Newsletter Uni Tübingen aktuell Nr. 1/2016: Schwerpunkt

Gleichberechtigte Patientenkommunikation

Universitätskinderklinik initiiert Dolmetscherprojekt mit Medizinstudenten

Für kranke Menschen ist es von elementarer Bedeutung, genau zu verstehen, was der behandelnde Arzt oder die behandelnde Ärztin sagt: wie lautet die genaue Diagnose, was bedeutet sie, welche Behandlungsmöglichkeiten sind denkbar? Noch schwieriger wird die Kommunikation mit den Patientinnen und Patienten aber, wenn diese weder Deutsch noch Englisch sprechen. Die Zahl der Patienten am Universitätsklinikum Tübingen UKT die nicht sagen können, was ihnen oder ihrem Kind fehlt, nimmt stetig zu. Unter ihnen sind auch viele Geflüchtete. Mit dem Projekt „Gleichberechtigte Patientenkommunikation“ will das UKT diese Situation verbessern und Studierende der Medizin, die eine Fremdsprache – etwa  Arabisch – beherrschen, zu Dolmetscherinnen und Dolmetschern ausbilden.

 

Die Diplom-Pädagogin Sabine Eulerich arbeitet an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin und befasst sich seit über 20 Jahren mit dem Einfluss von Sprachbarrieren auf Patienten, Ärzte und Pflegende: „Nur weil jemand der Sprache nicht mächtig ist, darf er nicht in seinem Recht auf medizinische Versorgung benachteiligt werden“, erklärt sie die Intention des Projekts. Das Projekt „Gleichberechtigte Patientenkommunikation“ hat sie gemeinsam mit Stephanie Rich, Geschäftsführerin der Kinderklinik, aus der Taufe gehoben. Sabine Eulerich ist jetzt auf einer 50-Prozent-Stelle „Beauftragte für gleichberechtigte Patientenkommunikation“ am Universitätsklinikum Tübingen. Ermöglicht wurde das durch eine Spende der Firma Erbe Elektromedizin und durch eine Anschubfinanzierung des Landkreises Tübingen. Begonnen hat Eulerich bereits mit dem Aufbau eines Pools von knapp 60 studentischen Dolmetschern. „Studierende der Medizin sind vertraut mit den Themen und daher auch in der Lage, eine professionelle Haltung zu finden. Die Studierenden vertiefen durch das Dolmetschen außerdem einzelne Fachgebiete und sammeln Erfahrung in der ärztlichen Gesprächsführung“, sagt Eulerich.

 

Zusätzlich werden im Rahmen des Projekts – in Zusammenarbeit mit der Stadt Tübingen und dem Landkreis – ehrenamtliche Personen ohne medizinischen Hintergrund, die ebenfalls eine andere nachgefragte Sprache beherrschen, in einer zweitägigen Schulung für den Einsatz im Dolmetscher-Pool vorbereitet. Ganz wichtig: Medizinstudenten und ehrenamtliche Dolmetscher treffen sich regelmäßig mit Sabine Eulerich zum Erfahrungsaustausch. Dadurch lernen sie, wie sie in der Praxis des Dolmetschens besser mit schwierigen Situationen zurechtkommen – im Sinne einer gleichberechtigten Patientenkommunikation und des Patientenwohls.

 

Aus Sicht von Eulerich ist der Bedarf an Dolmetschern am Universitätsklinikum bereits seit vielen Jahren unverändert hoch. Aber erst durch die große Zahl der Geflüchteten in jüngster Zeit, ist tatsächlich auch das Bewusstsein für dieses Problemfeld gestiegen. Es komme jetzt verstärkt in den Ambulanzen und auf den Stationen zu Situationen, in denen die Dringlichkeit einer sprachlichen Unterstützung offenkundig werde: „Sie können sich im Gesundheitsbereich mit geflüchteten Menschen nicht ausschließlich mit Händen und Füßen verständigen.“, sagt die Beauftragte für gleichberechtigte Patientenkommunikation.

 

Dank der finanziellen Unterstützung durch den Lionsclub Tübingen wird zusätzlich im Sommersemester 2016 im Rahmen des Medizinstudiums das von der Mainzer Dolmetscherin und Translationswissenschaftlerin Dr. Şebnem Bahadır entwickelte Seminar „Die Triade Mediziner – Dolmetscher – Patient in interkulturellen Beratungs- und Behandlungsgesprächen“ angeboten. „Es ist ein Glücksfall, dass wir dieses Seminar mit der von Frau Dr. Bahadir entwickelten Methode der Dolmetschinszenierungen anbieten können“, sagt Sabine Eulerich. „Hier können die Studierenden lernen, wie sie in einer ursprünglich für zwei Parteien vorgesehenen Interaktion ‘eine Fachkraft des Dazwischenraums’ (Bahadir) werden können.“ Der Kurs gehört für den Bereich der Pädiatrie bereits zu den Wahlpflichtfächern, eine Ausweitung auf weitere Disziplinen ist in Vorbereitung.

 

Als dritte Säule des Projekts „Gleichberechtigte Patientenkommunikation“ soll außerdem in Kürze das Videodolmetschen erprobt werden. Es ist für Notfälle gedacht und für sehr seltene Sprachen, für die sich zeitnah keine Dolmetscher finden lassen.

 

Nach der Etablierung des Dolmetscher-Pools zunächst in der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin wird der Service nun nach und nach auf die anderen Kliniken des UKT und den gesamten Landkreis ausgeweitet. Damit die Koordination in Stadt und Landkreis funktionieren kann, haben sich die Akteure im Gesundheitswesen und die Unterstützerkreise für geflüchtete Menschen vernetzt. Für den „Runden Tisch Gesundheit“ ist Sabine Eulerich wichtige Ansprechpartnerin.

 

Für Eulerich wird der Patientenkommunikation im Medizinstudium heutzutage zwar deutlich mehr Platz eingeräumt, es sei aber bei weitem noch nicht genug, da es grundsätzlich nicht leicht sei, ein gutes Arztgespräch zu führen. Auch das Thema „leichte Sprache“ werde bislang im Gesundheitsbereich vernachlässigt. Im Rahmen des Projekts „Gleichberechtigte Patientenkommunikation“ möchte Sabine Eulerich daher gerne auch Formulare und Unterlagen auf verständliche Sprache untersuchen und gegebenenfalls optimieren.

 

Und: Ein gut funktionierender Pool mit Dolmetschern hat nicht nur die bessere Versorgung von Patienten mit Sprachbarriere zur Folge, sie führt letztendlich auch zur Entlastung des medizinischen Personals.

 

Maximilian von Platen

SWR-Fernsehbericht „Patient und Arzt müssen sich verstehen“

Momentan umfasst der Dolmetscher-Pool des Projekts „Gleichberechtigte Patientenkommunikation“ 54 Studierende der Medizin, darunter auch einige wenige Deutsche. Folgende Sprachen werden aktuell angeboten (einige Studierende bieten mehrere Sprachen an):

 

Arabisch (27), Bosnisch (1), Bulgarisch (3), Chinesisch (1), Farsi (3), Französisch (5), Griechisch (1), Hebräisch (2), Indonesisch (1), Italienisch (3), Kroatisch (1), Kurdisch (1), Kumanci (1), Lettisch (1), Polnisch (1), Portugiesisch (1), Rumänisch (1), Russisch (4), Serbisch (1), Slovakisch/Tschechisch (4), Spanisch (3), Tamil (1), Tschetschenisch (1), Türkisch (3)

  

Ganz dringend gebraucht werden Dolmetscher für Albanisch und weitere Dolmetscher für Farsi, Dari und Kurdisch

  

Aktuell sind die Dolmetscher in der Kinderklinik tätig, erste Einsätze gab es aber auch bereits in der Frauenklinik, der Psychiatrie und in der Augenklinik. Eine Ausdehnung auf das gesamte UKT ist geplant, denn „geflüchtete Menschen sind an allen Kliniken Patienten“, so Sabine Eulerich.