Musikwissenschaftliches Institut

Edition Manfred Barbarini Lupus "Cantus coagulatus" (um 1560)

Projektleiter: Prof. Dr. Stefan Morent

Edition: Samuel Schick M.A.

Drittmittel: Stiftsbibliothek St. Gallen

Laufzeit: Januar 2015-Oktober 2017

Projektbeschreibung:

Das Kloster St. Gallen hielt auch dann noch am einstimmigen Choral für die Liturgie fest, als überall sonst in Europa bereits mehrstimmige Formen für die Musik der Messe und des Stundengebets entwickelt worden waren. Obwohl direkte Zeugnisse dafür fehlen, ist anzunehmen, dass in St. Gallen durchaus Verfahren improvisierte Mehrstimmigkeit, wie sie seit dem Mittelalter in den verschiedenen Formen des Organum und Bordunsingens praktiziert und gelehrt wurde, bekannt waren. Solche Stehgreifverfahren wurden allerdings fast nie aufgeschrieben.

Um 1560 beauftragte jedoch der Konvent unter Fürstabt Diethelm Blarer den aus Coreggio stammenden italienischen Komponisten Manfred Barbarini Lupus mit der Komposition eines 4-stimmigen Zyklus von Vertonungen der Gesänge für Messe und Stundengebet an hohen Feiertagen. Wie neuartig und umstritten dieser Vorgang im Kloster gewesen sein muss, bezeugen die beiden apologetischen Vorreden, die Abt Blarer bei dem Konventualen Mauritius Enck in Auftrag geben liess (Codex 443 der Stiftsbibliothek). Sie argumentieren ausführlich und gelehrt, warum der einstimmige Choral, obwohl im stets der Primat einzuräumen sei, ausnahmsweise auch in mehrstimmiger Ausführung zu rechtfertigen sei. Hier ergeben sich spannende Bezüge zu ähnlichen Diskussionen in Nachfolge des Konzils von Trient.

Die Kompositionen von Barbarini Lupus wurden in zwei Handschriften von dem Organisten und Kalligraphen Heinrich Keller niedergeschrieben, die heute als Codices 542 (Graduale) und 543 (Antiphonar) der Stiftsbibliothek St. Gallen erhalten sind. Die prachtvollen Illuminierungen stammen von dem Maler Caspar Härtli aus Lindau.

Über diese Kompositionen ist bisher noch so gut wie nichts bekannt. Die wenigen Bemerkungen in der Fachliteratur, die Musik von Lupus sei „minderwertig“, stützen sich auf ganz wenige Stellen, die lediglich ausschnitthaft transkribiert wurden.

Ein Gesamtüberblick, der allein eine richtige Bewertung dieser Musik ermöglichen wurde, fehlt bisher.

Ebenso wenig überzeugt das Argument, die St. Galler Mönche hätten dieses einmalige Experiment mehrstimmiger Musik deshalb wieder aufgegeben, weil die Kompositionen zu schwer waren.

Immerhin ist als Zeichen dafür, dass es sich auch bei den mehrstimmigen Vertonungen von Lupus „nur“ um eine mehrstimmige Einkleidung des Chorals handelt, dieser in der Tenorstimme als cantus firmus in der Form der einstimmigen Choralnotation der Zeit (Hufnagelnotation), notiert, während die anderen, umgebenden drei Stimmen in weisser Mensuralnotation geschrieben sind. So wird schon optisch im Notenbild ganz deutlich, dass der Choral an sich gar nicht angetastet wird. Die Rhythmisierung der Choralstimme ergibt sich durch eine einfache, durchgängige Auflösung in Breven.

Das Projekt setzt sich zum Ziel, diese bisher so gut wie unbekannte Musik aus dem Kloster St. Gallen wieder zum Leben zu erwecken. Sie stellt für die St. Galler Musikgeschichte ein Spezifikum dar, das erforscht werden sollte, um die musikalische Bedeutung des Klosters in seiner Gesamtheit zu würdigen.

Für die CD-Einspielung "Manfred Barbarini Lupus: Cantus coagulatus" mit dem Ensemble Ordo Virtutum (Musiques Suisse 2015) wurden ausgewählte Kompositionen für Gallus und Otmar transkribiert.

Im Anschluss enstand eine Gesamt-Edition der überlieferten Musik von Manfred Barbarini Lupus für das Kloster St. Gallen, die auf den Seiten der Stiftsblbiothek St. Gallen online gestellt wurde:

http://www.stibi.ch/de-ch/bibliothek/best%C3%A4nde/barbarinilupus.aspx