Newsletter Uni Tübingen aktuell Nr. 2/2013: Schwerpunkt

Physik und „NwT“: Lehramtsstudium in Tübingen mit mehr Praxisbezug

Vor drei Jahren wurde das Physikstudium neu gestaltet, „Naturwissenschaft und Technik“ neu eingeführt

Professor Dr. Peter Grabmayr. Foto: privat
Professor Dr. Peter Grabmayr. Foto: privat

Mit einem abgeschlossenen Physik-Studium sind die Berufsaussichten im Allgemeinen gut, da ganz unterschiedliche Arbeitsfelder damit abgedeckt werden können. Aber Physik gilt auch als schwierig – zu lernen und zu lehren. Experimente im Physikunterricht daher sind wichtige und wunderbare Instrumente, um die Neugier der Schülerinnen und Schüler zu wecken; die Wissensvermittlung für solche Experimente muss an der Universität stattfinden und die Vorbereitung dort geübt werden.

 

Mit der Einführung der neuen GymPO I im Jahr 2010 hat die Universität Tübingen das Lehramtsstudium Physik für Gymnasien und berufliche Schulen neu gestaltet. Parallel wurde in Baden-Württemberg das Lehramtsstudium „Naturwissenschaft und Technik“ (NwT) neu eingeführt, auch an der Universität Tübingen.

 

Das Erkennen physikalischer Probleme sowie ihre didaktisch und fachlich korrekte Darstellung wurde als Lernziel des Lehramtsstudiums Physik vor drei Jahren neu deklariert. Dazu gehören umfassende Kenntnisse theoretischer Modelle, ein fundiertes experimentelles Wissen, ein grundlegendes Verständnis von Zusammenhängen verschiedener Teilgebiete sowie der Bezug zu Alltagsphänomenen.

 

In den ersten drei Semestern erlernen die Studierenden im Lehramtsstudiengang gemeinsam mit den Bachelorstudierenden grundlegende physikalische Kenntnisse; dies erlaubt einen Wechsel in den jeweils anderen Studiengang ohne Zeitverlust. Im vierten Semester wird in einer mündlichen Prüfung das Verständnis der klassischen Physik überprüft. Nach dem obligatorischen Praxissemester wird die „moderne Physik“ mit den Fachgebieten Statistische Physik, Quantenmechanik, Atomphysik, Quantenoptik, Festkörperphysik, Astrophysik, Kern- und Teilchenphysik und Astronomie in eigenen Modulen nur für Lehramtskandidaten vermittelt und in Übungen vertieft. Die Vermittlung der Fachdidaktik erfolgt in Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Seminar. In zwei großen Praktika wird insbesondere der Versuchsaufbau im Unterricht behandelt und erprobt sowie das Projektmanagement geübt. Außerdem können die Studierenden im Schülerlabor der Physik erste Erfahrungen beim gemeinsamen Experimentieren mit Schülern sammeln. So sollen die angehenden Lehrkräfte mit mehr Praxisanteilen besser gerüstet ins Referendariat gehen.

 

Seit Juni 2013 können exzellente Lehramtskandidaten anderer naturwissenschaftlicher Fächer an der Universität Tübingen ein Heraeus-Stipendium erhalten, wenn sie Physik als drittes Fach wählen.

 

„Naturwissenschaft und Technik“ wurde als Unterrichtsfach bereits fast ein Jahrzehnt lang an den Schulen unterrichtet, ehe es mit der GymPO I als eigener Lehramtsstudiengang in Baden-Württemberg eingeführt wurde. Ausgangspunkt der Überlegungen war, die Vermittlung der Naturwissenschaften zu vereinheitlichen und die technischen Aspekte auch an den Gymnasien zu verstärken. Unter dem Kürzel „NwT“ sollen Biologie, Chemie, Geographie und Physik sowie übergreifende technische Aspekte in der Sekundarstufe I gesamtheitlich vermittelt werden.

 

Die schulische Erfahrung hat gezeigt, dass hierzu auch zielgerichtet Lehrkräfte ausgebildet werden müssen. Die Universität Tübingen hat als einzige „alte Traditions-Universität“ diese Herausforderung angenommen, neben den technischen Universitäten in Karlsruhe und in Stuttgart, so wie der Universität Ulm. In der großen Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Tübingen (MNF) sind die einzelnen Fachbereiche Biologie, Chemie, Physik und physische Geographie in Forschung und Lehre gut aufgestellt. Um jedoch auch die technischen Aspekte abzudecken, die rund 75 Prozent des Studiums umfassen sollen, hat die Universität neue Wege eingeschlagen. Gemeinsam mit der Hochschule Esslingen und der Forsthochschule Rottenburg wurde eine Kooperation begonnen, um technische Ausbildung auf hohem Niveau in das Tübinger NwT-Studium aufzunehmen, beispielsweise in den Modulen Materialkunde, Konstruktion, Planung, Fertigung, Energietechnik und -wirtschaft.  Diese TRE-Kooperation (Tübingen-Rottenburg-Esslingen) der drei – italienisch tre – Hochschulen erhielt durch das Land Baden-Württemberg eine Anschubfinanzierung. Weitere Module, wie Bautechnik und Gestaltung durch den Leiter des staatlichen Vermögens- und Bauamts Tübingen oder Mikrosystemtechnik bei der Firma Bosch in Reutlingen sowie Praktika in der Industrie geben vielfältige Einblicke in die technische Arbeitswelt. Neu an diesem Studiengang ist auch die Kooperation der Naturwissenschaften mit den Erziehungswissenschaften auf dem Gebiet der Fachdidaktik, die Universität Tübingen arbeitet intensiv an der Weiterentwicklung des Curriculums mit. Aspekte der Lehrerweiterbildung sollen dabei auch beachtet werden.

 

Das Tübinger NwT-Konzept ist von den Studierenden sehr gut angenommen worden, derzeit gibt es 88 Studierende in drei Jahrgängen. Sie müssen Biologie, Chemie, Physik oder physische Geographie studieren, um zu NwT zugelassen zu werden. Einige haben NwT als drittes Fach gewählt, so dass nun auch Theologen oder Germanisten eine technische Ausbildung bekommen können – ein interessanter Aspekt auch für Schüler. 

 

Der erste Absolvent aus Tübingen hat dieses Frühjahr sein Staatsexamen bestanden und kann als erster vollausgebildeter NwT-Lehrer in Baden-Württemberg demnächst unterrichten: http://www.uni-tuebingen.de/uploads/media/13-05-08Lehramt_NwT.pdf

 

Peter Grabmayr

Gute Noten für den Studiengang Naturwissenschaft und Technik (NwT) in Tübingen

Ein Erfahrungsaustausch von Studierenden des 2010 neu eingeführten Lehramts-Studiengangs NwT der Universtäten Tübingen, Stuttgart und Karlsruhe fand Anfang Juni in Karlsruhe statt. Anwesend waren auch Vertreter des Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg und des Regierungspräsidiums Stuttgart. Dabei zeigte sich, dass der Studiengang mit derzeit fast 90 Studierenden in Tübingen besonders gut nachgefragt wird. Erste Absolventen haben bereits ihr Studium erfolgreich abgeschlossen. Nur in Tübingen kann NwT neben Physik, Chemie und Biologie auch mit dem Studienfach Geographie kombiniert werden. Die Kooperation mit den beiden Fachhochschulen Rottenburg und Esslingen (TRE) funktioniert sehr gut, die Betreuung und Organisation des Studiengangs durch die Physik wurde von den Tübinger Studierenden besonders positiv bewertet. Nach Ansicht der Studierenden ist die Ausbildung in Tübingen gut auf die Anforderungen der Schule ausgerichtet und sind die Technikmodule vor allem an den Fachhochschulen sehr praxisorientiert. Auch die Fachdidaktik-Ausbildung bekam gute Noten. Der Tübinger NwT-Studiengang kann damit als Modell für einen gut funktionierenden, fächer- und standortübergreifenden Studiengang angesehen werden. Nicht zuletzt ist dieser Erfolg dem Engagement aller beteiligten Fachbereiche, dem Studiendekan sowie der sehr aktiven und konstruktiven studentischen Mitarbeit zu verdanken.

 

Joachim Eberle