Symposium "Methoden in der Auseinandersetzung mit japanischen Religionen (29.4./30.5.2005)

Abstracts

Klaus Antoni: "Kultur und Text in Japan - Die Konstruktion einer japanischen ‚Nationalkultur’ anhand historisch relevanter Schlüsseltexte"

Seit Beginn der schriftlichen Überlieferung im Japan des frühen 8. Jahrhunderts (ältere Texte sind dem Titel nach bekannt, jedoch nicht tradiert) hat eine beachtliche Zahl bedeutender schriftlicher Dokumente die Frage nach einer spezifischen Japanizität der „eigenen“ Kultur, im Vergleich und häufig auch Gegensatz zu der Chinas, zum Thema erhoben. Die Eigenbezeichnung Nippon, oder Nihon, das „Sonnenursprungsland“, wird dabei meist als kontrastive Kategorie zum kulturell hegemonialen Anspruch des „Reichs der Mitte“, China, gebraucht. In diesem historischen Prozeß fällt als Paradoxon auf, daß von Seiten Japans zwar stets ein umfassender kultureller Import vom Kontinent her, aus China wie auch aus Korea, erfolgte, andererseits aber die kulturelle und politische Eigenständigkeit ein ebenso konstantes Postulat darstellte. Im Zentrum dieses Identitätsdiskurses haben seit je her die Religionen gestanden, die, in einem ausgeprägten Synkretismus miteinander verknüpft, ihren jeweiligen Anteil an der Herausbildung eines spezifisch japanischen Konzeptes von Kultur, und hier insbesondere: eigener Kultur, hatten. Beginnend mit der konfuzianisch inspirierten „17-Artikel-Verfassung“ des Prinzen Shôtoku Taishi (574 – 622) aus dem Jahre 604, über die mittelalterlichen Traktate zur Sicht Japans als einem unvergleichlichem „Götterland“ wie auch die neuzeitlichen Nativismus-Diskurse der im 18. Jahrhundert aufkommenden Nationalphilologie (kokugaku), bis hin zu den radikal politisch und extrem xenophob argumentierenden Konstrukten eines „einzigartigen“ japanischen „Nationalwesens“ (kokutai) im Ultranationalismus der 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts: Stets konstruierten die relevanten Texte eine „eigene“, i. S. v. „japanischer“ Kultur im Kontrast zur Außenwelt. Während in Altertum, Mittelalter und Neuzeit die chinesische Kultur als Vergleichsfolie zu dienen hatte, nahm nach der Meiji-Restauration von 1868 der „Westen“ die Stellung des höchst ambivalent wahrgenommenen, kulturellen Antagonisten ein.

Die Betrachtung des japanischen Verhältnisses von „Kultur“ und „Text“ ist in diesem Zusammenhang nicht nur von regional-ostasiatischem Interesse. Der über einen Zeitraum von 1.400 Jahren lückenlos dokumentierter Textgeschichte zu verfolgende, intensive Identitätsdiskurs Japans kann darüber hinaus einen m. E. wesentlichen Beitrag auch zur generellen Theorie der Konstitution von Kultur in Texten leisten. Die Assmann’sche Kategorie des „kulturellen Gedächtnisses“, auch verstanden in ihrer inhärenten Intentionalität aufgrund richtungweisender „Schlüsseltexte“, kann gerade am japanischen Beispiel nachhaltig studiert werden.

 

Jörg Quenzer: "'Bildliches' Sprechen in der vormodernen religiösen Literatur Japans" (Arbeitstitel)

Als zweiten Beitrag zum gemeinsamen Thema der Methodik stellte Jörg B. Quenzer (Köln) das Problem des religiösen Sprechens in der vormodernen, buddhistisch geprägten Literatur Japans vor. Allgemein bekannt ist die vordergründige Abwertung ästhetisch-rhetorischer Sprache mit dem „Schlagwort“ der „verspielt-tändelnden Worte“ (kyôgen kigo). Neben ihrer Neubewertung im Prozeß der Etablierung einer eigenen religiösen Ästhetik, wie sie im Verlauf der Heian-Zeit zu beobachten ist, muß auch beachtet werden, daß diese Phrase keine Sprachkritik im engeren Sinne bedeutet, lediglich bestimmte Sprachformen als hindernd angesehen werden für das Ziel der Befreiung. (Vgl. in diesem Sinne die tentative Übersetzung von Roland Schneider als „Sünden des Worts“.)

Das Verhältnis Sprache und Religion (Buddhismus) ist natürlich weitaus komplexer. Das Spannungsverhältnis zwischen Lehre (Sprache) und Erfahrung (Praxis/Erkenntnis) wurde im Buddhismus schon früh erkannt; deutlich zeigt dies etwa der Übergang vom inhaltlich-argumentativen zum funktionalen Sprechen des mâdhyamika.

Für die Geschichte des Buddhismus in Japan lassen sich für die Eingangsfrage mehrere Schwerpunkte benennen: das Problem der Übersetzung, sodann das Postulat einer Identität oder Analogie von Sprache und Welt, und schließlich die funktionale Verwendung von Sprache, etwa in der Sprache des Zen-Buddhismus. Ebenfalls verwiesen werden muß hier auf die beiden Pole des hermeneutischen und des rhetorisch-performativen Sprachverständnisses, wie sie Faure beschrieben hat.

Als konkretes Beispiel der methodischen Schwierigkeit, in einer anderen Sprache und aus einem anderen Sprachverständnis heraus über die vorgefundenen Textzeugnisse wie religiöse Gedichte u. ä. zu reden, stellte der Referent das Problem der „übertragenen“ Sprache, etwa der allegorischen Deutung, vor. Letztere, die als Auslegungsmodell das europäische Mittelalter bestimmte, wird beispielsweise von Susan B. Klein in ihren Allegories of Desire auch auf die religiös intendierte Praxis literarischer Kommentare des Mittelalters angewendet. Davon abzusetzen ist der Versuch von William LaFleur, primär anhand immanenter Konzepte, beispielsweise den „Drei Wahrheiten“ (santai) der Tendai-Doktrin, oder der Identität der Gegensätze (funi), das Verhältnis der Modi (hôben) des literarisch-religiösen Sprechens zu verdeutlichen. Als eine theoretische Figur, mit der dieses Verhältnis auch von westlicher Seite her beschrieben und verstanden werden kann, ging der Referent zum Schluß auf aktuelle Metaphertheorien ein.

In der anschließenden Diskussion wurde auf die neuere Forschung der mittelalterlichen Troubadourliteratur oder den Liedern der Carmina Burana hingewiesen, deren Deutungsmodelle ebenfalls nützlich für das Verständnis der mittelalterlichen Textzeugnisse in Japan sein könnten.

Auf eine weitere Frage hin verdeutlichte der Referent, daß für die Thematik des religiösen Sprechens noch eine Reihe anderer Aspekte zu benennen und zu behandeln seien, etwa die traditionsbildende (schulstiftende) Funktion der Sprache, damit verbunden auch die Möglichkeit, zwischen internen und externen Gruppen (bspl. Laien versus Klerus) zu differenzieren. Allerdings seien derartige Aspekte methodisch sehr viel weniger problematisch zu verhandeln, und stünden deshalb außerhalb des vorgestellten Problembereiches.

 

Birgit Staemmler: "Kodierungsformular(e) zur Analyse von religiösen Websites"

Es gibt noch nicht die eine richtige Methode, um virtuelle Quellen zu analysieren, aber für die Analyse von Websites haben sich in verschiedenen Projekten systematische, ausführliche Beschreibungen der Sites als unentbehrlich erwiesen. Im Tübinger Projekt zu japanischen Religionen im Internet wurden zwei Typen von Kodierungsformularen entwickelt, die alle zu untersuchenden Sites nach denselben Kriterien detailliert beschreiben und auch für weitere Projekte eine Richtschnur liefern können.

Das erste Kodierungsformular erfaßt ganze Websites — das Ziel war/ist, die Selbstdarstellung der religiösen Organisationen zu analysieren. Es enthält folgende Kategorien:
A: Informationen zu der Religionsgemeinschaft
B: Erfassen der Website:
- B.I: Impressum
- B.II: Inhalt (1. systematische Inhaltsangabe; 2. Texte)
- B.III: Darstellungsformen (1. Strukturelemente; 2. Layout; 3. Sprache)
- B.IV: Interaktion (1. Angebote zur Kontaktaufnahme; 2. Virtuelle Kommunikations-möglichkeiten; 3. Virtuelle Handlungen)
- B.V: Technisches (1. Handyversion; 2. Extras)
C: Qualitätsmerkmale
D, E, N: Technische Daten

Das zweite Kodierungsformular besteht aus einer Kombination von je einem Formular, das das Medium und einem das den konkreten Inhalt erfaßt — das Ziel ist, die Darstellung einzelner religiöser Elemente in verschiedenen Medien zu analysieren. Die Arbeit an den Formularen ist noch nicht abgeschlossen.
Die Medienformulare folgen mutatis mutandis den Vorschlägen des ersten Kodierungsformulars, wobei zusätzlich unterschieden wird zwischen dem Medium als Ganzem und dem für die Analyse relevanten Teil des Mediums. Die Formulare für die verschiedenen Medien (Printmedien, Audiovisuelle Medien, Website, BBS) folgen soweit möglich derselben Struktur berücksichtigen aber jeweils die spezifischen Merkmale des jeweiligen Mediums.
Für jede Quelle wird je ein Medienformular mit einem inhaltlichen Formular kombiniert, wobei die inhaltlichen Formulare für jedes zu analysierende religiöse Element (kamikakushi und Schamanismus sind bisher die Beispiele) gesondert erstellt werden müssen.

Obwohl das erste Formular sich in der Praxis für sehr umfangreiche Sites z.B. Neuer Religionen als etwas umständlich erwiesen hat, bewährt sich die Arbeit mit den Kodierungsformularen, gerade weil sie einen zwingt, sich ausführlich mit jeder Quelle auseinanderzusetzen. Offen sind u.a. noch Fragen nach einer Digitalisierung der ausgefüllten Formulare und nach dem Umgang mit manga und einzelnen, kurzen BBS-Beiträgen.

 

Monika Schrimpf: "Erfahrungen und Probleme mit Feldforschung und Interviews in Neuen Religionen"

Theoretisch sieht ethnologische „Teilnehmende Beobachtung“ vor, daß man einige Zeit, idealerweise ein Jahr, in einer Gemeinschaft verbringt, an Ritualen, Veranstaltungen, aber auch am Alltag teilnimmt und sich alles genau anschaut, mitmacht, nach Möglichkeit ohne es selbst durch Kommentare o.ä zu beeinflussen, daß man währenddessen ein Feldlogbuch schreibt mit Beobachtungen etc. und parallel dazu ggf. ein persönliches Tagebuch und daß man abschließend einen objektiven Bericht darüber schreibt, mit beschreibendem Teil und Analyse eines Teilaspekts. Probleme gibt es dabei, weil der Forscher nie völlig objektiv sein kann, nicht beurteilen kann, ob er alles wahrheitsgemäß erklärt bekam, seine Gewichtung ganz anders sein kann als die der „Untersuchten“ und die Gefahr besteht, die „Untersuchten“ in dem Bericht von Subjekten zu Objekten zu machen.

Konkrete Ausgangslage (M. Schrimpf): Zwei Jahre Forschung über zwei neue religiöse Gemeinschaften, PL Kyôdan und Shinnyoen. Besuche von Versammlungen, Feiern, Gesprächskreise etc., zwei Interviewserien zu konkreten Themen, viele unaufgezeichnete Gespräche. In der lokalen Gemeinschaft von PL Kyodan war ich bald den meisten Mitgliedern dieser Kirche bekannt; dort nahm ich auch regelmässig an einem Frauen-Gesprächskreis teil, jedoch überwiegend als Zuhörerin. Bei Shinnyoen hatte ich zwei Betreuer, eine junge Frau meines Alters und ihr Vorgesetzter, beide Angestellte innerhalb der Abteilung für PR (bzw. er ist der Leiter der Abteilung). Kontakt zu Gläubigen nur auf Vermittlung durch die und Interviews in Anwesenheit von der Betreuerin.

Probleme bei der Feldforschung bei japanischen Neuen Religionen in der Erfahrung von M. Schrimpf und B. Staemmler:

• Problem der Mitgliedschaft: wird nicht von allen abgelehnt, weil man einige Dinge nur als Mitglied zu sehen/hören bekommt. Bei manchen NR vermutlich nicht problematisch, aber aus meiner Erfahrung eher abzulehnen, auch wegen eigener Glaubwürdigkeit.

• Problem der Objektivität: Einstellung und Auswertung sollten weder zu positiv-unkritisch noch abwertend-/ überheblich-negativ sein. Man muß die Mitglieder in ihrem Glauben ernst nehmen, auch wenn man ihn nicht teilt.

• Problem des Berichts: Was schreibt man und was nicht? Weder zu positiv noch zu negativ -> Dünner Grat höflicher, respektvoller Ehrlichkeit

• Problem der Sprache:zum einen Vagheit und Bedeutungsvielfalt von einzelnen Begriffen; zum anderen religionsinterne Bedeutungszuweisung für alltägliche Begriffe. die man erst erkennen muß; Wortneuschöpfungen; Tabubegriffe. Die religionsinterne Sprache ist ein Problem bei quantitativen Erhebungen unter verschiedenen Gemeinschaften: Die Sprache der Religionswissenschaft kann nicht verwendet werden, da sie den Gläubigen fremd ist; die Sprache der einen Religion entspricht wiederum nicht der einer anderen. D.h. man müsste die Fragen an den jeweiligen Sprachgebrauch anpassen, damit geht aber ein Stück der Vergleichbarkeit verloren.

• Probleme des Zugangs und der Durchführung von Interviews: Zugang meist nur „von oben“ möglich, d.h. über die Leiter lokaler oder überregionaler Gruppen. D.h. die Interviewpartner sind überwiegend vermittelt, sie sprechen also aus ihrer Sicht „im Auftrag“ oder zumindest „im Namen“ ihrer Gemeinschaft. Das beeinflusst ihre Darstellung auch persönlicher Erfahrungen.

• Problem der Beteiligung der Untersuchten an der Forschung: Da der Untersuchungsgegenstand lebt und eine (oder mehrere) eigene Perspektive auf die Forschungsfragen besitzt, muss man diese auch berücksichtigen, aber die Perspektive der Forscherin und die der Religionen müssen erkennbar getrennt bleiben. Noch interessanter wäre die Frage nach eventuellen Rückwirkungen der religionswissenschaftlichen Forschung auf die Religionen, beispielsweise auf ihre Selbstdarstellung.

• Problem des Verlusts der Unparteilichkeit: Im Laufe der Feldforschung entstehen mehr oder weniger freundschaftliche Beziehungen zu den Gläubigen, die dazu führen, dass man ihnen mit einer grundsätzlich wohlwollenden Haltung begegnet. Einerseits war diese persönliche Beziehung die Voraussetzung für das Vertrauen, das nötig ist, um über persönliche Erfahrungen zu sprechen. Andererseits besteht die Gefahr, dass die eigene Kritikfähigkeit beeinträchtigt wird. Diese Gefahr muß man sich immer wieder bewußt machen.

• Problem mit Interviews über persönliche religiöse Erfahrungen: Vertrauensbasis zw. Forscher und Interviewtem ist notwendig. Die Interviews halten sich zwar an einen thematischen Leitfaden, werden aber zunehmend offener geführt, d.h. Forscher erzählte auch aus dem eigenen Leben. Das schuf eine gleichwertigere Gesprächsbasis.