Uni-Tübingen

Sommeruniversität 2018

Vom 30. Juli bis zum 10. August 2018

Sommeruniversität an der Universität Tübingen heißt, dass Studierende und die interessierte Öffentlichkeit aus einer Serie von zehn allgemein verständlichen, aber dennoch forschungsaktuellen und spannenden Vorlesungen aus ganz verschiedenen Fachgebieten auswählen können. Die Sommeruniversität wird organisiert in Zusammenarbeit mit der Universitätsstadt Tübingen und ist Teil des Tübinger Kultursommers.

Die Vorlesungen finden jeweils um 10.15 Uhr im Hörsaal des Theologicums, Liebermeisterstr. 16, statt. Eine Anmeldung ist nicht nötig.

Montag, 30. Juli 

Der Streit um Gender-Forschung zwischen Populismus und „Me too“

Prof. Dr. Regina Ammicht-Quinn

Die #MeToo-Debatte hat seit Oktober vergangenen Jahres für einige Monate die Medien beherrscht. Nach dem Skandal um den Filmproduzenten Harvey Weinstein wurden Frauen weltweit aufgefordert, ihre Erfahrungen mit sexueller und sexualisierter Gewalt öffentlich zu machen. Diese Debatte ist ein wichtiges Symptom für sich verändernde Geschlechterverhältnisse – eine Veränderung, der mit Erleichterung und Unterstützung, aber auch mit Angst und Verachtung begegnet wird.
Worum also geht es bei der Genderforschung? Welche Rolle spielen hier populistische Strömungen? Und wie ließe sich eine „Ethik der Geschlechter“ entwickeln?

Prof. Dr. Regina Ammicht-Quinn ist Sprecherin des Internationalen Zentrums für Ethik in den Wissenschaften und Direktorin des Zentrums für Gender- und Diversitätsforschung der Universität Tübingen. Sie studierte Katholischen Theologie und Germanistik. Von Februar 2010 bis 2011 war sie Staatsrätin für interkulturellen und interreligiösen Dialog sowie gesellschaftliche Werteentwicklung als parteiloses Mitglied der Landesregierung von Baden-Württemberg.

Dienstag, 31. Juli

Sprache und Raum: Worin bestehen die Herausforderungen für Zweit- und Fremdsprachlernende des Deutschen? 

Prof. Dr. Doreen Bryant

Raumausdrücke (z.B. an, auf, über, darein, darin, reinlegen, ankleben) sind ein fundamentaler und dabei zugleich ungemein schwieriger Lerngegenstand. Dies liegt nicht zuletzt auch daran, dass das muttersprachliche Raumausdruckssystem bereits in den ersten Lebensjahren in seinen Grundzügen erworben und sensomotorisch verankert ist. Damit ist die Inputanalyse und die Sprachplanung in der Zweit-/Fremdsprache stark beeinflusst von den verinnerlichten Kategorien der Erstsprache. Der Vortrag beleuchtet aus sprachkontrastiver Sicht die Besonderheiten des deutschen Lokalisierungssystems und damit auch die potentiellen Lernschwierigkeiten und zeigt Wege auf, diese zu überwinden.

Prof. Dr. Doreen Bryant, Linguistin und Sprachheilpädagogin, ist seit 2011 Professorin für Germanistische Linguistik und Deutsch als Zweitsprache an der Universität Tübingen. Sie leitet den Studiengang Deutsch als Zweitsprache: Sprachdiagnostik und Sprachförderung und ist eingebunden in die Lehramtsausbildung. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen an den Schnittstellen von Sprachtheorie, Spracherwerbsforschung und Sprachdidaktik.

Mittwoch, 1. August 

Was haben (Bauch-)Schmerzen mit Stress zu tun?

Prof. Stephan Zipfel und Dr. Anne Herrmann-Werner

In ihrem Vortrag werden die beiden Referenten den Zusammenhang zwischen Stress und der Entstehung und Verarbeitung von chronischen Schmerzen, insbesondere in Form von Bauchschmerzen, aufzeigen. Hierzu werden Befunde und Belege aus dem Kinder- und Jugendalter und aus dem Erwachsenenalter vorgestellt. Neben der Erläuterung der Entstehung und Aufrechterhaltung von (Bauch-)Schmerzen werden auch Möglichkeiten der Behandlung und der Beeinflussung durch gezieltes Stressmanagement erläutert. Hierzu werden ergänzend exemplarisch kleine Übungen für ein erfolgreiches Stressmanagement vorgestellt.

Prof. Stephan Zipfel ist Ärztlicher Direktor und Dr. Anne Herrmann-Werner ist Oberärztin der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Medizinischen Uniklinik Tübingen. Beide verfügen über viele Jahre an Erfahrung unter anderem im Bereich chronischer Schmerzerkrankungen.

Donnerstag, 2. August 

Rapide Seespiegelschwankungen im Ostafrikanischen Rift: Sedimente verschwundener Seen berichten beredt über das Kommen und Gehen des Wassers

Dr. Annett Junginger

Wie sah die Umwelt unserer frühen Vorfahren aus und was hat sie dazu veranlasst, sich kulturell weiter zu entwickeln und Afrika zu verlassen, um den Rest der Welt zu besiedeln? Könnten dramatische Klima- und Umweltveränderungen dabei eine Rolle gespielt haben? Unsere Arbeitsgruppe geht diesen Fragen nach, indem sie die Sedimente verschwundener Seen in Ostafrika unter die Lupe nimmt. In diesen Sedimenten suchen wir nach stummen Zeugen, die uns Aufschluss über das Aussehen der damaligen Landschaft geben, wie z.B. über die Vegetation, Wasserqualität, Seegrößen, oder vulkanischen Aktivitäten, und wie und warum sich die Landschaft verändert hat.

Dr. Annett Junginger studierte Geowissenschaften am Institut für Erd- und Umweltwissenschaften der Universität Potsdam. Heute ist sie Juniorprofessorin für Mikropaläontologie und Paläoumweltrekonstruktion an der Universität Tübingen. Annett Junginger erforscht Klimaveränderungen im Ostafrikanischen Rift (Kenia) und analysiert dafür Sedimente von ausgetrockneten oder noch existierenden Seen.

Freitag 3. August 

Philosophische Anmerkungen zur europäischen Identität

PD Dr. Niels Weidtmann

Aus philosophischer Sicht liegt das Besondere der europäischen Identität gerade darin, dass es eine einheitliche europäische Kultur so nicht gibt und niemals gab. Stattdessen liegt die europäische Idee darin, sich von allen kulturellen Partikularismen zu lösen und nach kulturübergreifender Verbindlichkeit zu streben. Das hat Europa lange Zeit stark gemacht. Heute ist Europa aber – von innen wie von außen – zunehmend mit alternativen Weltansichten konfrontiert, die gegen das europäische Universalitätsstreben ihr eigenes Recht beanspruchen und das europäische Selbstverständnis damit in seinem Kern in Frage stellen.

PD Dr. Niels Weidtmann studierte Philosophie, Politik und Biologie in Würzburg und den USA und promovierte zur Philosophie der Interkulturalität bei Heinrich Rombach. Seit 2006 ist er Wissenschaftlicher Leiter des Forum Scientiarum der Universität Tübingen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Interkulturalität, Phänomenologie und Hermeneutik, Strukturphilosophie und Wissenschaftsphilosophie.

Montag, 6. August 

(Un-)sicher im Bahnhofsviertel? Herausforderungen für die kommunale Kriminalprävention

Prof. Dr. Rita Haverkamp

Kennzeichen von Bahnhofsvierteln sind Anonymität, Fluktuation und Heterogenität aufgrund der Vielzahl der dort verkehrenden Menschen. Deren Aktivitäten und Interessen sind genauso vielfältig und reichen vom bloßen Durchqueren des Viertels über Übernachtungen in dort ansässigen Hotels und das Aufsuchen von Vergnügungsorten bis hin zu Betteleien und unterschiedlichen Erscheinungsformen von Kriminalität. Vor diesem Hintergrund werden nach der Erläuterung von Begrifflichkeiten wie Sicherheit und Kriminalitätsfurcht Strategien der kommunalen Kriminalprävention zur Verbesserung der Sicherheit in Bahnhofsvierteln behandelt.

Prof. Dr. Rita Haverkamp hat die Stiftungsprofessur für Kriminalprävention und Risikomanagement an der Universität Tübingen inne. Sie ist Mitglied in der International Penal and Penitentiary Foundation und im Forschungsbeirat des Bundeskriminalamts. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Sicherheit, kommunale Kriminalprävention, Menschenhandel und Strafvollzug.

Dienstag, 7. August 

Fußball 4.0: global und digital aus Sicht der Fans

Prof. Dr. Tim Pawlowski

Im Rahmen des Vortrags wird zunächst ein kursorischer Überblick zur beobachtbaren Digitalisierung und Globalisierung im Profifußball gegeben, ehe auf ausgewählte Forschungsarbeiten des Arbeitsbereichs zur Bedeutung dieser Entwicklungen für die Fußballfans eingegangen wird. Im Fokus dabei stehen neue Erkenntnisse zu bisher weniger entwickelten Fußballmärkten im Ausland (insbesondere in den USA), Konsequenzen von Spieltags-Überschneidungen mit unteren Ligen und das digitale (Stadion-)Erlebnis für Fans.

Prof. Dr. Tim Pawlowski leitet seit 2012 den Arbeitsbereich für Sportökonomik, Sportmanagement und Sportpublizistik am Institut der Sportwissenschaft an der Universität Tübingen. Seine Forschung konzentriert sich insbesondere auf die ökonometrische Analyse der Sportnachfrage und die Finanzierung des Sportsystems und wurde bisher durch Forschungsstipendien der DFG, UEFA und FIFA gefördert.

Mittwoch, 8. August 

Weltgeschichte schreiben oder: Was war vor der westlichen Welt? Und was kommt danach?

Prof. Dr. Ewald Frie

Niemand kennt die Geschichte der Welt. Sie ist zu groß. Und doch haben wir alle Annahmen darüber: Der Schulunterricht führt in die zentrale Rolle Europas und Deutschlands ein, Medien berichten vom Aufstieg und Niedergang des Westens, vom Wiedereintritt Chinas in seine angestammte Rolle als Weltmacht und so fort. Der Vortrag stellt unbekannte Orte der Weltgeschichte vor: Kilwa in Ostafrika, Tenochtitlan in Mittelamerika, Cap Français auf Saint Domingue, Shahjahanabad in Indien, den Volta-See in Ghana. Vom Ufer des Volta-Sees oder der Küste Kilwas ergeben sich andere Perspektiven auf die Welt und ihre Geschichte. Wir sollten diese Geschichte nicht als unaufhaltsamen Fortschritt, sondern als zunehmende, aber ungleichmäßige Vernetzung verstehen.

Prof. Dr. Ewald Frie hat in Münster Geschichte und katholische Theologie studiert und ist nach Stationen in Düsseldorf, Essen und Trier seit 2008 Professor für Neuere Geschichte in Tübingen. Zu seinen Forschungsgebieten zählen die Geschichte von Armut und Wohlfahrtsstaat, die Geschichte des Adels im europäischen Vergleich sowie die Geschichte Australiens.

Donnerstag, 9. August 

Wie Pflanzenzellen sich teilen – eine erfolgreiche Alternativstrategie

Prof. Dr. Gerd Jürgens

Lebewesen brauchen Zellteilung für Wachstum und Entwicklung. Bei vielen Organismen wird die Zelle von der Oberfläche her eingeschnürt, bis die Tochterzellen in der Mitte voneinander getrennt sind. Bei Pflanzen werden hingegen Membranvesikel zur Teilungsebene transportiert, wo sie miteinander zu einer „Zellplatte“ verschmelzen. Diese Platte wächst am Rand durch Fusion mit später ankommenden Vesikeln und fusioniert schließlich mit der Zellmembran; damit sind zwei Tochterzellen entstanden. Die spezielle molekulare Maschinerie, die die Fusion der Vesikel zur Teilungsmembran bewirkt, und ihre Evolution stehen im Mittelpunkt des Vortrags.

Prof. Dr. Gerd Jürgens studierte Biologie in Göttingen, Berlin und Freiburg. 1994 trat er seine Professor für Entwicklungsgenetik an der Universität Tübingen an. Seit 2008 ist er Direktor am Tübinger Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie. Sein Spezialgebiet ist die Zell- und Entwicklungsbiologie von Blütenpflanzen.

Freitag, 10. August 

Hilfe? Wir entjüngen!

Prof. Dr. Daniel Buhr

Wir werden älter - und das ist auch gut so. Denn bei allen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen, die der demografische Wandel unserer Gesellschaft mit sich bringt, finden sich auch viele Chancen. Wo und wie können diese Chancen genutzt werden?

Prof. Dr. Daniel Buhr ist Leiter des Steinbeis Transferzentrum Soziale und Technische Innovation und außerplanmäßiger Professor am Institut für Politikwissenschaft der Eberhard Karls Universität Tübingen. Er ist auch einer der Koordinatoren des Tübinger LebensPhasenHauses.