Newsletter Uni Tübingen aktuell Nr. 2/2018: Leute

Ein Zeichner und begnadeter Beobachter

Zum Tode von Professor Dr. Franz Oberwinkler ein Nachruf von Dominik Begerow

Am 15. März 2018 verstarb Professor Dr. Franz Oberwinkler im Alter von 78 Jahren. Er war einer der weltweit bedeutendsten Mykologen der jüngeren Geschichte. Nach einem Lehramtsstudium der Biologie, Chemie und Geographie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München wurde er mit einer Dissertation über „Niedere Ständerpilze“ (Basidiomyceten) im Jahr 1965 promoviert. Als wissenschaftlicher Assistent von Karl Mägdefrau lernte er die Tübinger Botanik kennen – damals noch im Botanischen Institut neben dem alten Botanischen Garten angesiedelt. Nach der Habilitation war er von 1974 bis 2008 Leiter des Lehrstuhls Spezielle Botanik und Mykologie an der Eberhard Karls Universität Tübingen.

 

Während dieser Zeit hat er nicht nur das Verständnis der Evolution und Systematik der Basidiomyceten revolutioniert, zahlreiche Nachwuchsmykologen ausgebildet und Gastwissenschaftler aus aller Welt willkommen geheißen, sondern auch den Neuen Botanischen Garten als dessen Direktor geprägt.

 

Seit Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn widmete er sich der Anatomie der Pilze. Früh erkannte er, dass die Anatomie der Sporen und Sporenbildung sowie die Morphologie und Entwicklung der Fruchtkörper wichtige Merkmale zur Einteilung der Basidiomyceten sind. Sein Überblick über die Diversität der Pilze, den er sich durch anspruchsvolle Mikroskopie geschaffen hat, war die Basis für vielzählige wissenschaftliche Artikel, die ihn in der Mykologie und Botanik weltberühmt gemacht haben.

 

Oberwinkler war ein begnadeter Beobachter, der in unzähligen Skizzen und wissenschaftlichen Zeichnungen kleinste Details festhielt, um sie dann Schritt für Schritt zu einem großen Bild zusammenzusetzen. Für ihn war es stets selbstverständlich, die jeweils neuesten Methoden und Interpretationsmuster einzubeziehen, um seine Hypothesen über die Evolution der Pilze weiterzuentwickeln. So hat er nicht nur die weltweit beste Elektronenmikroskopie für Basidiomyceten zusammen mit seinem Mitarbeiter Robert Bauer aufgebaut, sondern auch die Erforschung von Inhaltsstoffen der Basidiomyceten mit angestoßen. Dieser Forschungsansatz mündete später in der Entdeckung der Strobilurine und weiterer wichtiger Leitsubstanzen für die Wirkstoffentwicklung zur Anwendung in Pharma und Pflanzenschutz.

 

Über mehrere Amtsperioden wurde er als Vertreter für die Systematik in das Fachkollegium Pflanzenwissenschaften der Deutschen Forschungsgemeinschaft gewählt. Er hat sich in der Deutschen Gesellschaft für Mykologie engagiert und war viele Jahre Chef-Editor deren wissenschaftlichen Zeitschrift Mycological Progress. Von 1994 bis 1998 war er Präsident dieser Gesellschaft.

 

Seine zweite große Leidenschaft war die Pflanzenvielfalt und insbesondere der Botanische Garten und dessen Funktion als Fenster für die Wissenschaft. Er gründete einen lebendigen Förderverein und brachte damit vielen Bürgerinnen und Bürgern Tübingens und weit darüber hinaus die Pflanzen des Neuen Botanischen Gartens näher. Franz Oberwinkler war ein geduldiger und faszinierender Lehrer, der gern seinen Wissensschatz teilte, um selbst Neues zu lernen. Zahlreiche Diplom- und Doktorarbeiten sind unter seiner Anleitung entstanden, und viele seiner Schüler sind inzwischen Professoren an renommierten Universitäten auf der ganzen Welt.

 

Wer darüber hinaus persönlich mit Franz Oberwinkler zu tun hatte, konnte noch einen weiteren Teil seiner Persönlichkeit kennen lernen. Er war ein großer Musik- und Kunstliebhaber, kannte sich insbesondere in der klassischen Musik gut aus. Er hatte aber auch stets einen Skizzenblock dabei, um eine Situation durch eine Zeichnung zu erfassen. Die meisten seiner Werke waren bisher einem breiten Publikum nicht zugänglich. Jedoch hat er selbst eine private Webseite betrieben, auf der neben seinem Leben als Wissenschaftler auch das künstlerische Leben anhand von vielen Bildern aus seiner Hand zu sehen ist.

 

Die Bescheidenheit, mit der er auf sein Werk schaute, steht im Gegensatz zur Brillanz seiner wissenschaftlichen Leistung, die wie ein Schlussakkord einer Symphonie noch lange nachhallen wird.

[Erstveröffentlichung im Schwäbischen Tagblatt]