Newsletter Uni Tübingen aktuell Nr. 3/2017: Schwerpunkt

„Kaum etwas lebt so sehr vom Ansehen wie die Wissenschaft“

Professor Dr. Gregor Markl ist Vertrauensperson in den Naturwissenschaften

Prof. Dr. Gregor Markl. Foto: Privat
Prof. Dr. Gregor Markl. Foto: Privat

Der Senat der Universität Tübingen bestellt aus den Professorinnen und Professoren sechs Vertrauenspersonen sowie die gleiche Anzahl von stellvertretenden Vertrauenspersonen für drei Jahre, die wieder gewählt werden können. Je zwei Vertrauenspersonen, jeweils eine männliche und eine weibliche, sowie je zwei stellvertretende Vertrauenspersonen, ebenfalls jeweils eine männliche und eine weibliche, gehören den Bereichen Medizin, Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften an. Ferner wählt der Senat auch eine Kommission zur Untersuchung von Fehlverhalten in der Wissenschaft, die aus fünf Mitgliedern besteht. Die Wahlvorschläge für Vertrauenspersonen und Kommission kommen von den im Senat vertretenen Listen und den Fakultäten. Johannes Baral sprach mit Professor Dr. Gregor Markl, Leiter der Arbeitsgruppe für Petrologie und Mineralische Rohstoffe im Fachbereich Geowissenschaften. Er ist seit März 2017 Vertrauensperson in den Naturwissenschaften. 

Welche Aufgabe haben Sie als Vertrauensperson genau?

Als Vertrauensperson befasse ich mich als Teil eines Gremiums mit Fällen von vermutetem wissenschaftlichem Fehlverhalten, also von nicht ordnungsgemäßem Umgang mit wissenschaftlichen Ergebnissen. Es wird abgeklärt, ob sich die betreffende Person tatsächlich nicht korrekt verhalten hat und wenn das zutrifft, in welcher Form. Das kann bei Führungspersonen und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gleichermaßen vorkommen. Oft ist das ein sehr undurchsichtiges Feld, weil hier Abhängigkeiten mit hineinspielen. Da braucht es jemanden, der mit dem Forschungsfeld nicht in Zusammenhang steht. Im Idealfall stammt diese Person aus einem anderen Fachbereich.

Somit beurteilen Sie das wissenschaftliche Ergebnis nicht nach seiner Relevanz, sondern nach der Arbeitsweise.

Richtig. Eine wissenschaftliche Veröffentlichung aus beispielsweise der Biologie oder Psychologie könnte ich ja als Fachfremder gar nicht kompetent einordnen. Vertrauenspersonen müssen die Forschungsergebnisse danach bewerten, ob bei einer wissenschaftlichen Veröffentlichung geahndet werden muss oder rechtliche Konsequenzen notwendig sind. Als Wissenschaftler kann ich auch fachfremd die Zitationsverfahren beurteilen und muss die richtigen Fragen stellen, sowohl an die Autorin oder den Autor als auch an die Begutachter der Arbeit.

Waren Sie seit Ihrer Wahl schon in Fällen involviert?

Bisher hatte ich mit zwei Fällen zu tun, bei denen es um nicht korrektes Zitieren ging. Das kommt auch generell in der Wissenschaftslandschaft am häufigsten bei wissenschaftlichem Fehlverhalten vor. Die gezielte Erzeugung von falschem Datenmaterial gibt es glücklicherweise eher selten. Letzteres ist dann natürlich auch richtiger Betrug. Wenn man in einem Text dagegen seine Quellen unzureichend oder falsch angibt, spielt häufig auch eine gute Menge Nachlässigkeit mit rein. Das ist oft keine bewusste Täuschung. Manchmal wird beispielsweise schlicht versäumt, etwas korrekt zu zitieren, weil es für die Arbeit als Ganzes eher triviale Sachverhalte sind, die beim Fachpublikum als bekannt vorausgesetzt werden.

Gibt es neben dem fehlerhaften Zitieren und der Datenfälschung noch weitere Situationen, in denen Vertrauenspersonen hinzugezogen werden sollten?

Was als Problemfall auch noch vorkommen kann, ist das Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Mitarbeiterinnen oder Mitarbeitern. Dabei kann es beispielsweise um die Frage gehen, ob gesammelte Daten schon für eine Veröffentlichung ausreichen und Professor und Doktorand sind sich hier aber uneinig. Auch die Frage, wer welchen Beitrag zu einer Forschungsarbeit geleistet hat und demzufolge an welcher Position auf der Autorenliste erscheinen muss, sorgt gelegentlich für Streitsituationen, in denen eine Vertrauensperson hilfreich sein kann.

Warum haben Sie dieses Amt übernommen?

Ich finde das Thema spannend und es liegt mir am Herzen, dass Wissenschaft ordentlich gemacht wird. Kaum etwas lebt so sehr vom Ansehen wie die Wissenschaft! Forschungsergebnisse müssen sehr sorgfältig und seriös in den Veröffentlichungen dargestellt werden. Jedes wissenschaftliche Fehlverhalten ist ein gefundenes Fressen für all jene politischen und gesellschaftlichen Kräfte, die wissenschaftlich belegte Fakten in Zweifel ziehen.

Was sollten Promovierende vor diesem Hintergrund aus Ihrer Sicht besonders beachten?

Wichtig ist, dass jeder, der an einer wissenschaftlichen Arbeit in irgendeiner Form beteiligt ist, seinem Anteil entsprechend Erwähnung finden muss. Sei es, dass jemand tatsächlich involviert war, oder sei es, dass jemand früher schon etwas publiziert hat, was für die aktuelle wissenschaftliche Arbeit inspirierend war. Das Zitieren wird ja normalerweise nur mit Geschriebenem in Verbindung gebracht. Aber es kann auch passieren, dass bei einer Unterhaltung im Büro eine nicht aktiv involvierte Person den zündenden Impuls gibt. Auch da sollte man ehrlich miteinander umgehen. Gerade wenn man noch keine Dauerstelle hat, fühlen sich manche sehr unter Druck, möglichst viel zu veröffentlichen und dies dann möglichst prominent mit dem eigenen Namen zu verbinden. Ich erlebe immer wieder, dass es darum geht, ob man Erst- oder Zweitautor ist oder ob es nun fünf oder eher acht Autoren sind. Wenn es acht sind, schmälert das vermeintlich den eigenen Anteil. Es ist wichtig, auch sich selbst gegenüber ehrlich zu sein, wie hoch der eigene Beitrag an einem Forschungsergebnis tatsächlich war.

Was würden Sie raten, wenn ich mit jemandem zusammenarbeite, und ich habe das Gefühl, diese Person will meinen Anteil an der gemeinsamen Arbeit in den Hintergrund stellen?

Normalerweise sollte man versuchen, so etwas erstmal innerhalb der Arbeitsgruppe zu lösen. Wenn also beispielsweise zwei Doktoranden an demselben Thema arbeiten und sich nicht einigen können, wer welches Feld bearbeitet, sollte man zunächst mit der Leitung der Forschungsgruppe sprechen. Wenn man hier nicht weiterkommt und die eine Person fühlt sich nach wie vor ungerecht behandelt, dann ist das durchaus ein Fall für eine Vertrauensperson.

 

Liste Vertrauenspersonen und Kommission zur Untersuchung von Fehlverhalten in der Wissenschaft 

  

Druckansicht schliessen