Jubiläumstagung "Geburt und Tod – Werden und Vergehen" (8.-10. Mai 2014)

Abstracts

Gregor Paul: „Logik und Wiedergeburt: Ein Grundproblem des Buddhismus“

Eine mehr oder weniger allgemein menschliche Erfahrung lässt sich in dem Satz zusammenfassen: „Das Leben ist nicht so, wie es sein sollte“. Diese Überzeugung dokumentieren bereits Jahrtausende alte Texte unter­schiedlichster Kulturen. Der frühe Buddhismus bringt sie durch die Formulierung der „Vier Edlen Wahrheiten“ zum Ausdruck, die häufig prägnant mit „Alles ist Leiden“ wiedergegeben werden. Doch lehrt er auch, dass und wie dieses Leiden beendet werden kann. Dabei geht er von zwei Axiomen aus: (1) einem uneingeschränkt gültigen Kausalitätsgesetz, dem zufolge auch alles Denken und Handeln seine Ursachen hat und seine Konsequenzen zeitigt, und (2) der Angemessenheit dieser Konsequenzen, d.h. insbesondere der uneingeschränkten Gerechtigkeit der Vergeltung von Gut und Böse. Dieses zweite Axiom wurzelt „tief“ im Menschen, der sich einfach nicht vorstellen kann oder mag, dass dieselben Ursachen unterschiedliche Folgen bzw. unterschiedliche Folgen dieselben Ursachen haben könnten. Diese Überzeugung ist sozusagen eine Anwendung von logischem Widerspruchs­freiheitsprinzip und dem Prinzip gültiger logischer Folgerung, dass identische Prämissen identische Schlüsse implizieren müssten. Da in „unserer Welt“ nun ersichtlich Böses oft mit Gutem und Gutes mit Bösem vergolten wird, fordert die (noch einmal: als notwendig vorausgesetzte) ausgleichende Gerechtigkeit Vergeltung in einem „anderen Leben“ bzw. einer „anderen Welt“ (wie einem „Jenseits“ oder jenseitigem „Paradies“). Sie fordert und garantiert nach buddhistischer Auffassung also Wiedergeburten. Diese aber sind schon rein logisch unmöglich, wenn es kein „Selbst“ oder „Ich“, d.h. keinen „identischen Kern“ eines Lebewesens gibt, nichts, das sich unverändert auch nur im „diesseitigen“ Leben durchhielte. Das aber ist bekanntlich die Position der dominanten Formen des Buddhismus. Es existiert danach keine „Substanz“. Ja, es gibt überhaupt nichts auch nur kontinuierlich Identisches.

So ist also das Konzept einer Wiedergeburt in einem derartigen Buddhismus in der Tat schon aus logischen Gründen unhaltbar.

 

Martin Repp: „’Leben bleibt nur durch Sterben wach’: Eine Überprüfung von Carl Heinz Ratschows Opfer-Theorie anhand von Beispielen der japanischen Religions¬geschichte“

Carl Heinz Ratschow, Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie in Marburg, war auch Religionswissenschafler, und als solcher befasste er sich wiederholt mit dem Opfer in den Religionen. Sein Verständnis des Opfers lässt sich in folgenden Zitaten zusammenfassen: (1) „... alles Opfer (ist) im Kern Selbstopfer. Was immer der Mensch als Opfer darbringt ... diese Gaben sind Substitute seiner selbst. Opfer ist Selbstopfer ...“ (2) „Die Opferlogik besagt: Das Leben bleibt nur im Sterben wach.“ „Indem der Mensch in das Sterben seiner selbst einstimmt, eröffnet sich ihm das Leben. Dies ist der Sinn allen Opferns.“ (3) Die Mitte aller Religionen ist das Opfer.

In diesem Vortrag werden Ratschows Thesen anhand der japanischen Religionsgeschichte überprüft. Zuerst wird die Opferpraxis im heutigen Shinto kurz umrissen. Danach werden einige alte Quellen zum Opfer in der einheimischen Religion Japans vorgestellt, um eine historische Perspektive zu gewinnen. Drittens wird gefragt, ob die Opfer-Theorie Carl Heinz Ratschows für das Verstehen der Opfer-Praxis in Japan hilfreich ist. Und viertens wird das Problem erörtert, wie moderne Menschen der archaische Opferpraxis noch einen Sinn abgewinnen können und ob es eine Bedeutung gerade auch für die neuzeitliche Welt haben könnte.

 

Michael Wachutka: „Was tun mit dem toten Tennō? Beerdigungsriten, Grabanlagen und Totengedenken im japanischen Kaiserhaus“

Am 23. Dezember 2013 feierte Kaiser Akihito seinen 80. Geburtstag. Neben diesem Grund zur Freude gibt aber der Gesundheitszustand des Heisei-Tennō seit einigen Jahren immer wieder Anlaß zur Sorge, nachdem er sich z.B. 2003 einer Prostatakrebs-Operation unterziehen mußte und im Februar 2012 eine Bypass-Operation aufgrund von verengten Herzkranzgefäßen hatte. Allgemein weitge¬hend aus dem Gesichtskreis verbannt und beschwiegen, wenn nicht gar regel¬recht tabuisiert, gilt doch für jeden „mors certa, hora incerta“: mag die Stunde auch nicht bekannt sein, der Tod ist uns allen sicher – auch einem Kaiser.

Zwangsläufig, wenn vielleicht auch nur hinter vorgehaltener Hand, kommt daher die Frage auf: „Was tun mit dem toten Tennō?“, wenn es mal soweit ist. Mit bezug auf Kaiser Akihito wurde dies vor einigen Monaten durch den Leiter des kaiserlichen Hofamtes auf einer Pressekonferenzen mit teils über¬raschenden Details der Öffentlichkeit dargelegt. Die wohl erstaunlichste „Neuerung“ dabei ist, daß erstmals nach beinahe 400 Jahren wieder ein japanischer Tennō nach seinem Tode verbrannt werden soll, aber auch im Beisetzungszeremoniell und der Anlage des Mausoleums soll es Änderungen geben.

Dieser Vortrag stellt diese angekündigten Revisionen anhand verschiedener Quellen in den Kontext aller bisher stattgefundenen kaiserlichen Beisetzungen in Japan, welche aus politischen, sozialen wie individuellen Gründen im geschichtlichen Verlauf bezüglich ihrer Art (Feuer- oder Erdbestattung), des Ortes (Anlage und Form des Grabes) und der zeremoniellen Abfolge (Brauch des temporären Aufbahrens im Altertum, eine veränderte Ansicht der „Körperlichkeit des Leichnams“ durch buddhistische Einflüsse, Rückkehr zur „Shintō“-Tradition in der Moderne), starken Schwankungen unterworfen war.

 

Maria-Verena Blümmel: „Trauergedichte für ein verstorbenes Kind - das Beispiel des Tosa-nikki

Das Tosa-nikki 『土左日記』 ist ein mit Gedichten (waka 和歌) durchsetzter Reisebericht aus der ersten Hälfte des zehnten Jahrhunderts, der die Heimreise eines kaiserlichen Beamten nach Ablauf seiner Dienstzeit in der Provinz Tosa auf der Insel Shikoku zurück in die Hauptstadt Heian beschreibt. Diesen Reisebericht durchzieht das Thema des verstorbenen Töchterchens dieses Beamten, das – noch in der Hauptstadt geboren – nun nicht mehr mit zurückkehrt. Zehn der ca. 60 Gedichte sind diesem Thema gewidmet. Nach einer literaturgeschichtlichen Einordnung und Würdigung des Gesamttextes werden diese zehn Klagegedichte in einer eigenen Übersetzung vorgestellt und mit folgendem Ergebnis analysiert:

1. Inhalt der Gedichte ist nicht das verstorbene Kind; es ist der nakihito なきひと, der nicht mehr existente Mensch der vorbuddhistischen Vorstellung von der Endgültigkeit des Todes.

2. Inhalt der Gedichte sind die Eltern in ihrer Trauer, die durch die Poesie sowohl ihre Trauer wie auch das geliebte Kind in der Erinnerung lebendig erhalten.

 

Lisette Gebhardt: „Übersinnliche Wahrnehmungen als Lebenshilfe: Yoshimoto Banana und ihre Literatur der tröstenden Einheit der Übergänge“

Der Beitrag präsentierte eine zeitgenössische literarische Interpretation des Themas Tod und Leben. Es handelt sich um einen aktuellen Text der bekannten Autorin Yoshimoto Banana, publiziert im November 2011, nur sieben Monate nach der Dreifachkatastrophe von Fukushima. Als sogenannte Post-Fukushima-Literatur versucht der Kurzroman „Sweet Hereafter“ zu beschreiben, wie aus einer verzweifelten Situation, die den Verlust eines geliebten Menschen, des Lebens wie es bisher war, den Verlust aller Träume und damit scheinbar auch der Zukunft bedeutet, letztlich doch Hoffnung entstehen kann. Neue Wege tun sich auf, wo zuvor nur dunkle Verzweiflung herrschte.

Im Roman ist es der Autounfall eines jungen Paares und nicht die reale Erfahrung von Erdbeben, Flut und atomarer Havarie, die viele Menschen im Nordosten Japans traumatisierte – doch die Bezüge zu 3/11 sind offensichtlich und auch so von der Autorin deklariert. Mut schöpft die Protagonistin aus ihrer Grenzerfahrung. In der Tat entwirft der Text ein Kontinuum von Leben und Tod und zeichnet das Modell einer Konvivalität von Toten und Lebenden, so dass sich der erlittene Verlust als relativ erweist, sind die Toten und die Lebenden miteinander verbunden. Dergestalt von ihrem Trauma geheilt, ist Yoshimotos Protagonistin eine Identifikationsfigur für die Leser, die durch die Lektüre „Trost und Heilung“ finden mögen – so die Intention der Autorin und das Kalkül des Verlags, der eben auf den Lifestyletrend iyashi setzt.

Die kritische Lesart des Texts fördert freilich zu Tage, dass die Autorin mit ihrem Entwurf der Versöhnung von Leben und Tod eine apolitische, fatalistische Haltung vermittelt, die das Geschehen sozusagen im Schicksals¬haften neutralisiert. Themen der Realität wie Schuldfragen, Regressansprüche und Forderung nach Umdenken bleiben ausgeklammert. Yoshimotos tröstende Einheit der Übergänge, so zeigte der Vortrag, stellt gleichzeitig ein Beispiel japanischer (literarischer) Esoterik dar, die nicht selten und bedauerlicherweise systemstabilisierende Komponenten beinhaltet.

 

Klaus Antoni: „Die Magische Flucht: Eine kulturvergleichende Betrachtung“

Das Motiv der „magischen Flucht“ (AT-Nr. D671 und D672) weist eine weltweite Verbreitung in Mythos, Sage und Märchen (AT-Nr. 313) auf. Im Kern kommt ihm eine religiöse Qualität zu, die auf eine Abwehr des Bösen zielt, insbesondere im Kontext von Besuchen des jeweiligen Protagonisten in einer jenseitigen Welt. Der Sagenforscher Lutz Röhrich führt dazu Beispiele magischer Praktiken auch aus Europa an, vor allem aus dem Bereich des Totenkultes. In Japan erscheint das Motiv in unterschiedlichen erzählerischen Kontexten, in Mythos und Märchen. Den bekanntesten Fall stellt die „magische Flucht“ des Izanagi aus der Totenwelt Yomi no kuni dar, die in ihrer eigentlichen mythischen Aussage eine Trennung der Welt der Toten von der der Lebenden bedeutet und damit den Tod als solchen in die Welt bringt. Hier erweist sich der tiefe Konnex dieses Motivs mit der Thematik des Werden und Vergehens in der japanischen Überlieferung. Das Märchen der „Drei Amulette“ kennt das Motiv ebenfalls, obgleich die Märchenforscherin Ikeda Hiroko dessen innere Verbindung mit dem mythischen Motiv in Abrede stellt. Das Referat widmet sich der Verbreitung des Motivs in verschiedenen erzählerischen Gattungen und unternimmt schließlich den Versuch, zu dessen ursprünglicher, religiöser Bedeutung im Zusammenhang mit den japanischen Todesvorstellungen vorzudringen.

 

Bernhard Scheid: „Sie stach sich in den Schoß und verstarb: Zwei seltsame Todesfälle in den Kiki-Mythen“

In diesem Beitrag geht es um eine bekannte Sequenz der klassischen japanischen Mythen, nämlich den Besuch des Gottes Susanoo im Palast seiner Schwester, der Sonnengottheit Amaterasu. Die Erzählung findet sich in leicht abweichenden Varianten in Kojiki und Nihon shoki, den sogenannten Kiki. Susanoo, der in diesem Kontext als exemplarische Trickster-Gottheit auftritt, begeht im Zuge seines Besuchs eine Reihe von Untaten, die sich in drei Gruppen unterteilen lassen: 1) Sabotage der Landwirtschaft; 2) rituelle Übertretungen; 3) sexuelle Übertretungen. Die sexuellen Konnotationen der dritten Gruppe von Untaten sind jedoch nur angedeutet und in der Forschung bislang kaum thematisiert worden. Durch Vergleich mit verwandten Textstellen aus den Kiki glaube ich jedoch nachweisen zu können, dass Vergewaltigung und Inzest einmal Teil der Susanoo zur Last gelegten Untaten waren und möglicherweise Gegenstand einer Selbstzensur der Kompilatoren wurden. Susanoos Untaten führen jedenfalls zum Tod seiner weiblichen Antagonistin (je nach Version Amaterasu oder ein Substitut), die dadurch in eine höhere Gottheit transformiert wird. Der Beitrag versucht zu zeigen, dass für diese Erzählung nicht nur universale mythologische Motive Pate gestanden haben, sondern dass auch lokale Legenden mit eingewoben wurden, die einen Bezug zum Kult der Hügelgräber und zu den Priester-Prinzessinnen in Ise aufweisen.

 

Jörg Quenzer: „Leben und Tod in der religiösen Dichtung des japanischen Mittelalters“

Jörg B. Quenzer zeichnete in seinem Beitrag zu Gedichten über „Leben-und-Tod“ (skr. samsāra, jap. shōji 生死) die allegorische Umsetzung eines zentralen Begriffs des Buddhismus in der religiösen Poesie des Mittelalters nach. Aus einer größeren Zahl an Metaphern, welche das kanonische Schrifttum (Sûtren, bedeutende Kommentare dazu) bereitstellte, wurde von den Poeten bevorzugt auf die Meeres- und die Traummetapher zurückgegriffen. Erstere findet sich in zahlreichen Zusammenhängen in der Bedeutung von "unermeßlich". In Verbindung mit dem Kreislauf von Leben und Tod verdeutlicht sie den unaufhörlichen Prozeß des Wiedergeborenwerdens nach den Gesetzen des Karma, mit eindeutig leidvoller Konnotation. Letztere überblendet das Verweilen im Kreislauf mit der Metapher von „Traum-Erwachen“ als einem zentralen Sinnbild für das Verhältnis Unwissen - befreiende Erkenntnis des buddhistischen Pfades, die aus dem Kresilauf herausführt. Die allegorischen Verwendungen führen dabei allerdings auch zu Interferenzen mit anderen Verwendungsweisen, derer sich die buddhistische Metaphorik so gerne bedient. Zu unterscheiden ist ferner, ob Gedichte aus den einschlägigen Subgenres shakkyōka 釈教歌 und imayō 今樣 den Terminus selbst nennen, oder lediglich anhand des vorangestellten Themas (dai 題) darauf Bezug nehmen; in der Regel geschieht letzteres als Verweis auf ein Sûtrenzitat. Insgesamt fiel die geringe Zahl entsprechender Gedichte auf, anhand derer ein Kernkonzept des Buddhismus thematisiert wird.

 

Heidi Buck-Albulet: „Empfängnis und Geburt des Buddha im Konjaku monogatari shū

Empfängnis und Geburt des historischen Buddha bilden den Gegenstand der ersten beiden Erzählungen aus dem indischen Teil (jap. tenjikubu 天竺部) des gegen Ende der Heian-Zeit kompilierten Konjaku monogatari shū (『今昔物語集』, „Sammlung von Geschichten, die jetzt schon lange her sind“). An diesen Erzählungen lassen sich die großen philosophischen und theologischen Fragen nach Geburt und Tod, Werden und Vergehen exemplifizieren – zum Beispiel, inwiefern von Empfängnis oder Geburt als einem Anfang gesprochen werden kann oder was es denn sei, das da beginnt –, Fragen, die auf Konzepte wie Atman oder Existenzkreislauf verweisen und darüber hinaus auf die Besonderheiten, die mit der Empfängnis und der Geburt einer Gottheit zusammenhängen.

In meinem Referat sprach ich zudem kurz das von der Philosophin Hannah Arendt geprägte Konzept der Natalität und seine Rezeption in der feministischen Theologie und Philosophie an. Geboren werden heißt, von einer Frau geboren zu werden und das trifft mutatis mutandis auch für die Geburtslegende des Buddha zu.

Der zweite Teil des Referats bestand aus einer Übersetzung der beiden Erzählungen von Buddhas Empfängnis und Geburt im Konjaku monogatari shū, die auch das Herzstück der geplanten Publikation sein wird.

 

Monika Schrimpf: „Tote, Geister oder Buddhas? Zum Umgang mit den Toten der Erdbeben- und Tsunamikatastrophe vom März 2011“

Der Vortrag beschäftigt sich mit den Jenseitsvorstellungen im Umgang der Überlebenden der Dreifachkatastrophe von 2011 mit den Verstorbenen. Insbesondere wird nach Unterschieden zu buddhistischen Jenseits¬vorstellungen gefragt, wie sie in den gewöhnlich praktizierten buddhistischen Todes- und Gedenkriten zum Ausdruck kommen. Zugrundegelegt werden mündliche Berichte von Betroffenen, die in einer Studie der Tōhoku Universität bzw. einer Dokumentation des staatlichen Fernsehsenders NHK dokumentiert sind.

Nach Robert Hertz erfüllen Todes- und Gedenkriten im allgemeinen die Funktion, den Übergang der Toten in den nicht-sichtbaren Teil der Gesellschaft zu unterstützen und dabei die Trennung von den Lebenden zu vollziehen. Auch die buddhistischen Todes- und Gedenkriten in Japan entsprechen diesem Muster, indem sie u.a. eine 49-tägige Übergangszeit nach dem Tod unterstellen. In dieser Zeit bedürfen die Verstorbenen in besonderer Weise der rituellen Unterstützung durch die Lebenden, um den Übergang zum Status eines „Buddha“, d.h. eines individuellen Ahnen zu meistern. Am Beispiel eines Exorzismus – exorziert wird ein Vater, der Selbstmord begangen hat, nachdem er mitansehen musste, wie seine Töchter in dem tsunami ertrunken sind – wird aufgezeigt, dass diese Vorstellung auch im Umgang mit den Toten der Katastrophe wirksam wird: ein buddhistischer Mönch hilft dem Verstorbenen, in die „andere Welt“ zu gelangen. Ein anderes Beispiel dagegen verweist auf eine Umkehrung dieser Vorstellung. Ein Vater, dessen Söhne noch Babys waren, als sie ertrunken sind, berichtet, dass sie ihm zwei Jahre nach der Katastrophe erschienen und zwei Jahre älter waren. Er deutet diesen Besuch als Zeichen dafür, dass sie weiter mit ihm gemeinsam leben und heranwachsen. In diesem Falle erfährt er als Lebender die Unterstützung von seiten der Toten, und zwar in einer Weise, dass die Trennung zwischen Lebenden und Toten gerade nicht vollzogen wird. Insofern ist dies ein Beispiel für einen ‚religionsproduktiven‘ Umgang mit Tod, in dem existierende Jenseits¬vorstellungen individuell umgedeutet werden.

 

Birgit Staemmler: „Wenn verstorbene Ungeborene die Lebenden belästigen: Mizuko kuyō auf den Websites japanischer religiöser Heiler“

Mizuko kuyō 水子供養, Rituale zu Ehren ungeboren oder kurz nach der Geburt verstorbener Kinder, ist eine „erfundene Tradition“, die in den 1970er und 80er Jahren in Japan weit verbreitet war und besonders in Neuen Religionen, von nicht-institutionalisierten Heilern aber auch von etablierten buddhistischen Tempeln durchgeführt wurden. Denkbare Gründe für mizuko kuyō sind Trauer um das verlorene Kind, Schuldgefühle, falls das Kind aufgrund einer Abtreibung starb, und Angst vor der Rache des Geistes des ungeboren Verstorbenen.

Dieses Referat widmete sich der Darstellung von mizuko kuyō auf den Websites japanischer religiöser Heiler, das heißt von Menschen, die in zumindest semi-professioneller Form physische oder psychische Probleme anderer Menschen auf übernatürliche Ursachen zurückführen oder/und diese Probleme mit biomedizinisch nicht unbedingt anerkannten, religiösen Mitteln zu beheben suchen. Dieses Referat untersucht Präsenz, Gründe und Funktionen von mizuko kuyō auf den Websites von 29 religiösen Heilern:

1. Mizuko kuyō werden genannt, wenn sie zum Repertoire der entsprechenden Heiler gehören. Die Heiler, die mizuko kuyō anbieten, sind mehrheitlich männlich und arbeiten überdurchschnittlich oft in ländlichen Gegenden. Das Ritual hat nicht mehr die Bedeutung, die es gegen Ende des letzten Jahr¬hunderts hatte.

2. Wichtigster Grund für mizuko kuyō sind die vermeintlichen Bedürfnisse des ungeboren Verstorbenen, namentlich der Wunsch, nicht vergessen zu werden, sondern zur Familie zu gehören. Schuldgefühle der verhinderten Mutter oder Angst vor der Rache der Geister lassen sich in diesen Websites nicht erkennen.

3. Nennung von mizuko kuyō auf den Websites japanischer religiöser Heiler dient nicht der Werbung für den jeweiligen Heiler, sondern nur der Information potentieller Klienten darüber, dass diese Rituale angeboten werden und was sie kosten.

 

Robert Horres: „Buddhistische Konzepte im Kontext des japanischen Bioethik-Diskurses“

Die Biotechnologie und die Medizin haben in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht. Diese Fortschritte in Feldern wie Organtransplantation, Reproduktionsmedizin und Gentechnik werfen hier grundsätzliche Fragen nach dem gesellschaftlichen Umgang mit diesen neuen technischen Möglich¬keiten auf. Potenziale und Gefahren dieser Technologien haben in allen modernen Industriegesellschaften für scharfe Kontroversen in Politik und Gesellschaft gesorgt und eine öffentliche Debatte ausgelöst, die kaum mit den Fortschritten in Wissenschaft und Technik Schritt halten kann. Die sozialen Herausforderungen der neuen Technologien liegen insbesondere darin begründet, dass sie in grundlegender Weise zur Entstehung und Verstärkung sozialer und politischer Konflikte beitragen. Dabei stellt die Biotechnologie insbesondere die Herausforderung, adäquate Institutionen und Prozeduren zu implementieren, die eine Organisation und Mediation der Entwicklungs¬optionen im Rahmen der modernen demokratischen Gesellschaften gewähr¬leisten.

Religionen und Religionsgemeinschaften treten als Akteure in diesen gesellschaftlichen Prozessen auf. Sie sind Interessenvertretung im Prozess der gesellschaftlichen Verständigung über bioethische Fragen und tragen somit auch zum Prozess der Regulierung bei. Der Beitrag untersucht vor diesem Hintergrund am Beispiel der Diskussionen um Hirntod und Organtransplantation sowie um das Klonen in Japan, inwieweit buddhistische Konzepte direkt oder indirekt in die bioethische Debatte in Japan eingegangen sind, und inwieweit diese die biopolitische Regulierung in Japan bestimmen.