Symposium "Herausbildung religiöser Begrifflichkeiten in Japan" (7./8. Mai 2010)

Abstracts

Hans Martin Krämer: "Auf dem Weg zu einem allgemeinen Religionsbegriff: Zur Vorgeschichte von shûkyô, 16. bis 19. Jahrhundert"

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Japan kein sprachliches Mittel, um den modernen Begriff von „Religion“ zum Ausdruck zu bringen, wie sich deutlich zeigte, als Japan beim Abschluss der Handelsverträge mit den Westmächten in den 1850er Jahren dazu gezwungen war, Vertragsklauseln, die dieses Wort enthielten, zu übersetzen. Im Zuge der 1870er Jahre setzte sich als Übersetzungswort „shûkyô“ durch. Zugleich mit dem neuen Begriff hielt auch eine neue Wissensordnung um den Begriff „Religion“ herum Einzug: Einheimische Phänomene wurden diesem Begriff untergeordnet oder aus dessen Sphäre ausgeschlossen, mit zum Teil erheblichen Konsequenzen, wie die Erfahrung des Staats-Shintô deutlich macht.          
Doch die neuerdings, prominent etwa von dem japanischen Religions­wissenschaftler Isomae Jun’ichi, vertretene Meinung, erst der vom Protestantismus geprägte moderne Religionsbegriff mit seiner Trennung in einen innerlichen Glauben, der der Privatsphäre angehöre, und einer Moral, die öffentlich oder Angelegenheit des Staates sei, habe die Entstehung des Staats-Shintô ermöglicht, wird problematisch im Lichte der Religionspolitik der Edo-Zeit. Auch diese beruhte nämlich teils schon auf einer Trennung zwischen privatem Glauben, in den sich das bakufu und die han nicht eingemischt haben, und einer Sphäre öffentlicher Religionsausübung, die stark reglementiert wurde.
Tatsächlich lässt sich feststellen, dass schon die erste Begegnung mit dem Christentum im 16. und 17. Jahrhundert zu einer begrifflichen Weiter­entwicklung führte, in deren Zuge insbesondere hô und shû sowie diese Zeichen beinhaltende Komposita zunehmend benutzt wurden, um Religionen in einem übergreifenden und vergleichenden Sinne zu bezeichnen, nämlich v.a. Buddhismus und Christentum. Interessanterweise wurden beide Begriffe fast nie für den Konfuzianismus benutzt und für den Shintô nur in Zusammen­hängen, in denen dessen Kommensurabilität mit dem Buddhismus heraus­gestellt werden sollte.     
An diese terminologische Tradition nun konnte in der frühen Meiji-Zeit angeknüpft werden, wie sich besonders deutlich am Beispiel mehrerer reformorientierter buddhistischer Priester der Jôdo Shinshû zeigen lässt. Es scheint demnach kein Zufall gewesen zu sein, dass ausgerechnet shûkyô sich unter zahlreichen möglichen Kandidaten durchsetzen konnte, war shû doch für die religiösen Experten zur Mitte des 19. Jahrhunderts klar mit dieser komparatistischen terminologischen Tradition verbunden. So kann zusammenfassend argumentiert werden, dass ein allgemeiner Begriff von Religion im Sinne eines im Singular zu gebrauchenden kategorialen Allgemeinbegriffs sich in Japan zwar erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts herausbildete, dieser aber Vorläufer hatte in der Edo-Zeit in Gestalt mehrerer Begriffe, die im Sinne eines Oberbegriffs für Religionsgruppen („Religionen“ im Plural) gebraucht worden waren. Zur logischen oder historischen Verbindung zwischen diesen beiden zu unterscheidenden Allgemeinbegriffen von Religion ist auch für Europa wenig gearbeitet worden, so dass sich hier eine interessante Forschungsperspektive auftut.

Bernhard Scheid: "Shintô, Jindô, Jingi-dô: Anmerkungen zur neueren Debatte um den Begriffsinhalt des ‚Wegs der Kami’"

Seit Kuroda Toshios einflussreichem Aufsatz "Shinto in Japanese History" (1981) wird der Begriff Shinto unter Religionsspezialisten vorzugsweise nur noch in Anführungszeichen gebraucht. Das drückt Vorsicht und einen Bedarf nach Neudefinition dieses Begriffs aus. Versuche, tatsächlich eine Neudefinition zu wagen, sind allerdings spärlich. Einen wichtigen Schritt in diese Richtung stellt die "Jindô"-These Mark Teeuwens dar. Teeuwen versuchte erstmals in seinem Aufsatz "From jindô to Shinto. A concept takes shape" (2002), die Entstehung des Konzepts Shinto historisch dort festzumachen, wo er den Übergang von der Aussprache jindô zur Aussprache shintô nachweisen zu können glaubt. Die Implikationen dieses Gedankens inklusive einiger Reaktionen seitens der Fachwelt und eigener Überlegungen werden das Thema dieses Vortrags sein.

Gregor Paul: "Schlüsselbegriffe der Begründungstheorie (skt. hetuvidyaa, chin. yinming 因明, jap. immyô 因明) in ihrer Form in Japan: Herkunft und Systematik"

Es gibt verschiedene Formen, Schulen, Orientierungen des Buddhismus. Die Informationen, die die Skizze bietet, beziehen sich auf die Begründungstheorie, eine Disziplin des scholastischen Buddhismus. Sie ermöglichen freilich auch eine Klassifikation jeder buddhistischen Richtung, ja eines jeden buddhistischen Textes. Ordnungskriterium ist dabei die Frage, ob – und ggf. inwiefern – intersubjektiv gültiges Argument und logische Konsistenz als Heilsmittel betrachtet werden. Der im sinoasiatischen Raum einflussreichste begründungstheoretische Traktat, das Nyāyapraveśa (chin. Yinming ruzhengli lun 因明入正理論, jap. Immyô-nisshôri-ron), lässt ja keinen Zweifel an der Relevanz der Logizität. Für ihn sind „Beweismittel“ (sanskr. sādhana, chin. nengli, jap. nôryû 能立), „Mittel der Widerlegung“ (dûṣaṇanengponôha 能破), „[unmittelbare] Wahrnehmung“ (pratyakṣa,xianlianggenryô 現量) und „Schlussfolgerung“ (anumānabilianghiryô 比量) Mittel der „Erkenntnis“ und „Erleuchtung“ (jap. satori 悟).          
Abschriften der chinesischen Version gelangten bereits im 7. Jh. ins Nara-zeitliche Japan. Gemeinsam mit weiteren chinesisch-sprachigen Texten der Begründungstheorie wurden sie für japanische buddhistische Scholastiker sogleich zu Gegenständen umfassender und ins Einzelne gehender Auseinandersetzung. Spätestens im 8. Jh. entstanden dann auch von japanischen Gelehrten verfasste „Kommentare“. Im Zuge der Rezeption wurden die chinesisch-sprachigen Fachbegriffe eingeführt und in eine sinojapanische Form gefasst.  Wie es der Titel „Schlüsselbegriffe der Begründungstheorie (skt. hetuvidyā, chin. yinming 因明, jap. immyô 因明) in ihrer Form in Japan: Herkunft und Systematik“ zum Ausdruck bringen soll, werden die wichtigsten Termini vorgestellt, und dies sowohl in ihrer Überlieferungs­geschichte als auch in ihrer systematischen Verflechtung, d.h. also vor allem in ihrem Charakter als theoretische Grundbegriffe.

Heidi-Buck-Albulet: "Juwelen aus dem Mund. Formen und Konzepte von Beredsamkeit in der buddhistischen Predigt Japans"

Japan wurde vielfach als schweigende, nicht-diskursive Kultur stilisiert. Dies gilt für populäre wie für wissenschaftliche Darstellungen, für Selbst- wie für Fremdbeschreibungen. Es erscheint daher vielen abwegig, die japanische Kultur und gar den Buddhismus mit Beredsamkeit zu assoziieren.     
Doch bereits aus den frühesten Quellen, die von der Einführung des Buddhismus in Japan berichten, ist ersichtlich, dass es auch dort zur Missionierung der Sprache bedurfte.   
Die Gabe der Eloquenz ist von den Anfängen des Buddhismus an eine hochgeschätzte Tugend und manifestiert sich auch in Japan in einem kulturellen Gedächtnis, welches herausragende Prediger für ihre oratorischen Fähigkeiten ehrt. Den vielfältigen Predigtformen, dem Einsatz rhetorischer Techniken ebenso wie den damit verbunden Konzepten von Talent, Wissen und kommunikativer Kompetenz steht in den buddhistischen Quellen eine ebenso vielfältige und differenzierte und noch nicht annähernd philologisch erschlossene Begrifflichkeit gegenüber. In meinem Beitrag greife ich exemplarisch einzelne Begriffe auf und eruiere, welche Formen und Konzepte von Beredsamkeit sich daraus erschließen lassen.

Eriko Ogihara-Schuck: "Amerikanische und deutsche Begegnungen mit dem japanischen Animismus: Ein interkultureller Vergleich der christlichen Rezensionen von Miyazaki Hayaos Film Chihiros Reise ins Zauberland"

In meiner Präsentation analysierte ich christliche Rezensionen über den mit einem Oscar und dem Goldenen Bären ausgezeichneten Zeichentrickfilm Chihiros Reise ins Zauberland (2001). Dies ist Teil meines Dissertationsprojektes mit dem Titel „Anime as a Medium of Inter-Religious Dialogue: American and German Receptions of Japanese Animism through Miyazaki Hayao's Films“. Der Begriff „japanischer Animismus“ ist in Gänsefüßchen gesetzt, weil ich ihn als ein kulturelles Konstrukt sehe. Innerhalb der Religionswissenschaft wird der Begriff oft als problematisch betrachtet, und zwar als ethnozentrisch und anachronistisch. Deswegen lehnen viele es ab, den aus dem christlichen Kontext des 19. Jahrhunderts stammenden Begriff von Edward B. Tylor für den japanischen Glauben an Geister und Götter zu verwenden. In meinem kulturwissenschaftlichen Projekt verstehe ich Animismus als Teil eines durch die Massenmedien verbreiteten einflussreichen religiösen Diskurses der sogenannten „spirituellen Intellektuellen“. Der Regisseur Miyazaki ist davon stark inspiriert, und dies äußert sich unter anderem auch in seinen Zeichentrickfilmen.
Obwohl, oder gerade weil der Film tief in japanische religiöse Motive eingebettet ist, haben interessanterweise viele christliche Filmkritiker mit zahlreichen Rezensionen darauf reagiert. Ich vertrete die These, dass sich amerikanische und deutsche christliche Annäherungen an den Film sichtbar unterscheiden. Die vorliegenden amerikanischen christlichen Rezensionen lehnen die animistischen Elemente ab, oder wählen eine christliche, evangelikale Leseart des Films, während deutsche christliche Rezensionen eher eine neutrale Perspektive zu den animistischen Elementen des Films einnehmen. Dieser Unterschied ist vermutlich durch unterschiedliche Kontexte der Rezensionen der zwei Länder begründet. Zum Beispiel ist der amerikanische Korpus ein Anzeichen für ein neues Phänomen und zwar den rasanten Anstieg der christlichen Filmkritik im Land, während die deutschen Rezensionen Teil einer längeren Tradition der Filmkritik in der katholischen und der evangelischen Kirche sind.

Ulrich Dehn: "Religiöser Begriffswandel bei der Sôka Gakkai"

Bei der Sôka Gakkai (SG) finden sich in einigen Bereichen ihrer Lehre bemerkenswerte Um- und Neuinterpretationen von traditionellen buddhistischen Begrifflichkeiten. Die „Zehn Welten“ 十界, die im alten buddhistischen Schrifttum eine mythologische Größe mit von einander unterschiedenen physischen Welten mit je eigenen Bewohnern darstellen (von der „Hölle“ bis zum Welt des „Buddha“), werden im Lotos Sutra halb entmythologisierend als sich je gegenseitig enthaltend beschrieben und bei Nichiren in einer Schrift, die abgekürzt als Kanjinhonzonshô 観心本尊抄 bezeichnet wird, als Stadien des menschlichen Lebens bzw. Zustände des Menschen erklärt; diese Erklärung wird im Wesentlichen noch weiter psychologisierend von der SG in ihren Lehrunterlagen übernommen.           
Der Begriff „Leben“ seimei 生命 wird vom zweiten Präsidenten Toda (gest. 1958) entwickelt (ausführliche Erläuterung im Shakubuku Kyôten) und in die weiteren Lehrwerke übernommen (u.a. ざさしい生命哲学, 1999) und wird auf eine allgemeine spirituell-kosmische Bedeutung hin ausgeweitet. Es kann als Chiffre für die gesamte Lehre der SG stehen, so in ざさしい生命哲学. Kôfuku 幸福 ist zu sehen im Rahmen des SG-Programms, buddhistische religiös-spirituelle Begrifflichkeiten (Erleuchtung, Buddhanatur etc.) in eine Sprache des täglichen Erfahrens herunterzubrechen, und hat zugleich in Zeiten des Wiederaufbaus nach dem Krieg die Botschaft bereitgehalten, dass der buddhistische Weg der SG etwas „nützt“ und „hilft“.

Ulrich Apel: "Religiöse Begrifflichkeit im elektronischen WaDoku-Wörterbuch: Durch Mitarbeit von Spezialisten zu einem religionswissen­schaftlichen Fachwörterbuch?"

Wenn deutschsprachige Wissenschaftler über religiöse Begrifflichkeit in Japan diskutieren, stellt sich sehr schnell die Frage nach der Übersetzbarkeit religiöser Termini, und man kommt auf Wörterbücher, die entsprechende Übersetzungs­vorschläge und Definitionen sammeln. 
Im japanisch-deutschen elektronischen Wörterbuch "WaDokuJT" werden auch religionswissenschaftliche Begriffe ihrem Fachgebiet entsprechend markiert; mehrere Tausend Lemmata stammen aus den Gebieten des Buddhismus, des Shintoismus, des Christentums, der Bibel etc..       
Das WaDoku-Projekt hat sehr großes Interesse daran, den Kontakt zu Spezialisten aus den unterschiedlichen Fachgebieten aufrecht zu halten und mit ihnen gemeinsam an der Verbesserung der Übersetzungsvorschläge und Erklärungen existierender Einträge zu arbeiten sowie neue Einträge zu erstellen. Dies gilt insbesondere auch für das Gebiet der Religionswissenschaft – ein Gebiet das für Lexikografen schwer zu bearbeiten ist, weil hier sehr viele Begriffe erstmals ins Deutsche übertragen werden.     
Eine Zusammenarbeit mit Religionswissenschaftlern könnte jedoch noch weiter gehen. Für ein religionswissenschaftliches Fachwörterbuch könnte man eine eigene Wörterbuch-Datei anlegen, die auf entsprechend markierte Einträge des WaDoku-Wörterbuches verweist und daraus die für dieses Gebiet relevanten Informationen herausfiltert.          
Dieses Spezialwörterbuch könnte Vorbild werden für eine Vielzahl von auf WaDoku-Daten basierende Fachwörterbüchern, die Forschern der entsprechenden Domänen das Leben erleichtern.