Graduiertenkolleg 1662 „Religiöses Wissen im vormodernen Europa (800–1800)“

Zum April 2017 ist das Graduiertenkolleg 1662 „Religiöses Wissen im vormodernen Europa (800–1800)“ mit zwölf neuen Doktoranden in seine dritte Laufzeit gestartet (Foto: Auftakttreffen im Haus Kloster Kirchberg, Sulz)

 

Transfers und Transformationen – Wege zur Wissensgesellschaft der Moderne

Für das Graduiertenkolleg ist der Begriff ‚Religiöses Wissen‘ als interdisziplinäres Forschungskonzept leitend. Es beschreibt mit seiner Hilfe in neuer Weise, wie sich in Europa die sogenannte westliche Wissensgesellschaft mit ihren Selbstzuschreibungen der Toleranz, Säkularität, Rationalität und Ausdifferenzierung von Wissenschaft und Bildung, Recht und Politik, Religion, Kunst und Literatur entwickeln konnte.

I. Begriffe

Der Terminus religiöses Wissen benennt ein komplexes sozial- und kulturhistorisches Phänomen, das die Geschichte Europas vor allem im Christentum, aber auch in den beiden anderen monotheistischen Religionen seit dem Mittelalter prägte. Das Christentum versteht sich wie Judentum und Islam als eine offenbarungsgegründete Religion. Offenbarungswissen wurde, meist vermittelt durch kanonisierte Texte, als intangibel vorausgesetzt. Handlungsleitend konnte es jedoch nur werden, indem es in sich wandelnden Lebenswelten – je neu medial transferiert und transformiert – eine sinnvolle Kommunikation und Praxis begründete. Diese zeit- und kulturspezifischen Adaptationen bezeichnet das Kolleg als ,religiöses Wissen’.

Hieraus resultiert ein Forschungsinteresse, das sich vornehmlich auf die sich in Interdependenz mit dem Offenbarungswissen vollziehenden dynamischen Prozesse und strittigen Verhandlungsfelder der Generierung des religiösen Wissens bezieht.

  

II. Untersuchungsfelder

Nachdem das Kolleg zunächst in großer Breite Institutionen und soziale Gruppen, Verfahren sowie Wechselwirkungen und Grenzverschiebungen im Zusammenhang des religiösen Wissens untersucht hat, konzentriert es sich nun auf die Verfahren, mit denen Offenbarungswissen in Lebenswelten integriert, aber auch religiöse Wissensbestände in andere mediale Vermittlungsformen überführt und über Zeiten, Räume und soziale Grenzen hinweg weitergegeben wurden. So sollen die synchronen und diachronen Transfer- und Transformationsprozesse, aus denen religiöses Wissen immer neu hervorging, und ihre unterschiedlichen Existenzformen verstärkt in den Blick kommen.

 

Dabei liegt die Annahme zugrunde, dass über die einzelnen Verfahrensweisen des Transfers und der Transformation religiösen Wissens, insbesondere rituelle, kommentierende, ästhetische und empirische Verfahren, durch komplexe Aushandlungen eben jene Denkfiguren, Differenzierungen und Argumentationsstrukturen eingeübt wurden, die kategorial den Weg zur modernen Wissensgesellschaft mit anbahnten. Wechselwirkungen und Grenzverschiebungen zwischen religiösem und anderem Wissen, ausgetragen über die Verfahren der Adaptation, veränderten schließlich auch die Leitfunktion des Offenbarungswissens selbst.

© by GrK 1662/1

Aktuelles

Neu publiziert: Die Gesamtdarstellung des Graduiertenkollegs und seiner Mitglieder (25 MB)

 

09.-10.11.2018

Workshop "Paradies und Sündenfall" in Tübingen

 

22.-23.11.2018

Workshop "Verkörperte Konzepte – Personifikationen als Träger religiösen Wissens in Kunst und Literatur der Vormoderne" in Tübingen

 

17.-20.03.2019

Das GrK ist mit drei Panels auf dem 18. Symposium des Mediävistenverbands vertreten.

 

08.-10.04.2019

Tagung "Transformationen religiösen Wissens im
mittelalterlichen Schauspiel" in Tübingen

 

11.-12.04.2019

Tagung "Geography and Religious Knowledge in the Premodern World" in Tübingen

 

17.-23.06.2019

Internationale Jahres- und Abschlusstagung des GrK in Jerusalem: "Religiöse Begegnungen: Koexistenz - Dialog - Konflikt"