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08.07.2002
Wie maßgeschneiderte Kartoffelpflanzen entstehen
In der Biotechnologie lassen sich Knollen mit bestimmten
Eigenschaften herstellen
Zunächst wurden Kartoffelpflanzen aus ihrem Ursprungsgebiet
Südamerika nach Europa importiert, um sie wegen ihrer schönen,
trichterförmigen Blüten und des Duftes als Zierpflanzen
in Gärten anzubauen.
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Hybride von In-vitro-Pflanzen auf dem Feld
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Wildart der Kartoffel
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Inzwischen ist die Art aus der Familie der Nachtschattengewächse
mit dem lateinischen Namen Solanum tuberosum zu einer wichtigen
Kulturpflanze geworden. Heute werden Sorten gezüchtet, die
große, wohlschmeckende Knollen produzieren. Doch der Kartoffel
setzen krankheitserregende Viren und Bakterien sowie gefräßige
Insekten zu. Am stärksten macht ihr weltweit ein Pilz zu schaffen,
Phytophthora infestans, der die Kraut- und Knollenfäule
verursacht.
Er zerstört das Kraut, wodurch die Blätter
vorzeitig absterben und die Knollen nicht mehr weiter wachsen. Bei
direktem Befall durch Phytophthora verhärten sich die
Knollen und werden braun. Der Pilz war die Ursache der schrecklichen
Hungersnot in Irland im 19. Jahrhundert und richtet auch heute noch
großen wirtschaftlichen Schaden an. Prof. Helga Ninnemann
und Dr. Lieselotte Schilde vom Institut für Pflanzenbiochemie
der Universität Tübingen bauen Resistenzen gegen den Pilz
in Kartoffelpflanzen ein und testen ihre Neuentwicklungen als Pflanzenkulturen
im Labor, unter geschützten Bedingungen im Gewächshaus
und auf den Freilandflächen, die direkt am Institut liegen.
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Im Vordergrund Kartoffelsorten, die von der Krautfäule
Phytophthora
infestans befallen sind, im Hintergrund gegen den Pilz resistente
Hybridpflanzen.
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"Anfang des 20. Jahrhunderts war es durch Züchtung
gelungen, die Resistenz gegen Phytophthora stabil in Kulturkartoffeln
einzubauen. Aber das hält sich inzwischen nicht mehr, die Pilzrassen
sind aggressiver geworden", berichtet Schilde. Das hat zur
Folge, dass beim Kartoffelanbau vermehrt Fungizide, pilzabtötende
Mittel, eingesetzt werden müssen. Die Forscherinnen arbeiten
daher an der Entwicklung resistenter Pflanzen, indem sie das große
Reservoir an südamerikanischen Wildarten der Kartoffel nutzen,
die gegen den Pilz unempfindlich sind. "Die Wildarten werden
in Genbanken konserviert und es ist daher kein Problem, sie für
die Forschung zu beziehen", sagt Ninnemann. Nachteil dieser
Arten sei jedoch, dass sie häufig mit den Kulturkartoffeln
nicht direkt kreuzbar sind. Diese natürliche Züchtungsbarriere
überwinden die Forscherinnen mit biotechnologischen Methoden
und kommen dabei ohne Gentechnik im engeren Sinne aus.
Sie verwenden "nackte Zellen" ohne feste
Zellwand der beiden Pflanzen, die kombiniert werden sollen, der
Wildart mit der Pilzresistenz und einer guten Kultursorte.
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Protoplasten, wandlose Zellen, nach der Elektrofusion.
Darunter
sind Fusionsprodukte aus zwei Protoplasten zu erkennen.
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Dafür werden zunächst die aus Südamerika
eingeführten Wildarten aus Samen unter sterilen Bedingungen
herangezogen. Von den Pflanzen werden die Blätter geerntet,
zerkleinert und die feste Zellwand, die unter anderem aus holzähnlichem
Lignin besteht, durch Enzyme abgelöst. Übrig bleiben Zellen,
die nur noch von einer Zellmembran umschlossen sind und die sich
ohne die feste Wand kugelig abrunden — so genannte Protoplasten.
"Wenn man die beiden Protoplastenarten zusammengibt und ein
elektrisches Feld anlegt, verschmelzen die Protoplasten und kurz
darauf die Zellkerne mit dem Erbgut", erklärt Schilde.
Die verschmolzenen nackten Zellen können sich häufig weiter
teilen und bilden eine Zellkolonie. Auf speziellen Nährmedien
regenerieren sich diese in drei bis vier Monaten zu vollständigen
Kartoffelpflänzchen.
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Die Zellkolonien wurden auf ein Medium umgesetzt,
das die Regeneration der Pflanzen auslöst.
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Aus drei Zellkolonien entwickeln sich Pflanzen
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Und dann heißt es immer wieder: Prüfen,
welche Pflänzchen tatsächlich ein Hybrid zwischen der
Wild- und der Kulturpflanze sind. Dafür machen die Wissenschaftlerinnen
eine Analyse des Erbguts.
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Aus Zellkolonien regenerierte Pflänzchen.
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Blätter der Wildart (links), der Zuchtlinie
(rechts)und des Hybrids
(Mitte)
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Die Hybride mit dem Erbgut beider Sorten werden vermehrt
und können als kleine Pflänzchen für weitere Forschungen
bereits verschickt werden. "Wenn die geplante neue Sorte später
zum Beispiel in Peru angebaut werden soll, ist es sinnvoller, die
Pflanzen dort vor Ort weiter zu testen und mit den dortigen Kultursorten
zurückzukreuzen. Denn sie müssen sich an einen gleichmäßigen
Zwölf-Stunden-Tag anpassen, bei den hiesigen Sorten ist dagegen
die Knollenbildung von wechselnden Tageslängen unabhängig",
erklärt Schilde. Sind die Hybride zur Züchtung bei deutschen
Pflanzenzüchtern bestimmt, laufen die ersten Tests meistens
direkt am Tübinger Institut für Pflanzenbiochemie weiter.
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Hybridpflanzen im Gewächshaus
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Von der In-vitro-Kultur, winzigen Kartoffelpflänzchen
in kleinen Gläsern, werden die Pflanzen dann im Gewächshaus
in Erde gesetzt und schließlich in der folgenden Saison auch
im Freiland getestet. "Diese Stufen sind wichtig, weil die
Pflanzen auf dem Feld oft völlig andere Eigenschaften zeigen.
Wir prüfen zum Beispiel die Vitalität und die Knollenproduktion",
erklärt Ninnemann. Durch die Pilzsporen von Phytophthora,
die natürlicherweise überall vorkommen und im Freiland
zufällig auf die Pflanzen fallen, lässt sich feststellen,
wie gut die Resistenz der Pflanzen gegen den Pilz ausgebildet ist.
"Wir arbeiten stark anwendungsorientiert und
geben die ausgewählten resistenten Pflanzen dann an Zuchtstationen
weiter", sagt die Forscherin. Denn mit der Verschmelzung der
Protoplasten und den daraus regenerierten Pflanzen sind die Kartoffeln
noch lange nicht für den Anbau in der Landwirtschaft geeignet.
"Die bei uns hergestellten Hybride zeigen vor der Weiterzüchtung
auch viele unerwünschte Eigenschaften der Wildart, haben zum
Beispiel winzig kleine Knollen", erklärt Schilde. Beim
Rückkreuzen des Hybriden mit anderen Kultursorten kann auch
die Resistenz gegen Phytophthora verloren gehen. "Günstig
ist es, wenn für die Resistenz mehrere Gene verantwortlich
sind, da sich die Resistenz dann als stabiler erweist", sagt
Ninnemann. Die Forscherinnen haben in den letzten Jahren einige
Erfolg versprechende Hybride an Zuchtstationen in Deutschland und
Lateinamerika weitergegeben, wo sie in die Sortenzüchtung integriert
wurden. Auf diese Weise erweitern die Hybridpflanzen die genetische
Basis zukünftiger Sorten. (5732 Zeichen)
Nähere Informationen
Prof. Helga Ninnemann
Dr. Lieselotte Schilde
Institut für Pflanzenbiochemie
Corrensstraße 41
72076 Tübingen
Tel. 0 70 71/2 97 29 56
Fax 0 70 71/64 00 19
Die Fotos können auf Anfrage bei der Presse-
und Öffentlichkeitsarbeit per e-mail zugesandt werden.
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