Pressedienst Forschung Aktuell 11/2002

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22.10.2002

Manche Göttin hat ihren Ursprung in einem einfachen Stein

Tübinger Indologin  erforscht Legenden und religiöse Traditionen mittelindischer Stämme

 

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Die Legende berichtet, dass ein Bauer beim Pflügen plötzlich einen blutverschmierten Stein in der Erde sah. Blut steht für göttliche Energie, die Manifestation einer Gottheit. Diese wird zunächst als einfacher Stein verehrt. Dann geschehen Wunder, eine Frau, die bisher als unfruchtbar galt, bekommt ein Kind. Das spricht sich in der Region herum, Frauen kommen, um die Göttin um Hilfe zu bitten, und es kommt zu weiteren Wundern. In der Folge erhält die Göttin einen festen Schrein mit einem Priester, der sie nun regelmäßig verehrt. Zu bestimmten Zeiten nimmt die Göttin Besitz von ihm, dann verleiht er ihr Stimme und Gesicht. Auf diese Weise haben sich zahlreiche Götter den Menschen zu erkennen gegeben. Die Mannigfaltigkeit der Gottheiten Indiens liegt in dem Glauben, dass die ganze Welt, Berge, Flüsse und Dörfer, von göttlicher Energie durchströmt ist. Dr. Cornelia Mallebrein vom Seminar für Indologie und Vergleichende Religionswissenschaft der Universität Tübingen dokumentiert bislang kaum bekannte religiöse Traditionen, vor allem im Bundesstaat Orissa.

Seit 1999 ist sie Mitarbeiterin im Orissa-Schwerpunktprogramm, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert wird. Leiter des Projekts der Tübinger Indologie ist Prof. Heinrich von Stietencron. Cornelia Mallebrein hat ihre Forschungen der Öffentlichkeit in mehreren Ausstellungen zugänglich gemacht, eine Fotoausstellung in New Delhi vom Frühjahr 2002 wird in den nächsten Monaten in ganz Indien gezeigt. Sie wurde in Indien mit großem Interesse verfolgt. Das zeigt auch die umfangreiche, positive Berichterstattung in den indischen Medien.

Indien setzt sich aus sehr heterogenen Bevölkerungsgruppen mit jeweils eigener Sprache und Kultur zusammen. Zu diesen zählen die Urbewohner Indiens, die Adivasi, mit heute rund 80 Millionen Mitgliedern, so Mallebrein. Die Indologin untersucht, inwieweit die verschiedenen Stammesgruppen und ihre Gottheiten den Hinduismus geprägt haben und dokumentiert die Entwicklung der hinduisierten Stammesgottheiten bis in die Gegenwart. Vor allem im Laufe der letzten Jahrhunderte seien diese von Herrschern vereinnahmt worden, die in die Stammesgebiete eingedrungen waren. Dadurch dass sie die lokale Göttin zur Familien- und Schutzgöttin des neuen Herrschaftsgebiets erklärten, konnten sie sich die Loyalität der Stämme sichern. Sie errichteten Tempel für sie und veranstalteten Feste. Brahmanen-Priester, die im Kastensystem die höchste Stelle einnehmen, wurden in das Herrschaftsgebiet geholt. Ihre Aufgabe war es, die Verehrungsrituale (Puja) für die Göttin durchzuführen. So gelang es den neuen Herrschern, die sich als Raja bezeichneten, sich in der Stammesregion zu etablieren, sagt Mallebrein. In Orissa gab es mehr als hundert solcher Regionalfürsten auf einem relativ kleinen Gebiet.

Die indischen Stammesgruppen lebten früher sehr isoliert in den Dschungelregionen, meist ging man zu Fuß, bestenfalls gab es den Ochsenwagen. Der intensive Straßenausbau erfolgte erst in der Zeit britischer Herrschaft. Um 1803 haben die Engländer Orissa okkupiert. Sie übertrugen den lokalen Regenten Titel wie Raja beziehungsweise Maharaja, und sie erhielten festen Landbesitz. Im Gegenzug führten die Rajas Steuern an die Engländer ab, dafür erhielten sie militärischen Schutz. Doch es blieben so viele Steuern übrig, dass sie ihre fürstlichen Zentren mit prachtvollen Gebäuden, Palästen und Tempeln ausstatten konnten, erzählt die Indologin. Im 20. Jahrhundert besaßen viele Rajas einen gewaltigen Fuhrpark, darunter zahlreiche Rolls Royce, Hundertschaften von Bediensteten sorgten für ihr Wohl. Nicht mehr als hundert Jahre dauerte der gewaltige Pomp, denn mit der Unabhängigkeit Indiens 1947 verloren sie ihre Herrschaft und 1971 wurde alle Privilegien der Rajas auf Regierungsbeschluss abgeschafft, sagt Mallebrein. Die einstigen fürstlichen Zentren sind heute baulich in einem sehr schlechtem Zustand, zahlreiche Paläste sind eingestürzt oder existieren nicht mehr.

 

 

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