Newsletter Uni Tübingen aktuell Nr. 5/2012: Leute

Förderer der Forschungsbeziehungen der Tübinger Juristen mit Israel

Nachruf auf Ehrensenator Edvard Kossoy

Der Doyen der Ehrensenatoren der Universität Tübingen, Edvard Kossoy, ist am 11. Oktober 2012 in Genf im Alter von 99 Jahren gestorben. In seinem Leben spiegelten sich die Brüche, Konflikte, Verbrechen und Grausamkeiten, die das 20. Jahrhundert erlebte, in besonders greifbarer und schmerzlicher Weise wieder. Edvard Kossoy wurde am 4. Juni 1913 in Radom (Polen) geboren. Seine Familie wanderte nach dem Ende des Ersten Weltkriegs nach Yekaterinoslav (Ukraine) aus. Nach dem Polnisch-Sowjetischen Frieden von Riga kam sie dann 1921 wieder nach Radom zurück. Nach dem Abschluss der Schulausbildung studierte Kossoy Recht und Wirtschaftswissenschaften in Warschau. Seine journalistischen Interessen verfolgte er im Rahmen einer Zusatzausbildung, zudem durch verlegerische Aktivitäten. Nach dem Kriegsausbruch floh er in die Sowjetunion, wurde dort aber inhaftiert und – nach Bekanntwerden seiner "bürgerlichen Ausbildung" – dem Geheimdienst überstellt und wegen Spionageaktivität zur Haft in einem nordsibirischen Arbeitslager verurteilt. In der Haft zog sich Kossoy Typhus zu. Er musste beobachten, wie weit über die Hälfte von Tausenden seiner Mithäftlinge beim Eisenbahnbau starb. Nach der Entlassung 1943 schloss er sich der aus polnischen Exilkräften bestehenden, nach ihrem Kommandeur Władysław Anders benannten Armee an und gelangte über Persien schließlich nach Palästina. Sein Vater, seine erste Frau und seine Tochter wurden von Nationalsozialisten getötet. In Palästina beteiligte sich Kossoy an den Befreiungskämpfen.


Nach seiner Rückkehr nach Europa und Rechtsstudien machte Edvard Kossoy sich schnell einen Namen auf dem Gebiet des Wiedergutmachungsrechts – er setzte sich für die Belange der vom nationalsozialistischen Deutschland verfolgten Juden, Polen und Roma ein. Zeitweilig vertrat er bis zu 60.000 Fälle. Die Durchsetzung der Ansprüche erwies sich als teilweise schwierig; häufig fehlten schriftliche Nachweise, Belege, Dokumente und Beweise für die Verfolgung. Es waren die vergleichsweise guten Erfahrungen mit den Behörden im Land Baden-Württemberg, die ihn dazu veranlassten, im Jahr 1960 eine Stiftung zu gründen, die die Forschungsbeziehungen der Juristischen Fakultät der Universität Tübingen mit den beiden juristischen Fakultäten in Israel unterstützen sollte. Die Stiftung ermöglicht es den Fakultäten, Besuche und gemeinsame Forschungsaktivitäten durchzuführen. Zuletzt ging es in einem Symposium von Wissenschaftlern beider Länder um Fragen der Menschenwürde. Die Stiftung wurde über Jahrzehnte auf Tübinger Seite von Professor Dr. Thomas Oppermann betreut. 1984 wurde Edvard Kossoy zum Ehrensenator der Universität Tübingen. Bis in die letzten Jahre hielt Edvard Kossoy enge Verbindungen zur Juristischen Fakultät der Universität Tübingen und kam – häufig im eigenen Auto – nach Tübingen. Die Mitglieder der Fakultät werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren und die Stiftung in seinem Sinn weiterführen.

Martin Nettesheim