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Tübingen, 19. April 2004
Bei Wassermangel verwandeln sich Bären in Tönnchen
Unter Stressbedingungen bilden die Zellen der Bärtierchen
spezielle Eiweiße
Bärtierchen sind mikroskopisch klein und genügsame
Lebewesen. Sie haben weltweit viele Nischen erobert und
leben zum Beispiel in der Tiefsee, im Himalaya oder in
Sanddünen. Häufig sind sie in dem Wasserfilm
zu finden, der Moose oder Flechten umgibt. Als besonders
harte Burschen erweisen sich die Bärtierchen, wenn
das Wasser in ihrer Umgebung knapp wird. Während
bei den meisten anderen Lebewesen die Zellen bei extremer
Trockenheit unwiederbringlich geschädigt werden,
und der Organismus schließlich stirbt, halten Bärtierchen
solche Strapazen lange aus. Sie kugeln sich bei Wasserentzug
in einer Zyste zusammen und können bei Wasserzugabe
einfach wieder aktiv werden. Die Tübinger Wissenschaftler
Dr. Ralph O. Schill und Prof. Heinz-Rüdiger Köhler
vom Zoologischen Institut, Abteilung Physiologische Ökologie
der Tiere, sowie Dr. Günther Steinbrück vom
Institut für Zellbiologie erforschen auf molekularer
Ebene, welche Prozesse in den Zellen der Bärtierchen
dabei ablaufen. Sie haben entdeckt, dass einige Eiweiße,
die unter Stressbedingungen produziert werden, eine entscheidende
Rolle beim Zellschutz spielen könnten. Ihre Ergebnisse
haben sie jetzt im Journal of Experimental Biology veröffentlicht
(The Journal of Experimental Biology 207, Seiten 1607-1613).
Auf die Idee, die urigen Mehrzeller mit Kopf, Rumpf
und ihren vier Beinpaaren Wasserbären zu nennen,
kann man wahrscheinlich nur bei der stark vergrößerten
Betrachtung unter dem Mikroskop kommen. Denn auch die
größten Arten der Bärtierchen werden
höchstens anderthalb Millimeter groß. Ihre
Silhouette ähnelt in der Form am ehesten einem Gummibärchen.
Ralph Schill hat die landlebende, weit verbreitete Art
Milnesium tardigradum genauer untersucht, die wie viele
andere Bärtierchen die Fähigkeit zur Kryptobiose
hat. Wenn das Tierchen austrocknet, werden alle Stoffwechselaktivitäten
ausgesetzt, der Wassergehalt nimmt bis auf wenige Prozent
ab und der Wasserbär nimmt eine Tönnchenform
an. In dieser Gestalt können die Bärtierchen
sehr lange lebensfeindliche Bedingungen wie hochenergetische
Strahlung, organische Lösungsmittel, kurzzeitig
hohe Temperaturen und lange sehr niedrige Temperaturen
von minus 270 Grad, nahe am absoluten Nullpunkt, überleben.
Wenn man wieder Wasser dazugibt, verwandeln sich die
Tönnchen innerhalb von Minuten in stoffwechselaktive
Tierchen.
Doch welche Vorgänge bei der Kryptobiose
im Detail ablaufen müssen, liegt weitgehend im Dunkeln.
Die Tübinger Biologen gingen Vermutungen nach, dass
bei der Austrocknung ähnlich wie bei anderen Lebewesen,
die in Stress geraten, die Bildung von so genannten Hitzeschock-Proteinen
angeregt wird. Solche Proteine sind bereits bei vielen
Pflanzenarten gefunden worden, zum Beispiel auch bei
der Wiederauferstehungspflanze, die ähnlich
wie die Bärtierchen starken Wassermangel in einem
Trockenzustand überdauern kann. Ralph Schill konnte
die Proteine in den Zellen der Bärtierchen
jedoch nicht direkt untersuchen, weil die kleinen Tiere
nur winzige Mengen produzieren. Der Bauplan der Proteine
ist in der Erbsubstanz DNA festgeschrieben. Tatsächlich
fanden sich beim Vergleich der DNA des Bärtierchens
mit DNA-Sequenzen vieler anderer Lebewesen in einer Datenbank
drei Gene, die aus anderen Lebewesen als Hitzeschock-Proteine
der Gruppe Hsp 70 bekannt sind.
Doch hatten die drei Formen der Hitzeschock-Gene tatsächlich
etwas mit dem Überleben der Bärtierchen bei
extremer Trockenheit zu tun? Ralph Schill nutzte nun
ein Verfahren, mit dem Forscher die Aktivität ausgewählter
Gene indirekt über ein Fluoreszenzsignal messen
können. Beim Übergang eines aktiven Bärtierchens
in den Zustand der Kryptobiose zeigte sich, dass immer
seltener die Form 1 der drei Hitzeschock-Gene abgelesen
wurde, dagegen Form 2 sehr viel häufiger als zuvor.
Bei der Zugabe von Wasser kehrten sich die Verhältnisse
wieder um und Form 1 rückte wiederum in den Vordergrund.
Die Form 3 konnte weniger bei der Kryptobiose, sondern
bei sehr hohen Temperaturen beobachtet werden. Die Forscher
schließen daraus, dass alle drei Hitzeschock-Gene
tatsächlich auch in dem Bärtierchen vor allem
bei Stress aktiviert werden und zumindest ein Teil davon
auch beim Überstehen von Austrocknung eine Rolle
spielt. Doch damit sind längst noch nicht alle Rätsel
gelöst. Es bleibt auch zu klären, wie die Zellbestandteile
bei Wassermangel geschützt werden. Das, was uns
die Bärtierchen jeden Tag spielend vormachen - Zellen
zu trocknen und gleichzeitig die Vitalität zu bewahren
- könnte in Zukunft eine nicht zu unterschätzende
Bedeutung in den Biowissenschaften und der Medizin haben.
Nähere Informationen:
Dr. Ralph O. Schill
Zoologisches Institut
Abteilung Physiologische Ökologie der Tiere
Konrad-Adenauer-Straße. 20, 72072 Tübingen
Tel. 017 27 30 47 26; Fax 07071 757 3555
E-Mail: ralph.schill@uni-tuebingen.de
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