Newsletter Uni Tübingen aktuell Nr. 2/2018: Studium und Lehre

Studieren mit Kindern

Planung und eine gute Kommunikation sind das A und O

Bringt Studium und Familie unter einen Hut: Katharina Conrad auf einer neolithischen Ausgrabung in Pfäffingen. Foto: Canay Alpagut
Bringt Studium und Familie unter einen Hut: Katharina Conrad auf einer neolithischen Ausgrabung in Pfäffingen. Foto: Canay Alpagut

Katharina Conrad hat eine abgeschlossene Berufsausbildung als Physiotherapeutin und war bereits mehrere Jahre berufstätig. Dennoch hat die zweifache Mutter vor rund drei Jahren beschlossen, ein Studium zu beginnen. Ihr Sohn war da gerade in die dritte Klasse gekommen, die Tochter im Übergang auf die weiterführende Schule – so dass sie nicht mehr auf eine Ganztagesbetreuung für die Kinder angewiesen war. Im Interview erzählt sie, wie es ihr gelungen ist, Familie und Studium unter einen Hut zu bringen.

 

Wie haben Sie Ihr Studium geplant?

 

Ich studiere im sechsten Semester Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie und Archäologie des Mittelalters (Philosophische Fakultät) mit Paläoanthropologie (Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät) als Nebenfach. Im Juli möchte ich meinen Bachelor machen und werde damit in der Regelstudienzeit bleiben.

 

Sehr geholfen haben mir bei der Planung meines Studiums die detaillierten Veranstaltungspläne im Campus-System, die auch ohne Anmeldung einsehbar sind. Ich konnte auch im Semesterplan auf der Homepage des Instituts sehen, was in den Folgesemestern auf mich zukommt, wie viele Präsenzzeiten ich benötige und was ich zu Hause erledigen kann. Planungssicherheit ist für mich als Studierende mit Familienaufgaben das A und O.

 

Vor Studienbeginn habe ich mehrfach mit den Fachstudienberatern in meinen Fächern gesprochen und mit Gabi Efferenn vom Familienbüro telefoniert.

 

Welche Hindernisse gab es in Ihrem Studium und wie haben Sie diese gemeistert?

 

Schwierig wird es, wenn Pflichtlehrveranstaltungen häufig in den Abend hineindauern, denn das ist mit Familie nur schwer vereinbar. Im konkreten Fall hatte ich das Glück, dass die Lehrveranstaltung im Folgesemester nochmals als Blockveranstaltung angeboten werden konnte – auch andere Kommilitonen hatten Probleme mit dem Abendtermin.

 

Grundsätzlich sind meine Fächer relativ klein und die meisten Pflichtveranstaltungen werden nur einmal pro Semester angeboten; oft sogar nur einmal pro Jahr – und in Extremfällen gar nur alle zwei Jahre angeboten, wie etwa die so genannten „Epochenmodule“. Wenn man an solchen Veranstaltungen nicht teilnehmen kann, wird die Studienorganisation kompliziert und es wird fast unmöglich, in der Regelstudienzeit zu bleiben. Für BAföG-Empfänger hat das dann auch unmittelbar finanzielle Konsequenzen.

 

Und auch die Planungssicherheit hat ihre Grenzen. Gerade zu Beginn des Semesters kommt es immer wieder zu kurzfristigen Änderungen: einzelne Veranstaltungen fallen weg, andere Pflichttermine kommen hinzu. Mit Familienaufgaben hat man nicht immer die Flexibilität, solche kurzfristigen Änderungen in den eigenen Tages- oder Wochenplan zu integrieren.

 

In meinen Fächern spielen Exkursionen und Praktika eine wichtige Rolle. Mein erstes Praktikum habe ich beim Landesdenkmalamt in Esslingen gemacht und mir dort einen Bereich gesucht, der mit Teilzeitarbeit – und somit auch mit meinen Familienaufgaben – vereinbar war. Konkret habe ich mein nominell dreiwöchiges Praktikum in sechs Wochen absolviert habe, in denen ich jeweils zu 50 Prozent gearbeitet habe. Notwendig hierfür war lediglich eine Bestätigung meines Studienfachberaters Dr. Jörg Petrasch, dass mir das Praktikum in dieser Form anerkannt wird. Auch die vorgeschriebene siebentägige Exkursion konnte ich auf sieben Tagesexkursionen stückeln.

 

All das hat funktioniert dank einer guten und direkten Kommunikation mit meinen Dozentinnen und Dozenten. Ich musste nie irgendwelche Formulare ausfüllen oder mich explizit auf irgendwelche Paragraphen berufen, vielleicht auch weil es in meinen Fächern relativ familiär zugeht – wir sind in meinem Jahrgang nur um die 25 Studierende im Hauptfach.

 

Welche Unterstützung haben Sie außerdem in Ihrem Studium bekommen?

 

In der Handreichung des Familienbüros ist detailliert beschrieben, welche Regelungen nach dem Landeshochschulgesetz (LHG) für Studierende mit Familienaufgaben möglich sind.

 

Zum Beispiel gibt es in den meisten Lehrveranstaltungen eine Anwesenheitspflicht, man darf maximal zweimal fehlen. Hier gibt es für Studierende mit Kindern eine gewisse Flexibilität. Es ist nicht eindeutig geregelt, aber es soll Rücksicht genommen werden, beispielsweise wenn durch Krankheit der Kinder mehr Fehltage auftreten. Bei manchen Lehrveranstaltungen – wie meinem Statistikkurs in der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät – ist das aber vermutlich schwieriger umzusetzen, da hier wöchentliche Abgaben erforderlich sind.

 

Sehr entgegenkommend waren meine Dozentinnen und Dozenten auch insofern, dass ich – wenn es nicht anders machbar war – meine Kinder in Vorlesungen, zu Praktika oder auch zu Ausgrabungen mitbringen durfte. Und wenn ich aus familiären Gründen einmal später in eine Veranstaltung gekommen bin oder etwas früher gehen musste, dann ging das auch. Oder wenn ich während der Lehrveranstaltung kurz rausgegangen bin, weil ich per Handy mit meinen Kindern kommunizieren musste. Die Dozenten verstehen das mittlerweile, weil ich das immer sehr offen mit ihnen angesprochen habe und ihnen das erklärt habe.

 

Wie haben Ihre Kommilitonen reagiert?

 

Meine Kommilitonen sehen, was ich für mein Studium arbeite und was ich dazu noch für meine Familie leiste – und deswegen ist das kein Problem für sie.

 

Damit es in allen Köpfen wirklich ankommt, musste ich aber immer wieder klar kommunizieren: es handelt sich bei allen Regelungen für Studierende mit Kindern nicht um einen Vorteil oder eine Bevorzugung, sondern um einen Nachteilsausgleich – weil wir eben zusätzlich noch Familienaufgaben zu leisten haben. Dasselbe gilt übrigens auch für Studierende, die ihre Angehörigen pflegen.

 

Ich empfinde mich überhaupt nicht als „Studierende zweiter Klasse“, mir werden genauso Hiwijobs angeboten oder Aufgaben übertragen wie meinen Kommilitonen. Wir sind in meinem Jahrgang eine sehr nette Truppe und ich bin als Kommilitonin mit Kindern voll integriert in die Gruppe.

 

Welche Ziele und Wünsche haben Sie für die Zukunft?

 

Ich möchte andere ermutigen, auch mit Kindern ein Studium anzufangen. Ich würde mir eine Art Austauschforum für Studierende mit Familienaufgaben wünschen, damit man sich gegenseitig unterstützen kann. Nach meinem Bachelor-Abschluss im Juli möchte ich auf jeden Fall noch meinen Master machen.

Das Interview führte Maximilian von Platen