Musikwissenschaftliches Institut

Geschichte der Musikwissenschaft an der Universität Tübingen

1817, im Zusammenhang der Dreihundertjahrfeier der Reformation, berief man zum Dienste einer geregelten Musikpflege an der Universität Tübingen Friedrich Silcher zum Universitätsmusikdirektor. Erstmals seit den mittelalterlichen Septem artes liberales erschien die Musik damit wieder im universitären Fächerkanon. Zu Silchers Aufgaben gehörte neben der Leitung der Musik an der Universität und an der Stiftskirche auch der Musikunterricht am Evangelischen Seminar am katholischen Wilhelmstift. Seine musikgeschichtlichen Lehrveranstaltungen waren ebenso an ein breites akademisches wie nicht-akademisches Publikum gerichtet. Zu seinem Abschied erhielt Silcher 1860 die Ehrendoktorwürde.

Sein Nachfolger Otto Scherzer kam als erfahrener Orchester- und Chorerzieher aus Stuttgart und München nach Tübingen. Er übernahm die reich gegliederten Pflichten des Universitätsmusikdirektors, baute den Orchesterverein auf, leitete die musikalischen Übungen an den beiden theologischen Seminaren und beaufsichtigte den Musikunterricht an den vier niederen evangelisch-theologischen Seminaren in Württemberg. Sein Hauptaugenmerk galt indes der Aufführung großer Chor- und Orchesterwerke, bis hin zu Teilen aus Opern Mozarts. Auch ihm verlieh die Universität zum Amtsabschied den Doktor honoris causa.

Emil Kauffmann, der sein Amt als Universitätsmusikdirektor 1877 antrat, wurde nun bereits von Amtswegen von der Philosophischen Fakultät promoviert. Er erwarb die Venia legendi und erhielt 1899 schließlich – wenn auch noch nicht als Mitglied der Fakultät – Titel und Rang eines außerordentlichen Professors. Mit Kauffmann verbindet sich zudem die Tübinger Tradition der Pflege zeitgenössischer Kunst. Mit Hugo Wolf war er befreundet, etliche Werke Anton Bruckners brachte er in Tübingen zur deutschen Erstaufführung.

Mit Fritz Volbach kam 1907 ein ebenso umfassend erprobter Musiker wie promovierter und vielseitig gebildeter Musikgelehrter nach Tübingen. Sein Name verbindet sich mit der Händelbewegung seiner Zeit. Als Komponist und Dirigent wirkte er erfolgreich im In- und Ausland und führte auch den Akademischen Musikverein in Tübingen zu neuen künstlerischen Höhen. Während seiner Amtszeit diskutierte der Senat mehrfach über die Stellung der Musikwissenschaft, die Einrichtung eines Ordinariats und das Promotionsrecht, das schließlich 1922 eingeführt werden konnte.

Karl Hasse (1919–1935) profitierte von dieser Entscheidung, indem ihn die Fakultät ohne Promotionsleistungen und -gebühren umgehend promovierte. 1923 konnte er das „Musikwissenschaftliche Seminar“ am „Musik-Institut“ der Universität Tübingen gründen und die Musikwissenschaft als eigenständige Disziplin hier ausbauen. Siebzehn Promotionen fallen in seine Amtszeit. Hasse begründete die Schriftenreihe Veröffentlichungen des Musik-Instituts der Universität Tübingen, gab die Zeitschrift Musik in Württemberg mit heraus und leitete die Editionsreihe Denkmäler der Tonkunst in Württemberg. Früh stellte Hasse wie sein Assistent Otto zur Nedden seine Arbeit in den Dienst der nationalsozialistischen Ideologie. Nicht zuletzt dieses Engagement führte 1935 zu Hasses Berufung als Direktor der Kölner Musikhochschule.

Das in den Lehr- und Prüfungsbetrieb integrierte Musikinstitut verfügte im Pfleghof inzwischen über mehrere Räume: den Musiksaal, die Kapelle, einen Hörsaal, ein Vorstandszimmer – dazu eine Handbibliothek, Musikinstrumente, Lehrausstattung, einen eigenen Etat und einen Institutsassistenten.

Mit Ernst Fritz Schmid, Enkel Emil Kauffmanns und Vater von Manfred Herrmann Schmid, übernahm erstmals ein habilitierter Wissenschaftler die außerordentliche Professur am Musikwissenschaftlichen Seminar und das Amt des Universitätsmusikdirektors. Mit ihm setzte sich der Weg der Akademisierung der Musik an der Universität Tübingen entsprechend energisch fort. Schmid richtete das Schwäbische Landesmusikarchiv ein und intensivierte die Quellenforschung, die später in seine Mitarbeit an der Neuen Mozart-Ausgabe einfloss.

Nach Schmids plötzlichem Ausscheiden 1937 ließ sich der Dirigent Carl Leonhardt, zuvor vierzehn Jahre lang Nachfolger von Fritz Busch als Generalmusikdirektor des Württembergischen Staatstheaters in Stuttgart, ins Tübinger akademischen Klima – die Umstände sind nicht ganz klar –versetzen. Zunächst sollte und wollte er für ein Jahr die praktische Musikpflege am Tübinger Musikinstitut übernehmen – und blieb dann fünfzehn Jahre. Für die Lehrveranstaltungen stand ihm mit Georg Reichert ein seit 1940 habilitierter Fachwissenschaftler mit landeskundlichem Profil zur Seite.

1951 ging mit Leonhardt der letzte Silcher-Nachfolger als Universitätsmusikdirektor und zugleich Leiter des Musikwissenschaftlichen Instituts in den Ruhestand. Mit der Berufung von Walter Gerstenberg 1952 endete diese Personalunion. Der Standort Tübingen profitierte seit 1948 davon, dass ein Teil der Handschriften der Preußischen Staatsbibliothek Berlin nach der kriegsbedingten Deponierung im Kloster Beuron nach Tübingen gelangte. Die in dieser Sammlung verfügbaren Bach-Autographe bildeten die Grundlage der hiesigen Bach-Forschung. Weitere Schwerpunkte der Arbeiten von Gerstenberg galten Mozart und Schubert. 1958 folgte Gerstenberg einem Ruf nach Heidelberg, kehrte indes bereits im Folgejahr nach Tübingen zurück. 1965/66 war er Rektor der Universität Tübingen.

Am 19. November 1963, dem hundertfünfunddreißigsten Todestag des Komponisten, gründeten Gerstenberg und Otto Erich Deutsch (Wien) die Internationale Schubert-Gesellschaft e.V. zur Erarbeitung und Herausgabe der Neuen Schubert-Ausgabe in den Räumlichkeiten des Tübinger Musikwissenschaftlichen Instituts. Seit 1979 wird das Editionsprojekt von der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften betreut, vertreten durch die Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Von 1965 bis 1997 war Walther Dürr Editionsleiter, seit 1977 auch Honorarprofessor an der Universität.

Georg von Dadelsen, Schüler und Assistent Gerstenbergs, in Tübingen habilitiert mit Beiträgen zur Chronologie der Werke Johann Sebastian Bachs, folgte 1971 dem Ruf aus Hamburg zurück und übernahm als ordentlicher Professor den Lehrstuhl am Tübinger Musikwissenschaften Institut. Im Auftrag der Musikgeschichtlichen Kommission leitete er die Denkmälerreihe Das Erbe deutscher Musik (1959–1998), zudem war er Direktor des Johann-Sebastian-Bach-Instituts in Göttingen (1961–1993) und Vorsitzender des Herausgeberkollegiums der Neuen Bach-Ausgabe (1954 bis zu seinem Tod 2007).

In der Zeit Gerstenbergs und von Dadelsens konnten die Stellen der Dozenten und Assistenten Ulrich Siegele, Bernhard Meier und Arnold Feil in planmäßige Professuren umgewandelt werden. Siegeles Interessen gelten Historischen Kompositionsverfahren und aktuell namentlich der Bachforschung. Die Geschichte der beiden, 1989 von Peter Vier für das Tübinger Institut erbauten Orgeln – eine kleine im Pfleghofsaal im italienischen Stil des frühen siebzehnten und eine große in der Kapelle im französischen Stil des späten achtzehnten Jahrhunderts – hat er in einem Buch dargestellt. Meiers Arbeiten, er starb 1993, galten vornehmlich der älteren Musikgeschichte und der Musiktheorie. Feil war seit Gründung der Internationalen Schubert-Gesellschaft bis zu seiner Pensionierung maßgeblich an der Neuen Schubert-Ausgabe beteiligt und widmete sich dem Komponisten in Studien und Editionen.

Nachfolger von Dadelsens war von 1986 bis 2012 der Georgiades-Schüler Manfred Hermann Schmid. Er pflegte neben anderen Schwerpunkten die Musik der Wiener Klassik (Mozart-Studien, seit 2010 Vorsitzender der Akademie für Mozart-Forschung bei der Stiftung Mozarteum Salzburg) und der Romantik, der Musikphilologie und Edition (Denkmäler der Musik in Baden-Württemberg), der Notationskunde, der Musikinstrumentenkunde sowie der musikalischen Landeskunde (Gründung der Gesellschaft für Musik in Baden-Württemberg mit Denkmälerausgabe sowie Jahrbuch Musik in Baden-Württemberg und Buchreihe Quellen und Studien zur Musik in Baden-Württemberg).

In dieser Ära wurden Thomas Kohlhase (Erbe deutscher Musik und Tschaikowsky-Gesellschaft), Alexander Šumski (1972 bis 1999 Universitätsmusikdirektor; Byzantinische Musik, Musik in oberschwäbischen Klöstern), Andreas Traub (Gregorianik, Sándor Veress, Denkmäler der Musik in Württemberg) und Stefan Morent (Gregorianik, Digital Musicology) zu außerplanmäßigen Professoren ernannt. 2012 habilitierte sich Ann-Katrin Zimmermann (Formen langsamer Sätze im klassischen Zyklus). Sie ist Privatdozentin in Tübingen und Dramaturgin am Gewandhaus in Leipzig.

1996 bis 2011 ergänzte August Gerstmeier das Profil des Instituts mit Forschungsschwerpunkten wie Klavierlied, Konzert, Sprachbehandlung oder Kirchenmusik vom siebzehnten bis zwanzigsten Jahrhunderts. Darüber hinaus widmete er sich Verbindungen von Musik und Philosophie, Musik und Literatur sowie Musik und Gesellschaft.

Seit 2013 leitet Thomas Schipperges das Musikwissenschaftliche Institut. Aktuelle Forschungsschwerpunkte liegen in der älteren (Einzelsätze des mehrstimmigen Ordinarium missae) und neueren Musikgeschichte (Ensemblelied, Streichquartett und Stimme, Sprechchor) sowie in disziplinär übergreifenden (Musik in der Bibel, Musik und Religionen, Wirkungsbeschreibungen von Musik, Musik in der Bildwerbung) und fachgeschichtlichen Themen (Musikwissenschaft in der NS-Zeit und in den frühen Nachkriegsjahren). Jörg Rothkamm, 2014 nach Tübingen umhabilitiert und seit 2016 apl. Professor, verfolgt diese fachgeschichtlichen Forschungen ebenfalls und neben seinen musikhistorischen Schwerpunkten (Mahler, Ballettmusik, Musiktheater). Im Wintersemester 2014/15 nahm Privatdozentin Christiane Neuhaus (Hamburg) – und mit ihr erstmals eine Frau als Professorin am Institut – eine TEAching Equality-Gastprofessur wahr mit Themen der Neurowissenschaft, Musikpsychologie und Kreativitätsforschung. Eine Akademie-Juniorprofessur im Zusammenhang der Neuen-Schubert-Ausgabe wird 2017 besetzt.

Weiterführende Literatur (Auswahl, chronologisch)

Georg von Dadelsen: Das Collegium musicum. Zur Geschichte der Tübinger Universitätsmusik, in: Attempto 53/54 (1974/75), S. 72–83.

Alexandru Sumski: Das Collegium musicum. Musik als Autorität, in: Attempto 53/54 (1974/75), S. 84–85.

Ulrich Siegele: Die Orgeln des musikwissenschaftlichen Instituts im Pfleghof zu Tübingen (Werkschriften des Universitätsarchivs Tübingen, Reihe I, Bd. 17), Tübingen 1992.

Gabriela Rothmund-Gaul: Vom Universitätsmusikdirektor zum Ordinarius. Zur Geschichte der Musikwissenschaft an der Universität Tübingen, in: Musik in Baden-Württemberg. Jahrbuch 5 (1998), S. 45–56.

Gabriela Rothmund-Gaul: Zwischen Taktstock und Hörsaal. Das Amt des Universitätsmusikdirektors in Tübingen 1817–1952 (Quellen und Studien zur Musik in Baden-Württemberg, Bd. 3), Stuttgart und Weimar 1998.

Christina Richter-Ibáñez: „…für das Fach verloren“? Musikwissenschaft an der Universität Tübingen 1935 bis 1960, in: Musikwissenschaft und Vergangenheitspolitik. Forschung und Lehre im frühen Nachkriegsdeutschland. Mit den Lehrveranstaltungen 1945 bis 1955, hrsg. von Jörg Rothkamm und Thomas Schipperges, München 2015, S. 265–319.

Christina Richter-Ibáñez: „[…] ganz besonders deutsch“: Karl Hasses Karriere als Musikwissenschaftler in Tübingen und die (Um-)Habilitation seines Assistenten Otto zur Nedden, in: Beitragsarchiv zur Jahrestagung der Gesellschaft für Musikforschung Halle/Saale 2015 – „Musikwissenschaft: die Teildisziplinen im Dialog“, hrsg. von Wolfgang Auhagen und Wolfgang Hirschmann [http://schott-campus.com/gfm-jahrestagung-2015], Mainz 2016 [Schott Campus, urn:nbn:de:101:1-201609154181].

Das Musikwissenschaftliche Institut der Universität Tübingen und seine Geschichte, hrsg. von Andreas Flad und Thomas Schipperges, Privatdruck Tübingen 2014, 2. Auflage 2017.

>>Promotionen und Habilitationen 1849 bis 2016

>>Schriften und Editionen des Musikwissenschaftlichen Instituts der Universität Tübingen vor 1970