Newsletter Uni Tübingen aktuell Nr. 1/2018: Forschung

Parsquake: Erdbeben-Erziehung für Risikoregionen

Das Parsquake-Projekt setzt sich für eine bessere Wissensvermittlung zu Erdbeben ein

Sebastian Mutz und Solmaz Mohadjer mit einer Box mit Unterrichtsmaterialien für die „Erdbeben-Erziehung“. Die Boxen sind für interessierte Lehrerinnen und Lehrer sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Universität Tübingen kostenlos erhältlich. Foto: Friedhelm Albrecht/Universität Tübingen
Sebastian Mutz und Solmaz Mohadjer mit einer Box mit Unterrichtsmaterialien für die „Erdbeben-Erziehung“. Die Boxen sind für interessierte Lehrerinnen und Lehrer sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Universität Tübingen kostenlos erhältlich. Foto: Friedhelm Albrecht/Universität Tübingen

2011 rief Solmaz Mohadjer von der Forschergruppe Earth System Dynamics des Fachbereichs Geowissenschaften mit Unterstützung der PARSA Community Foundation und der internationalen Non-Profit-Organisation „Teachers Without Borders“ das Parsquake-Projekt ins Leben. Das Projektteam entwickelt Unterrichtspläne und Lehrmaterialien für Lehrkräfte und Lehrerausbilder, mit denen das Wissen über Erdbeben in besonders gefährdeten Regionen wie Tadschikistan, Iran und Afghanistan an die Bevölkerung dort vermittelt werden kann. Ziel ist auch, den Menschen vor Ort Wege aufzuzeigen, wie sie sich im Erdbebenfall besser schützen können. Zuletzt entstand im Rahmen des Projekts eine Reihe von Lehrvideos.

„Die Grundidee für das ParsQuake-Projekt hatte ich bereits 2007, als ich in Tadschikistan zusammen mit einer Forschergruppe der University of Montana Feldforschung für meine Masterarbeit betrieben habe. Wir haben dort an verschiedenen Orten GPS-Stationen installiert. Wir wollten herausfinden, wie sich die Form der Erdkruste durch tektonische Verschiebungen im Detail verändert und wie dies mit der dortigen Erdbebengefahr zusammenhängt“, berichtet Solmaz Mohadjer, die das Parsquake-Projekt von Tübingen aus zusammen mit Dr. Sebastian Mutz koordiniert. Länder wie Tadschikistan, Kirgistan, Kasachstan, Afghanistan sowie Pakistan gehören zu einer Region, in der zwei tektonische Platten aufeinander treffen. Aufgrund der hohen Gebirgsketten wie dem Himalaya, dem Pamir oder dem Hindukusch verändert sich die Erdkruste ständig. Das Erdbebenrisiko ist hoch.

Kinder vor Ort stellten Fragen zu Erdbeben

„Besonders die Kinder in den Dörfern vor Ort waren unglaublich neugierig und wollten wissen, was wir da tun. Wir kamen mit den Kindern ins Gespräch. Eine Frage, die immer wieder gestellt wurde, war: ‚Was sollen wir tun, wenn ein Erdbeben stattfindet?‘“, erzählt Mohadjer. Viele der dort lebenden Menschen wüssten nur sehr wenig über die Entstehung von Erdbeben. Ihnen sei oft nicht bewusst, dass man sich tatsächlich auf Erdbeben vorbereiten und für die Sicherheit vorsorgen kann. Da die großen Erdbeben teils schon länger her sind, haben die Jüngeren so etwas noch nicht selbst erlebt und hier keine Erfahrungen.

 

Aus den Gesprächen mit den Kindern ergab sich für das Geologenteam auch die Frage, wie die Kommunikationslücke zwischen der Wissenschaft und der Bevölkerung, die im Erdbebengebiet lebt, überbrückt werden kann. „Wir Wissenschaftler reisen an ferne Orte, machen dort unsere Arbeit und sammeln Wissen über die Erdbebenursachen. Wir sind aber vom eigentlichen Problem, den Erdbeben, nur selten direkt betroffen. Wir müssen Wege finden, wie die Menschen unser Wissen aus der Erdbebenforschung praktisch in ihren Alltag integrieren können“, erklärt Solmaz Mohadjer.

Produktion von Lehrvideos

Reinhard Drews demonstriert im Video „Soft Rocks & Hard Liquids: Properties of Earth Materials“ auf dem Skateboard den Prozess der Energieumwandlung.
Reinhard Drews demonstriert im Video „Soft Rocks & Hard Liquids: Properties of Earth Materials“ auf dem Skateboard den Prozess der Energieumwandlung.

Ein wichtiger Teil des Parsquake-Projekts war in letzter Zeit die Produktion von Lehrvideos (Link http://parsquake.org/resources.php), die auf leicht verständliche Art erklären, wie Erdbeben entstehen und wie man sich gegen ihre Auswirkungen schützen kann. „Die Grundlage für die Videos waren die Erdbeben-Unterrichtspläne. Das zu vermittelnde Wissen soll so leichter zugänglich gemacht werden“, erläutert Sebastian Mutz, der auch die Produzentenrolle bei den Videos übernommen hat. „In Texten gehen oft viele Informationen verloren, die in einem Video viel anschaulicher vermittelt werden können. Ein Ziel der Videos ist, Lehrkräften beispielhaft zu zeigen, wie man Wissen über Erdbeben im Klassenzimmer weitergeben kann.“

 

So kommt im Video „Soft Rocks & Hard Liquids: Properties of Earth Materials“ (Link: http://parsquake.org/resources.php?id=03) beispielsweise auch ein Skateboard zum Einsatz, um den Prozess der Energieumwandlung darzustellen. „Das ist eines unserer Lieblingsvideos. Mein Kollege Reinhard Drews beginnt hier mit einem einfachen Thema, um dann langsam auf eine kompliziertere Ebene umzuschwenken“, erklärt Solmaz Mohadjer. Die erste Videoserie ist inzwischen abgeschlossen. Im nächsten Schritt sollen die Videos gemeinsam mit den bisherigen Nutzern auf ihr Verbesserungspotential hin ausgewertet werden. „Uns interessiert beispielsweise, ob wir die Videos noch besser auf die jeweilige Landeskultur hin anpassen können“, meint Sebastian Mutz.

 

 „Die Bedeutung der Wissenschaft muss regelmäßig in der Öffentlichkeit kommuniziert werden. Alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stehen in der Verantwortung, die Kluft zwischen Universität und Gesellschaft zu schmälern. ParsQuake hat einen neuen und zeitgemäßen Zugang gefunden, die Bedeutung der Wissenschaft im täglichen Leben der Menschen darzustellen. Daran habe ich mich natürlich gerne beteiligt", erklärt Dr. Reinhard Drews von der Earth System Dynamics Research Group, warum er sich an den Lehrvideos beteiligt hat.

 

Johannes Baral

 

Webseite des Parsquake-Projekts: http://parsquake.org/

Video-Trailer zum Parsquake-Projekt: https://youtu.be/WDbAmX72CFA  

Alle Videos und weitere Materialien (z. B. Unterrichtspläne): http://parsquake.org/resources.php