Jörg Baten: Abschlußbericht zum Forschungsprojekt

 

"Steuerunterlagen als unternehmenshistorische Quelle.  Ein Pilotprojekt zur Messung des Erfolgs deutscher Unternehmen im internationalen Ver­gleich (1878-1913)"

 

1. Zusammenfassung

Kaum ein wirtschaftshistorisches Phänomen hat die Forschung derart beschäftigt, wie der Aufstieg Deutschlands im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert von einem relativ armen Land zu einer der führenden Industrienationen. Die Analyse dieses äußerst interessanten Vorgangs wurde in dem nun abgeschlossenen Projekt erstmalig mit Unternehmensdaten in großer Anzahl fundiert. Insbesondere konnten Industrie- und Dienstleistungsunternehmen aller Größenklassen in einer Datenbank erfaßt werden, wofür erstmalig in breitem Umfang Steuerunterlagen herangezogen wurden. Nicht weniger als 7000 Unternehmen und Unternehmer konnten auf diese Weise erfaßt werden. Weitere rund 6000 Betriebe wurden durch Akten der Gewerbeaufsicht in ihrem Wachstum, Standort, ihrer Technologie usw. dokumentiert, und nochmals 6000 Aktiengesellschaften zum Vergleich aufgenommen. Jeder interessierte Unternehmenshistoriker kann über das Internet feststellen, inwieweit Information für sein Unternehmen vorhanden ist (näheres unter Datenbank und Datendienstleistungen).

 

2. Datenbank und Datendienstleistungen

Als Dienstleistung für die unternehmensgeschichtliche Forschung haben wir eine Datenbank in das Internet gestellt, die die Abfrage erlaubt, ob eines oder mehrere Unternehmen in unseren Beständen elektronisch erfasst ist. Die Dateien dokumentieren die Steuerlisten und Gewerbeaufsicht. enthalten die Namen des Unternehmens oder Unternehmers, den Ort, größere Verwaltungseinheiten (Regierungsbezirke, Amtsbezirke), und die Branche (teilweise mit zeitgenössischer Klassifikation). Die Daten wurden einerseits sortiert nach dem Namen des Unternehmens (www.uni-tuebingen.de/uni/wwl/ulfbp.zip) und zum zweiten nach dem Ort (www.uni-tuebingen.de/uni/wwl/ulpbf.zip), um beiderlei Recherchen zu erlauben. Die Datenbank wurde im Standardformat "dBase" (mit Winzip komprimiert) aufgebaut, so dass die Datenbestände in alle marktgängigen Computerprogramme (z.B. Excel, SPSS) eingelesen werden können. Mit dieser Software können dann weitere Filter gesetzt werden (z.B. "zeige nur Pforzheimer Unternehmen") und dann eine Auswahl von Unternehmen durchgeblättert werden. Außerdem werden Informationen über die Quelldatenbank unseres Bestandes, mit deren Hilfe wir einem interessierten Benutzer schnell Informationen per email attachment schicken können. Weitere Informationen wird die Projekthomepage www.uni-tuebingen.de/uni/wwl/thyssen.html bieten, die wir derzeit überarbeiten (die aber dennoch geladen werden kann).

Auf diese Weise kann jeder Unternehmenshistoriker weltweit feststellen, ob er wichtige Informationen für seine Forschungen aus der Datenbank dieses Projektes bekommen kann.

 

3. Ergebnisse

Eines der wichtigsten Ziele war die Erstellung dieser umfangreichen Datenbasis von Unternehmenssteuerlisten. Nicht weniger bedeutsam war jedoch eine genaue Untersuchung der Quellengattung "Steuerliste" in ihren vielen Erscheinungsformen selbst. Die Darstellung der Quellengrundlagen für dieses Projekt befindet sich daher in Baten (2002a). Die Darstellung der Ergebnisse kann in diesem Abschlussbericht nur examplarisch erfolgen. Ich verweise auf die beigefügten Publikationen.

Darüberhinaus wurden mit diesen und verwandten Quellen bereits Analysen zu Kernbereichen der quantitativen Unternehmensgeschichte - wie auch im Antrag geplant - durchgeführt. Einer der zentralen Bereiche ist die Gründungsforschung (Baten 2002b). Hier untersuchte ich unter anderem, welchen Beitrag regionale Learning-by-Doing-Prozesse und die Entwicklung von gründungsrelevantem Humankapital für die Gründungsdynamik leisteten. Eine gründliche Einordnung und Überprüfung von zahlreichen Alternativhypothesen erfolgte in Baten (2001a).

In einer weiteren Studie wurde die Überlebenskraft von Unternehmen betrachtet (Baten 2001b). Insbesondere ergab sich das interessante Ergebnis, daß Unternehmen in stärker internationalisierten Branchen eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit aufwiesen. Hier spielt der grenzüberschreitende Technologietransfer zweifellos eine entscheidende Rolle. Auch für spezielle Krisenphasen wurden diese Zusammenhänge analysiert (Baten 2001c).

Waren mittlere oder große Unternehmen produktiver in dieser ersten Phase der Globalisierung? Diese Frage wurde im betrachteten Zeitraum klar zugunsten der mittleren (nach heutigen Maßstäben sogar kleinen) Unternehmen entschieden (Baten 2001d). Gerade mittlere und kleine Unternehmen in humankapitalintensiven Regionen (z.B. südwestdeutsche Maschinenbauindustrie) hatten hier einen klaren Produktivitätsvorteil, während ressourcenintensive Produktionsweisen (z.B. der saarländische Kohlebergbau) Skaleneffekte und höhere Unternehmensgrößen nahelegten. Allerdings wiesen geringere Unternehmensgrößen ein höheres Mortalitätsrisiko und Unteilbarkeitsprobleme beim unternehmerischen Faktorinput auf.

Technologietransfer über Landesgrenzen hinweg wurden in Baten (2003) am Beispiel der schweizerischen Unternehmen in Südwestdeutschland untersucht. Zwar war die technologische Bilanz für Deutschland positiv, aber durch die deutsche Zollpolitik wurden wichtige langfristige Wohlfahrtsverluste hervorgerufen.

 

4. Ausblick: Impulse für die zukünftige unternehmensgeschichtliche Forschung

Die bietet Datenbasis eine solide Grundlage für weitere Forschungsarbeiten. Allein an der Universität Tübingen entstehen zur Zeit vier Dissertationen, die die Datenbanken nutzen:

Herr Dipl.Vw. Gerhard Kling studiert die Effekte von Fusionen auf die Entwicklung des übernommenen und des übernehmenden Unternehmens. Besonders wertvolle Informationen stellt die Projektdatenbank, die durch Mittel der Fritz Thyssen Stiftung ermöglicht wurde, bei der Abschätzung von Branchenkonzentration und Marktstrukturen. Herr  Shuxi Yin M.A. untersucht den Einfluss von Patenten auf die Unternehmensgewinne und Unternehmensproduktivität. Die Verknüpfung von 40000 Patenten mit den rund 19000 Unternehmen stellt eine wichtige Erweiterung unseres Wissens dar. Frau Dipl.-Oek. Margaryta Korolenko verfaßt eine Dissertationsschrift zu Kapitalmarktanomalien. Auch diese Studie wären ohne die Vorarbeiten im betrachteten Projekt der Fritz Thyssen Stiftung kaum leistbar. Frau Dipl.-Oek. Nikolinka Fertala, last but not least, untersucht migrierte Unternehmer im Verhältnis zu einheimischen Unternehmern und knüpft damit an Baten (2003) an.

Zudem erlaubt die hier erstellte Datenbank, wichtige Informationen für ein europäisches Projekt bereit zu stellen, das wir mit sieben europäischen Partnern unter der Leitung von Prof. Youssef Cassis (Univ. Grenoble/London School of Economics) durchführen und das die Leistungsfähigkeit großer Unternehmen im 20. Jahrhundert untersucht.

 

5. Publikationen und Arbeitspapiere zum Thema:

Baten, Jörg, 2001a. Gründung, Produktivität und Erfolg von kleinen und großen Unternehmen in Deutschland, 1880-1914. Habilitationsschrift. Sie ist verfügbar unter www.uni-tuebingen.de/uni/habil.doc

Baten, Jörg, 2001b. Expansion und Überleben von Unternehmen in der Ersten Phase der Globalisierung. Tübinger Diskussionsbeitrag Nr. 215

Baten, Jörg, 2001c. Große und kleine Unternehmen in der Krise von 1900-1902. Tübinger Diskussionsbeitrag Nr. 216

Baten, Jörg, 2001d. Produktivitätsvorteil in kleinen und mittelgroßen Industrie-unternehmen, Sicherheit in Großunternehmen? Die Gesamtfaktorproduktivität um 1900. Tübinger Diskussionsbeitrag Nr. 217

Baten, Jörg, 2002a. Neue Quellen für die unternehmenshistorischen Analyse. Scripta Mercaturae, zugleich Tübinger Diskussionsbeitrag Nr. 214 (2001, erschienen 2002).

Baten, Jörg, 2002b. Creating Firms for a New Century: Determinants of Firm Creation around 1900. Arbeitspapier Tübingen, wird derzeit begutachtet beim European Review of Economic History. Verfügbar unter www.uni-tuebingen.de/uni/wwl/greb.pdf

Baten, Jörg, 2003. Ursachen und Erfolg von grenzüberschreitender Unternehmertätigkeit 1830-1914. in Schneider, Jürgen (Hrsg.). Natürliche und politische Grenzen als soziale und wirtschaftliche Herausforderung. Stuttgart 2003, S. 179-201