971 für
das Fach "Chemische Pflanzenphysiologie" aufgrund ihrer
Arbeiten zur Atmungshemmung durch Blaulicht und dessen Rezeption
durch die Cytochromoxidase. 1976 wurde sie zur außerplanmäßigen
Professorin ernannt und 1979 auf eine C3-Professur des Instituts
berufen. Sie interessierte sich nun zunehmend für die Rolle
von Blaulicht bei Entwicklungsvorgängen, wovon etliche Doktorarbeiten
und zahlreiche Publikationen zeugen, die auch von der Deutschen
Forschungsgemeinschaft unterstützt wurden. Meilensteine
ihrer Forschung waren die Entdeckung der Beteiligung von Nitratreduktase
an der durch Blaulicht vermehrten Sporenbildung des Pilzes Neurospora,
der Nachweis von Pterinen in der Nitratreduktase, die Untersuchung
der Biosynthese dieser Pterine in verschiedenen Pilzen und schließlich
die Beschreibung der Bildung von gasförmigem Stickstoffmonoxid
mit Hilfe von reduzierten Pterinen sowie dessen Mitwirkung an
der Entwicklung von Sporenträgern der Pilze. Neben anderen
Fachgesellschaften gehörte sie als angesehenes Mitglied
auch den amerikanischen und europäischen photobiologischen
Gesellschaften sowie der Gesellschaft für Biochemie und
Molekularbiologie an.
Nach dem Umzug des Instituts in das Gebäude des ehemaligen
Max-Planck-Instituts für Biologie, Abt. Melchers, wurde
sie mit Prof. Melchers näher bekannt und interessierte sich
für seine Arbeiten zur Zellfusion. Sie analysierte in ihrer
Arbeitsgruppe flüchtige Substanzen mit Hilfe der Gaschromatographie
zur Identifizierung somatischer Hybriden von Tomate und Kartoffel;
zusammen mit Prof Melchers versuchte sie durch Einbringen einer
Wildart der Kartoffel durch Zellfusion kältetolerante Tomaten
herzustellen. Weitere Arbeiten wurden parallel zu ihrem Hauptinteressengebiet,
durch DFG- , BMBF, BMZ und EU Projekte, z.T.
mit Unterstützung durch die deutschen Kartoffelzuchtbetriebe,
finanziert. Sie förderte mit grossem Interesse in ihrer
Arbeitsgruppe die Züchtung Krautfäule-resistenter Kartoffeln
mit Hilfe der Zellfusionstechnik. Auch Fragen zu den Abwehrmechanismen
der Pflanzen gegen Pathogene, z.B. durch Phytoalexine, wurden
bearbeitet. Die für die Reifung des Pollens in den
Kartoffelblüten wichtige Zellatmung untersuchte sie mit
Arbeiten über die alternative Oxidase und die ATP-Synthese.
Dabei förderte sie die Mitarbeit von Doktoranden und Stipendiaten
aus Entwicklungsländern an solchen Projekten.
15 Jahre (von 1985 - 2000) war sie Vertrauensdozentin der Studienstiftung
an der Universität und regte die von ihr betreuten
Studenten zu mancherlei Kunst- und Kulturdiskussionen an. Sie
initiierte neben den offiziellen auch informelle Seminare über
Grundlagen der Gentechnik als Fortbildung für Lehrer auf
biotechnologischen und molekularbiologischen Gebieten. Sie ermöglichte
die Mitarbeit von Praktikanten von Gymnasien und Fachhochschulen.
Sie war eine hart arbeitende, durchsetzungsfähige
Frau voller Energie. Sie scheute keine Auseinandersetzungen
mit Fakultät, Kollegen und Verwaltung, wenn sie ein Ziel
für richtig hielt und erreichen wollte. Kurz vor ihrem Tod
stellte sie mit Befriedigung fest, dass die grüne Biochemie
für Tübingen erhalten bleibt und die Direktorenstelle
des Instituts , für deren Besetzung sie jahrelang gekämpft
hatte, und die sie 10 Jahre vertreten hatte, von ihrem Wunschkandidaten
eingenommen werden wird.
Dr. Lieselotte Schilde und Priv.-Doz. Dr. Josef Maier