Faculty of Catholic Theology

01.03.2024

Zum Tode von Joachim Köhler

Joachim Köhler, Dr. theol., Prof. der Kirchengeschichte, ist am 28. Februar verstorben.

Joachim Köhler bei der Osterfeier in Ermatingen (CH) 2014

Nachruf für Prof. Dr. Joachim Köhler

(zum Requiem am 18. März 2023)

Die Katholisch-Theologische Fakultät in Tübingen trauert um ihren hoch verdienten Kollegen, Emeritus Prof. Dr. Joachim Köhler († 28. Februar 2024).

Der Nachruf ist hier abrufbar.

Joachim Köhler wurde am 9. August 1935 in Waldenburg (Schlesien) geboren und teilte bereits als Kind die Erfahrung vieler, die bis heute zur Flucht gezwungen oder vertrieben werden. Er entschloss sich zum Studium der Theologie und wurde 18. März 1961 in Rottenburg zu Priester geweiht. Er wirkte als Vikar in Bad Waldsee, Salach, Schwäbisch Gmünd und Kornwestheim, dann als Religionslehrer in Göppingen und Tübingen.

1971 begann er seine wissenschaftliche Qualifikation als Wiss. Assistent am Fachbereich Katholische Theologie der Universität Tübingen bei Prof. Dr. Rudolf Reinhardt. Seine Dissertation wurde 1973 veröffentlich unter dem Titel „Das Ringen um die tridentinische Erneuerung im Bistum Breslau“; seine 1980 publizierte Habilitationsschrift bearbeitete unter dem Titel „Die Universität zwischen Landesherr und Bischof“ die frühneuzeitliche Geschichte der vorderösterreichischen Landesuniversität Freiburg/Br. Nach seiner Promotion und Habilitation lehrte er zunächst seit 1977 als Privatdozent, seit 1981 als Professor für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit mit besonderer Berücksichtigung der südwestdeutschen Landesgeschichte. 1985/86 amtierte er als Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen, 1994 bis 1999 vertrat er den vakant gewordenen Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte. In dieser Zeit veröffentlichte Joachim Köhler insbesondere zur Geschichte des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit und zur Geschichte des christlichen Lebens im schlesischen Raum. Den politischen Reden und dem Vermächtnis des württembergischen Staatspräsidenten und Widerständlers Eugen Bolz widmete er umfangreiche Editionsarbeiten.

Seit 2000 lebte er im Ruhestand, forschte beharrlich weiter und wirkte unermüdlich als Seelsorger. Sein Geist war bis zum Ende beharrlich stark, auch wenn sein Körper sehr schwach geworden war. Zwei unmittelbare Vermächtnisse machen sein Denken erkennbar: Er ließ auf der Trauerkarte Albert Camus zitieren: „Ich weigere mich nicht, dem Höchsten Wesen entgegenzugehen, aber ich lehne einen Weg ab, der von den Menschen wegführt.“ Und er wählte für sein Requiem, das er ganz der Verkündigung des Evangeliums gewidmet sehen wollte, die johanneische Abschiedsrede Jesu (Joh 15) und die Pfingstpredigt des Petrus (Apg. 2).

Es waren diese Vermächtnisse, die unserem Freund und Kollegen Jochen Köhler so wichtig waren, dass sie unbedingt gesagt werden mussten: Gott gießt Geist aus, damit wir freimütig reden über den, der Gott beständig vor Augen hatte und auch so lebte; der den Preis der Verachtung und des Kreuzes dafür zahlte so zu leben; und dessen Seele Gott eben darum der Unterwelt nicht preis gab, damit für uns alle der Tod überwunden werde. Gott gießt Geist aus, damit Jesus als Quelle befreiten und befreienden Lebens erfahren werden kann. Das war der erste Text, den Jochen Köhler uns hören lassen wollte. Und: Wir können in der Liebe bleiben, die wächst, wenn man wie Jesus Gott beständig vor Augen hat, in einer Liebe so fruchtbringend wie Trauben am Weinstock.

Dass uns dies heute vor Augen steht, das ist Jochen Köhler in letzten Gesprächen sehr wichtig gewesen; geradezu eingeschärft hat er uns, dass er Nachrufe klassischen Zuschnitts nicht will, denn es gehe selbst heute, selbst jetzt nicht, um seine Person. Sondern es gehe doch immer, also auch in seinem Requiem, um die Verkündigung. Und offenbar um diese Verkündigung, die ihm als Kerne des Christentums erschienen, das, worum es wirklich geht, das Mark der Nuss, wie Luther es nannte. Darin wird Joachim Köhler selbst als Verkündigender noch einmal präsent.

Seine Art Geschichte zu treiben war von solchen Leitmotiven der Verkündigung ganz durchprägt. Er war – man braucht nur ein wenig zuspitzen dafür – auch als Historiker ein Verkündiger, einer, der sich wie Petrus hinstellen und immer nur eins sagen wollte: Der Geist der Liebe ist ausgegossen, und welche Frucht bringt jetzt der Weinstock? Das war ihm immer die eigentliche Fragestellung.

Eine Geschichte des christlichen Abendlandes, in die man sich als „heile Vergangenheit“ (291) ungebrochener Kirchlichkeit zurückträumen könnte, ist das nicht geworden, eher das Gegenteil. Und zwar deshalb, weil die dem Geschichtlichen so erdenschwer verhaftete Kirche sich so schwer damit tat, diese Kerne tatsächlich zu repräsentieren.

Vom Mittelalter sprach er als einer „Form machtvollen religiösen Lebens“, aber „wir sollten das Leben bedenken, das sich im Schatten der Kathedralen und Klöster abgespielt hat – und das war oft ein ärmliches und erbärmliches Leben.“ (30f.) Historiker:innen denken heute über die „feudale Gesellschaft“ etwas anders als er, aber darauf kommt es hier nicht an. Sondern darauf, was Joachim Köhler immer wieder wissen wollte: Was bedeutet Kirche und Christentum für „das Leben der meisten Leute“ (ebd.)? Über das große Reformkloster Hirsau hat er ein eigenes Buch gemacht und Vorträge gehalten. Aber er sah, überscharf geradezu, wie viel Herrschafts- und Machtbeziehungen in einer Reform steckten, deren Errungenschaften, wie er schreibt, „die Kluft zwischen Geistlichen und Weltlichen vertieft und festgeschrieben“ haben (31). Von Romano Guardini hatte er sich sagen lassen: „Bei aller Bewunderung der Größe, Einheit und Innigkeit des mittelalterlichen Weltbildes darf nicht vergessen werden […]: Das Absolute wurde so stark empfunden, dass das Endliche in seiner Eigenbedeutung nicht entsprechend zur Geltung gelangte […]. Der mittelalterliche Mensch betete Gott an und gehorchte der Autorität […]. Damit genügte er der letzten Wahrheit, übersah aber oft die vorletzte; doch auch sie ist Wahrheit und darf nicht durch die Wucht jener anderen erdrückt werden.“ (32)

Darum war Jochen ein Freund des Franz von Assisi, der Elisabeth von Thüringen und ein Freund der Mystiker. „Das Anders-sein der Heiligen sehe ich in ihrem Menschsein“, schrieb er. „Heilige sind Individualisten, Menschen – Menschen, die deshalb vollkommene Heilige geworden sind, weil sie dem Menschen Jesus nachgefolgt sind. […] Ich verstehe das Anderssein nicht als Distanz zu uns armen Christen, die wir mit Alltagssorgen geplagt sind, während sie als die Vollkommenen […] die Kluft zu uns immer mehr vergrößern.“ (51f.) Joachim Köhlers Idee von Verkündigung und von Geschichte war immer die große Skepsis gegenüber denen, die die Kluft größer machen wollten: die Kluft zwischen Herrschenden und Beherrschten, Priestern und Normalsterblichen, Reichen und Armen, Heiligmäßigen und mühselig Beladenen. Füllt man die Klüfte mit der Liebe, von der Johannes im 15. Kapitel spricht, dann entsteht „eine Form, um zur Heiligkeit zu gelangen, die die Welt und den Menschen mitten in der Welt berücksichtigt“ (55) – und genau das fand er bei Albert Camus. Über den Hl. Bonifatius sagt er etwas spitz: Wenn „an die Stelle des Donarkultes […] ein Petruskult getreten [ist]“, dann „ist nicht viel Neues gewonnen worden.“ (66) Stattdessen Franziskus: „Wenn man die Quellen […] genau liest, entdeckt man, dass Franziskus nicht […] missionieren […] will. Er denkt an […] Gegenwart bei anderen, Dienstbereitschaft […], Friedenswille und Solidarität mit den Randgruppen […].“ (84) Stattdessen die Mystiker: „Geistliches Leben ist etwas Lebendiges und Ursprüngliches.“ (103) Das Unvermittelte einer Gottesbegegnung, die geschieht, wenn der Geist sich den Christinnen und Christen eingießt, danach hat er gestrebt weniger für sich selbst als für die, denen er Geschichtsdeuter und Seelsorger sein wollte. Mit Karl Rahner war er überzeugt, dass wer heute Christin und Christ sein wolle, ‚Mystiker‘ und Mystikerin sein und etwas ‚erfahren‘ haben müsse.

Es waren diese Ideen und Engagements, von denen er sehr kritisch auf die kritischste Phase deutscher Geschichte geschaut hat, und auch auf die Geschichte seiner Kirche und seiner Fakultät in dieser Zeit. Ob die Kirche ihrer Berufung gerecht geworden sei, als der Nazi-Terror über die Welt und die Menschen hereinbrach: in dieser Frage hegte er tiefe Zweifel. Sie ging als „Siegerin in Trümmern“ aus dem Dritten Reich hervor, jedenfalls wollte sie sich gern so sehen, wie Joachim Köhler schrieb. Sie hatte ihren volkskirchlichen Kern bewahren können, und das war nicht wenig. Aber war das auch der Kern dessen, was die Abschiedsrede Jesu und die Pfingstpredigt des Petrus meinten? Und dass ein Karl Adam, in Sorge um einen zeitgemäßen Christusglauben, Jesus zum Arier erklärte (1938 noch…), dass der Maulkorb eines Decanus perpetuus so fest saß im vermeintlichen Ansinnen, der Fakultät ihren Status an einer Nazi-Universität zu sichern – alles das hat ihm keine Ruhe gelassen. Er musste sich deswegen der „Nestbeschmutzung“ zeihen lassen. Aber es ist eben auch Joachim Köhler zu verdanken, dass heute niemand mehr so reden würde. Statt an Adam und Geiselmann hat er sich an Eugen Bolz orientiert. In unermüdlicher Kleinarbeit hat er an diesem Mann exemplifiziert, was es hieß und heißt, Christentum und Politik zusammenzudenken und so zu handeln, dass es den Kopf kosten konnte.

Joachim Köhler wollte auch die Landsleute nicht im Stich lassen, die nach den Verheerungen, die die Deutschen selbst angerichtet hatten, einen besonders hohen Preis zahlten. Die wie er selbst flüchteten oder vertrieben wurden, aus Schlesien oder sonst woher. Und denen der deutsche Südwesten eine Heimat werden musste. Er konnte nachempfinden, dass das für viele eine „kalte Heimat“ (Andreas Kossert) war und blieb. Selbst im Diözesanklerus, dessen Priesterbruder er war, musste er sich vorhalten lassen, eben doch kein „hier Gewachsener“ zu sein. Wahrhaftiges Christentum in einer kalten Heimat – darum ging es ihm als Historiker und als Seelsorger.

Wenn wir alles zusammenfassen, dann ist die Verkündigung, die mit dem Studium der Geschichte geleistet werden kann, eben diese: Verzichten wir auf jede Form von Herrschaft, erst recht von Priesterherrschaft. Kümmern wir uns um Mystik, um die Gottesbeziehung eines und einer jeden. Helfen wir dem Leben der Einfachen und der Armen auf. Hören wir auf, einer Volkskirche nachzuträumen, in der zu viel fromme Routine steckte und zu wenig Geist wehte. Wenden wir uns entschlossen dem zu, was jetzt geschieht und was den Geist der Liebe Lügen straft: in der Welt, aber auch in der Kirche. Nehmen wir uns ein Vorbild an denen, die sich dem Zeitgeist nicht anpassen wollten; sei es der Zeitgeist der Feudalgesellschaft oder der Nazi-Zeit oder der Konsumgesellschaft heute.

Wer von der Pfingstpredigt des Petrus und von den johanneischen Abschiedsreden Jesu ausgeht, der hat mit der aktuellen Erscheinung von Kirche zu kämpfen; und Jochen Köhler hat seine Enttäuschung über die Wirkungsgeschichte des Konzils nicht verborgen. Als er in einer Fastenpredigt in der Stuttgarter Konkathedrale St. Eberhard die Reformdefizite offen aussprach, gab es standing ovations eines vollen Hauses, erinnert sich ein Kollege. Die Idee von Gaudium et Spes, „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute“ zu teilen, insbesondere aber die der „Armen und Bedrängten“ (GS 1), davon hat er zu wenig sehen können. Und das hat ihn bisweilen bitter gemacht. Seine Hoffnung, „dass die Hüter und Wächter der Kirche die Lage der heutigen Menschen begreifen, dass sie deren Sehnsucht spüren“ (79), diese Hoffnung soll hier nicht unerwähnt bleiben.

Diese Hoffnung – und nicht irgendeine – zu wecken und zu nähren: dafür wurde ihm viel Dankbarkeit entgegengebracht. Sie ist sehr hörbar geworden in den letzten Wochen:

Die Dankbarkeit derer, denen er Religionslehrer und Seelsorger war – in genau dem Geist, in dem er auch akademisch gearbeitet hat. Auch und gerade kleinen Pfarreien wie Wendelsheim oder Otterswang hat er ihre Geschichte geschrieben und gedeutet, hat wie in Remmingsheim Gottesdienst mit ihnen gefeiert, hat die Enkelkinder von Kollegen getauft und Kollegen oder ihre Angehörigen im Altwerden und Sterben begleitet. Und wie viele sind ihm dankbar für seine Fähigkeit zur Freundschaft, die nichts für sich selber suchte…

Dankbar sind auch die Schülerinnen und Schüler, deren akademischen Qualifikationsweg Joachim Köhler geprägt und begleitet hat. Er war in hohem Maße bereit, Leistungen der nachkommenden Generation anzuerkennen, weil er wusste, was es bedeutet, wenn diese Anerkennung verweigert wird. In einem Begleitschreiben zu einem Dissertationsgutachten hielt er dieses Zutrauen fest in der Bereitschaft, sich beeindrucken zu lassen: „Unglaublich, was die jungen Leute sich zutrauen. Aber es gelingt!“ Er sagte und schrieb, was er dachte, und das mit großer Entschiedenheit. Und gleichzeitig öffnete er weite Räume, weil er nie erwartete, seine Doktoranden und Habilitandinnen müssten ebenso denken.

Mit den Worten der katholischen Publizistin Ida Friederike Görres beschwor er einmal „eine nüchterne Liebe, die sich’s leisten kann, scharf zu sehen.“ (220) Die wollen wir mit ihm bewahren und ihm darin verbunden bleiben.

1 Alle Seitenangaben: Joachim Köhler: Geschichte – Last oder Befreiung. Ausgewählte Vorträge und Aufsätze, hg. von Rainer Bendel unter Mitarbeit von Christoph Holzapfel und Christian Handschuh, Ostfildern 2000.


Wichtige Veröffentlichungen von und für Joachim Köhler:
- Joachim Köhler: Das Ringen um die tridentinische Erneuerung im Bistum Breslau. Vom Abschluß des Konzils bis zur Schlacht am Weissen Berg 1564–1620, Köln – Wien 1973.
- Joachim Köhler: Die Universität zwischen Landesherr und Bischof. Recht, Anspruch und Praxis an der Vorderösterreichischen Landesuniversität Freiburg (1550–1752), Wiesbaden 1980.
- Joachim Köhler: Christentum und Politik. Dokumente des Widerstands: zum 40. Jahrestag der Hinrichtung des Zentrumspolitikers und Staatspräsidenten Eugen Bolz am 23. Januar 1945, Sigmaringen 1985.
- Joachim Köhler: Politik und Spiritualität. Das Kloster Hirsau im Zentrum mittelalterlicher Reformbewegungen, München 1991.
- Joachim Köhler: Bistum Breslau – Christlich leben im schlesischen Raum, 4 Bde., Köln 1995–1999.
- Joachim Köhler / Gundolf Keil (Hg.): Heilige und Heiligenverehrung in Schlesien, Sigmaringen 1997.
- Joachim Köhler: Christlich leben im schlesischen Raum – Bistum Breslau, Bd. 3: Neuzeit, Kehl 1997.
- Joachim Köhler / Damian van Melis (Hg.): Siegerin in Trümmern. Die Rolle der katholischen Kirche in der deutschen Nachkriegsgesellschaft, Stuttgart – Berlin – Köln 1998.
- Joachim Köhler: Geschichte – Last oder Befreiung. Ausgewählte Vorträge und Aufsätze, hg. von Rainer Bendel unter Mitarbeit von Christoph Holzapfel und Christian Handschuh, Ostfildern 2000.
- Rainer Bendel (Hg.): Geschichte des christlichen Lebens im schlesischen Raum, 2 Bde., Münster – Hamburg – London 2002.

Festschrift
- Rainer Bendel / Josef Nolte (Hg.): (Hrsg.): Befreite Erinnerung. Festschrift für Joachim Köhler, 2 Bde., Münster 2017.

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