Newsletter Uni Tübingen aktuell Nr. 2/2018: Studium und Lehre

Literatur – das beste Lehrmittel

Amos Paran ist der erste Ottilie-Wildermuth-Gastprofessor an der Universität Tübingen

Dr. Amos Paran vom Institute of Education am University College London ist der erste Ottilie-Wildermuth-Gastprofessor. Foto: Mario Seidel
Dr. Amos Paran vom Institute of Education am University College London ist der erste Ottilie-Wildermuth-Gastprofessor. Foto: Mario Seidel

Das Lehramtsstudium in Tübingen wird weiter professionalisiert, internationaler ausgerichtet und auf Perspektivwechsel ausgelegt. Am Lehrstuhl für die Fachdidaktik des Englischen von Professor Dr. Uwe Küchler wurde daher der Gastlehrstuhl „Ottilie-Wildermuth-Chair“ eingerichtet, der über vier Semester vier verschiedene internationale Professoren und Professorinnen an die Universität Tübingen bringt. Dr. Amos Paran vom Institute of Education am University College London ist der erste Ottilie-Wildermuth-Gastprofessor.

 

„Man tritt in das Klassenzimmer ein und dort sind 40 Kinder, die nicht da sein wollen. Damit muss man arbeiten.“ Dr. Amos Paran hat praktische Erfahrung auf dem Gebiet der Erziehungswissenschaften; er hat viele Jahre lang in Schulen bei Tel Aviv unterrichtet. Inzwischen ist der israelische Pädagoge seit über 30 Jahren in England und Reader an einem der renommiertesten Institute für Erziehungswissenschaften. Sechs Monate lang können Tübinger Studierende am Englischen Seminar von seiner internationalen Perspektive profitieren.

 

Amos Paran erzählt begeistert von den Tübinger Studierenden: „Die heutige Sitzung hat mir einen Riesenspaß gemacht. Heute haben die Studierenden eine Diskussion über Gruppenarbeit initiiert. Sie hatten sehr gute Ideen, und ich glaube, dass wir begonnen haben, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. In Großbritannien unterrichte ich keine Bachelor-Studierenden, das hier ist für mich sehr interessant.“

 

Paran wird andere Städte in der Region besuchen, um in Workshops für diejenigen, die Fremdsprachen unterrichten wollen und solche, die dies bereits tun, die Tücken des Handwerks zu erörtern: „Deutschland hat eine lebhafte, große Tradition in der Fremdsprachenlehre. Mich interessiert besonders, wie man kulturelles Wissen, Landeskunde, in einen Unterrichtsplan aufnimmt, damit das Ganze klappt. Wie verhindert man, dass daraus nicht bloß eine Vortragsstunde wird?“

 

Dr. Paran wird sich während seines Aufenthaltes zwei weiteren Schwerpunkten widmen: Das Lesen in einer Fremdsprache und Literatur im Fremdsprachenunterricht. Letzteres nennt er „Literary Intersections“; dabei interpretiert er „Literatur“ nicht nur als Schriften, sondern auch Musik, Film und elektronische Medien: „Was ist Literatur? Kinderlieder, einfache Reime, kurze Gedichte... Wir Menschen erzählen gerne Geschichten, und wir lieben es, Geschichten zu lesen.“

 

„Die schönsten Momente, die ich mit Schülern erlebt habe, hatten mit Literatur zu tun. Eines Tages las ich mit meiner Klasse ‚All My Sons‘ von Arthur Miller. Als die Pausenglocke läutete, wollte ich aufhören, aber die Schüler protestierten – sie wollten weitermachen…“

 

„Es geht um die Atmosphäre. Ja, es sind schwere Vokabeln dabei – also bringt man sie der Klasse bei. Man wächst mit der Aufgabe. Man darf nicht dem verfallen, was ich die ‚Tyrannei der Totalität‘ nenne – man muss nicht jedes einzelne Wort verstehen. Viele Lehrwerke erzählen Geschichten, die nicht immer sehr gut oder interessant sind. Warum solche Pseudoliteratur einsetzen, wenn es Kurzgeschichten und Gedichte gibt? Sie schaffen Erinnerungen, die Jahrzehnte später nachwirken.“

 

Das Interview führte Amanda Crain