Newsletter Uni Tübingen aktuell Nr. 1/2018: Forschung

Solving the unsolved Rare Diseases (Solve-RD)

Europäisches Projekt zur Erforschung seltener Krankheiten unter Tübinger Federführung

Seltene Erkrankungen werden mit herkömmlicher Diagnostik oft nicht erkannt. Bessere Gentests sind notwendig, um sie effektiv zu diagnostizieren. Es hat sich gezeigt, dass nicht nur die Diagnosestellung schwierig ist, sondern auch die Erforschung dieser Krankheiten aufgrund der Seltenheit lange dauern kann.

 

Das europäische Forschungsprojekt Solving the unsolved Rare Diseases (Solve-RD) will hier ansetzen. Solve-RD wird von Professor Dr. Olaf Riess und Dr. Holm Graessner an der Universität Tübingen koordiniert. Die Europäische Union fördert das Projekt im Rahmen der Horizon2020-Ausschreibung mit 15 Millionen Euro, davon fließen 2,7 Millionen Euro in Tübinger Projekte.

 

Die Solve-RD Partner haben eine Infrastruktur entwickelt, die die Koordination und Analyse aller in Europa generierten Daten zu seltenen Erkrankungen ermöglicht. Die Kombination aller vorhandenen Exom- und Genompatientendaten der Solve-RD Partner erhöht deutlich die Chancen, einen zweiten oder dritten Patienten mit derselben seltenen Krankheit zu finden. Vier europäische Referenznetzwerke sind bei Solve-RD dabei:

 

  • Referenznetzwerk für seltene neurologische Erkrankungen (RND)
  • Referenznetzwerk für neuromuskuläre Erkrankungen (EURO-NMD)
  • Referenznetzwerk für angeborene Fehlbildungen und geistige Behinderung (ITHACA)
  • Referenznetzwerk für genetische Tumorrisikosyndrome (GENTURIS)
      

Diese Netzwerke sind die ersten, die ihre Patientendaten beitragen und teilen und dadurch eine Vorreiterrolle bei der Verbesserung der Diagnose und Behandlung dieser seltenen Krankheiten übernehmen.

 

Neben der Re-Analyse bislang ungelöster Fälle geht Solve-RD noch einen Schritt weiter, indem es die neuesten verfügbaren „Multi-Omics“-Methoden anwendet. Wenn die DNA-Daten auf eine bestimmte Krankheit hindeuten, wenden die Wissenschaftler Tests an, die die Funktion des Gens genauer untersuchen, wie die RNA, Proteine (Proteomics), Stoffwechselprodukte (Metabolomics) und das Epigenom (Epigenomics). Eine Kombination dieser "…omics"-Techniken liefert zusätzliche Informationen die sicherstellen, dass eine seltene Krankheit sicher diagnostiziert wird. Die enormen Datenmengen, die sich aus diesem „Multi-Omics-Ansatz“ ergeben, müssen von Bioinformatikern mithilfe intelligenter Algorithmen in nützliche, verständliche Informationen umgewandelt werden.

 

Um neue krankheitsverursachende Gene zu validieren werden die Tübinger Wissenschaftler ein innovatives Brokerage-System implementieren, angelehnt an das erfolgreiche kanadische Vorbild. Die neue Plattform verbindet Kliniker und Genetiker mit den weltweit besten Grundlagenwissenschaftlern, die an diesen Genen arbeiten. So können auch externe Grundlagenforscher ihre Expertise in der Pathway-Analyse und -Modellierung, also der Untersuchung von Struktur und Dynamik der zellulären Funktionen sowie der Funktionen des Organismus, und vorhandene Modellsysteme wie Hefe oder C.elegans (Fadenwurm Caenorhabditis elegans) einbringen. Solve-RD wird dieses „Matchmaking“ erleichtern und Startkapital für die Überprüfung der neuartigen Krankheitsgene bereitstellen.

 

Birte Zurek

Seltene Erkrankungen

Seltene Erkrankungen sind häufig. Etwa drei Millionen Menschen in Deutschland haben eine seltene Erkrankung. Eine Erkrankung gilt als selten, wenn weniger als fünf von 10. 000 Menschen an ihr erkrankt sind. Diagnostik, Behandlung, Therapie und Forschung verlangen die enge Zusammenarbeit von Spezialisten vieler Fachrichtungen.

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