Gesamtprogramm der TKG im Wintersemester 2017/18

 

Vortragsreihe im Wintersemester 2017/18:

Architektur Heute - Women in Architecture

Dr. Ursula Schwitalla, a.o.M. BDA / Tübinger Kunstgeschichtliche Gesellschaft mit dem Kunsthistorischen Institut der Universität Tübingen, BDA und Architektenkammer Tübingen

 

Plakat der Vortragsreihe

 

Dienstag, 24. Oktober 2017, 20 Uhr c.t.

Kupferbau, Hörsaal 22

Elisa Valero, Granada, Spanien

Looking into the Future, Low Cost Low Energy Works

 

Dienstag, 14. November 2017, 20 Uhr c.t.

Kupferbau, Hörsaal 22

Anupama Kundoo, Auroville, Indien / Madrid, Spanien

Building Knowledge

 

Dienstag, 21. November 2017, 20 Uhr c.t.

Kupferbau, Hörsaal 22

Fabienne Hoelzel, Zürich/Stuttgart

Together! Kollaborative Strategien im Städtebau

 

Das Vorgefundene achten. Frauen und Urbanisierung: Anupama Kundoo belebt traditionelle Techniken, Fabienne Hoelzel knüpft bei der Slum-Sanierung an das Wissen der Bewohner an (Schwäbisches Tagblatt vom 24.11.2017)

 

Dienstag, 16. Januar 2018, 20 Uhr c.t.

Kupferbau, Hörsaal 22

Dorte Mandrup, Kopenhagen, Dänemark

Building in Context

 

Dienstag, 30. Januar 2018, 20 Uhr c.t.

Kupferbau, Hörsaal 22

Nili Portugali, Tel Aviv, Israel

Holistic-Phenomenological Approach to Architecture and Art

 

Dienstag, 6. Februar 2018, 20 Uhr c.t.

Kupferbau, Hörsaal 22

Farshid Moussavi, London, Großbritannien

Imbalance and Creativity

 

 

"Architecture is no more a man's world. This idea that women can't think three-dimensionally is ridiculous." Es war Zaha Hadid, die diesen Satz 2013 bei einer Preisübergabe sagte - und damit ein hartnäckiges Vorurteil nannte, gegen das sie selbst in vielen Jahren Berufsleben zu kämpfen hatte. Vier Jahre später ist der Diskurs aktueller denn je. Dorte Mandrup aus Kopenhagen (am 16. Januar 2018 in Tübingen) betont, dass sie nicht als weiblicher Architekt gesehen werden möchte, und zeitgleich vertritt ein Google-Mitarbeiter in einem Thesenpapier, dass Frauen biologisch weniger für erfolgreiche Arbeit in der Tech-Industrie geeignet sind - also auch in der Archi-tek-tur?

 

Architektur als Profession war und ist monokulturell und männlich. Inhalte müssen neu definiert werden. Es geht nicht darum, mehr und mehr spektakuläre Animationen und Renderings zu produzieren. Architektur braucht Selbstreflektion und die Diversität des Dialogs und Diskurses. Dazu gehört wesentlich auch Genderdiversität, als Beitrag zu einem gesellschaftlichen Wandel. Die kulturellen, sozialen, ökologischen und ästhetischen Fragen an die Architektur sind heute weitaus komplexer geworden und in diversen Gruppen besser zu verstehen und zu lösen, mit mehr Architektur-Akteurinnen in der Wirtschaft, Politik, Kultur und Privatwirtschaft.

 

Die Zahlen sprechen für sich: Mehr als 50% Studentinnen, aber im Beruf gerade 25% und mit eigenem Büro nur mehr 17% Architektinnen. Noch deutlich weniger sind Architektinnen in der Lehre vertreten – ihr Anteil liegt bei 14%, aber gerade mal 5% der Lehrstühle an den Universitäten sind mit Frauen besetzt. Erklärbar ist dies zwar aus der Tatsache, dass der akademische Lehrkörper sich nicht durch wissenschaftliche Arbeit qualifiziert, wie in anderen akademischen Berufen, sondern sich aus der „Berufselite“, also aus der Praxis rekrutiert. Und hier sind eben zu wenig Frauen vertreten. Schließlich haben die höchste Auszeichnung für Architektur, den Pritzker-Preis, in 38 Jahren gerade einmal zwei Frauen erhalten: Zaha Hadid und Kazuo Sejima. Aber sie bestand darauf, ihren zehn Jahre jüngeren Büropartner Ryūe Nishizawa mit auszuzeichnen. Eine Haltung, die kein männlicher Architekt vor ihr je gezeigt hatte.

 

Frauen als Ausnahmeerscheinung im Beruf werden besonders kritisch beobachtet und kontrolliert: von der Jury, die bis heute mehrheitlich mit männlichen Juroren besetzt ist, von Bauherren (es gibt kaum Baufrauen) und zuletzt auf der Baustelle. Selbst auf der letzen Architektur-Biennale in Venedig 2016 hat Alejandro Aravena, mit seinem doch sozialpolitischen Ansatz, zum Eröffnungspanel ausschließlich die üblichen älteren, männlichen Architekten geladen. 2018 wird die Biennale von den beiden Architektinnen des Büro Grafton, Dublin ausgerichtet - wir können auf ihre Biennale gespannt sein.

 

Einfach nur gut sein – reicht nicht! Umso mehr als Theorie und Methoden der Architektur nicht standardisiert sind – und das, was sich als Qualität in der Architektur manifestiert, auch heute noch von einem kleinen und fast ausschließlich männlichen Zirkel bestimmt wird. Zu allem kommt noch ein Mythos – der Mythos vom künstlerischen Beruf des Architekten, der die totale Hingabe und eine Unterordnung jeglichen Privatlebens verlangt. Also Teilzeitstellen in diesem Beruf - eigentlich undenkbar! Immer noch offenbart sich das Gefälle zwischen Männern und Frauen spektakulär in den Gehaltsstrukturen. Frauen verdienen in Architekturbüros für die gleiche Arbeit im Schnitt 20%, in der gewerblichen Wirtschaft sogar 27% weniger (Bundes AK, 2015). Trotz manch großartiger Erfolge von einzelnen Architektinnen fehlt es international an weiblichen Rollenvorbildern für Ausbildung und Beruf. Erfreulich ist es, dass das DAM in Frankfurt aktuell sich mit einer großen Ausstellung "Frau Architekt" (30.9.2017 - 8.3.2018) unserem Thema widmet.

 

Dennoch - es geht sehr wohl noch darum, Frauen in der Architektur zu fördern - einen Preis „Women in Architecture" gibt es erst seit 2012 in England und wir freuen uns, dass unsere Referentin aus dem letzten Semester, Rozana Montiel, Mexiko, im März 2017 damit ausgezeichnet wurde. In Deutschland gibt es bis heute noch keinen. Viele gute Gründe also, in Tübingen eine eigene Vortragsreihe mit international herausragenden Architektinnen durchzuführen, deren beruflicher Einsatz und Erfolg und deren Haltung in der Architektur Heute Vorbildfunktion hat.

 

Ursula Schwitalla, September 2017