Die Legende berichtet, dass ein Bauer beim Pflügen plötzlich
einen blutverschmierten Stein in der Erde sah. Blut steht für
göttliche Energie, die Manifestation einer Gottheit. Diese
wird zunächst als einfacher Stein verehrt. Dann geschehen
Wunder, eine Frau, die bisher als unfruchtbar galt, bekommt ein
Kind. Das spricht sich in der Region herum, Frauen kommen, um
die Göttin um Hilfe zu bitten, und es kommt zu weiteren Wundern.
In der Folge erhält die Göttin einen festen Schrein
mit einem Priester, der sie nun regelmäßig verehrt.
Zu bestimmten Zeiten nimmt die Göttin Besitz von ihm, dann
verleiht er ihr Stimme und Gesicht. Auf diese Weise haben sich
zahlreiche Götter den Menschen zu erkennen gegeben. Die Mannigfaltigkeit
der Gottheiten Indiens liegt in dem Glauben, dass die ganze Welt,
Berge, Flüsse und Dörfer, von göttlicher Energie
durchströmt ist. Dr. Cornelia Mallebrein vom Seminar für
Indologie und Vergleichende Religionswissenschaft der Universität
Tübingen dokumentiert bislang kaum bekannte religiöse
Traditionen, vor allem im Bundesstaat Orissa.

Seit 1999 ist sie Mitarbeiterin im Orissa-Schwerpunktprogramm,
das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert wird.
Leiter des Projekts der Tübinger Indologie ist Prof. Heinrich
von Stietencron. Cornelia Mallebrein hat ihre Forschungen der
Öffentlichkeit in mehreren Ausstellungen zugänglich
gemacht, eine Fotoausstellung in New Delhi vom Frühjahr 2002
wird in den nächsten Monaten in ganz Indien gezeigt. Sie
wurde in Indien mit großem Interesse verfolgt. Das zeigt
auch die umfangreiche, positive Berichterstattung in den indischen
Medien.
Indien setzt sich aus sehr heterogenen Bevölkerungsgruppen
mit jeweils eigener Sprache und Kultur zusammen. Zu diesen zählen
die Urbewohner Indiens, die Adivasi, mit heute rund 80 Millionen
Mitgliedern, so Mallebrein. Die Indologin untersucht, inwieweit
die verschiedenen Stammesgruppen und ihre Gottheiten den Hinduismus
geprägt haben und dokumentiert die Entwicklung der hinduisierten
Stammesgottheiten bis in die Gegenwart. Vor allem im Laufe der
letzten Jahrhunderte seien diese von Herrschern vereinnahmt worden,
die in die Stammesgebiete eingedrungen waren. Dadurch dass sie
die lokale Göttin zur Familien- und Schutzgöttin des
neuen Herrschaftsgebiets erklärten, konnten sie sich die
Loyalität der Stämme sichern. Sie errichteten Tempel
für sie und veranstalteten Feste. Brahmanen-Priester, die
im Kastensystem die höchste Stelle einnehmen, wurden in das
Herrschaftsgebiet geholt. Ihre Aufgabe war es, die Verehrungsrituale
(Puja) für die Göttin durchzuführen. So
gelang es den neuen Herrschern, die sich als Raja bezeichneten,
sich in der Stammesregion zu etablieren, sagt Mallebrein.
In Orissa gab es mehr als hundert solcher Regionalfürsten
auf einem relativ kleinen Gebiet.

Die indischen Stammesgruppen lebten früher
sehr isoliert in den Dschungelregionen, meist ging man zu Fuß,
bestenfalls gab es den Ochsenwagen. Der intensive Straßenausbau
erfolgte erst in der Zeit britischer Herrschaft. Um 1803
haben die Engländer Orissa okkupiert. Sie übertrugen
den lokalen Regenten Titel wie Raja beziehungsweise Maharaja,
und sie erhielten festen Landbesitz. Im Gegenzug führten
die Rajas Steuern an die Engländer ab, dafür erhielten
sie militärischen Schutz. Doch es blieben so viele Steuern
übrig, dass sie ihre fürstlichen Zentren mit prachtvollen
Gebäuden, Palästen und Tempeln ausstatten konnten,
erzählt die Indologin. Im 20. Jahrhundert besaßen viele
Rajas einen gewaltigen Fuhrpark, darunter zahlreiche Rolls Royce,
Hundertschaften von Bediensteten sorgten für ihr Wohl. Nicht
mehr als hundert Jahre dauerte der gewaltige Pomp, denn mit der
Unabhängigkeit Indiens 1947 verloren sie ihre Herrschaft
und 1971 wurde alle Privilegien der Rajas auf Regierungsbeschluss
abgeschafft, sagt Mallebrein. Die einstigen fürstlichen
Zentren sind heute baulich in einem sehr schlechtem Zustand, zahlreiche
Paläste sind eingestürzt oder existieren nicht mehr.