Newsletter Uni Tübingen aktuell Nr. 5/2012: Termine und Veranstaltungen

Religion im Gehirn? – CIN-Dialog mit Friedrich Wilhelm Graf und Wolf Singer

Prof. Dr. Wolf Singer, Ulrich Schnabel und Prof. Dr. Friedrich Wilhelm Graf (von links nach rechts).
Prof. Dr. Wolf Singer, Ulrich Schnabel und Prof. Dr. Friedrich Wilhelm Graf (von links nach rechts).
Prof. Dr. Wolf Singer. Fotos: Friedhelm Albrecht/Universität Tübingen
Prof. Dr. Wolf Singer. Fotos: Friedhelm Albrecht/Universität Tübingen
Prof. Dr. Friedrich Wilhelm Graf.
Prof. Dr. Friedrich Wilhelm Graf.

Neurowissenschaften treffen Theologie


Mehr als sechshundert Interessierte kamen Ende November zum dritten CIN-Dialog in das Audimax der Universität Tübingen. Sie alle wollten dem Streitgespräch des evangelischen Theologen Professor Dr. Friedrich Wilhelm Graf von der Universität München und Professor Dr. Wolf Singer, dem emeritierten Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt am Main, beiwohnen. Im Zentrum der Diskussion stand die Frage neuronaler Grundlagen religiöser Erfahrung – zugespitzt: „Hat die Religion ihren ursprünglichen Sitz im Gehirn?“ Moderiert wurde das Zwiegespräch von Ulrich Schnabel, Wissenschaftsjournalist und Redakteur der Wochenzeitung „Die ZEIT“.


Im Verlauf des CIN-Dialogs zeigte sich dann, dass die beiden als streitbar und meinungsstark bekannten Diskutanten in vielen Fragen näher beieinander lagen als dies im Vorfeld zu erwarten war. Einig war man sich in der Zurückweisung von Begriff und Programm einer dezidierten Neuro-Theologie. Wolfgang Singer vertrat moderat einen weltanschaulichen Evolutionismus. Eine Gottesvorstellung zu haben und religiöse Praktiken zu pflegen und zu ritualisieren, habe sich evolutionär als Vorteil erwiesen und entsprechend ließen sich auch Gehirnaktivitäten nachweisen. Friedrich Wilhelm Graf seinerseits historisierte die neurobiologischen Diskurse konsequent und forderte, dass jede Wissenschaft ein Grenzbewusstsein zur Darstellung bringen solle. Daher waren sich beide einig, dass in dem ihnen aufgegebenen Diskurs die Grenzen der Metaphysik zur Debatte stehen. Beide lehnten eine wissenschaftliche Strategie zum Nachweis Gottes ab. Und während Graf sich gegen die Isolierung religiöser Phänomen wandte und für deren plurale Erforschung plädierte, wandte sich Singer gegen einen unreligiösen und an Marktbegriffen orientierten Religionsbegriff.


Vertieft wurde die inhaltliche Auseinandersetzung in einem eintägigen Workshop am Forum Scientiarum zum Thema „Religiöse Erfahrung in interdisziplinärer Perspektive“. Die Referenten dieser interdisziplinären Veranstaltung für Studierende aller Fachrichtungen waren Professor Dr. Christoph Schwöbel von der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen, der Neurobiologie Professor Dr. Jörg Mey aus Aachen/Toledo, der Soziologe Professor Dr. Hubert Knoblauch von der TU Berlin und der Psychologe und Religionswissenschaftler Sebastian Murken aus Marburg.

Ruth Conrad

Der CIN-Dialog  - CIN-Dialogues at the Interface of the Neurosciences and the Arts and Humanities - ist eine gemeinsame Veranstaltung des Exzellenzclusters Werner Reichardt Centrums für Integrative Neurowissenschaften (CIN) und des Forums Scientiarums der Universität Tübingen.


Das Werner Reichardt Centrum für Integrative Neurowissenschaften ist eine interdisziplinäre Einrichtung der Universität Tübingen und wird im Rahmen der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. http://www.cin.uni-tuebingen.de/


Das Forum Scientiarum ist eine Wissenschaftliche Einrichtung der Universität Tübingen zur Förderung des Dialogs zwischen den Wissenschaften in Forschung und Lehre. Das Forum Scientiarum wird gefördert von der Udo Keller Stiftung Forum Humanum, der Klett Stiftung und der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. http://www.forum-scientiarum.uni-tuebingen.de/