Geschichte

Das Kunsthistorische Institut Tübingen gehörte immer zu den bedeutenderen universitären Einrichtungen im deutschsprachigen Raum. Die Gründung des Faches Kunstgeschichte an der Eberhard Karls Universität Tübingen erfolgte im Jahre 1894 auf Beschluss der Philosophischen Fakultät. Zuvor war die Kunstgeschichte lediglich in philosophischen Seminaren im Zusammenhang der Ästhetik vermittelt worden. Als erster Ordinarius für Kunstgeschichte wurde Konrad Lange (1855-1921, Ordinarius 1894-1921) berufen.

 

Damit war nicht nur die Etablierung des Faches als historische Disziplin verbunden, sondern zugleich auch der Gedanke an die Gründung einer institutseigenen Lehrsammlung verknüpft. Der Grundstock für die Graphische Sammlung des Kunsthistorischen Instituts wurde mit der Erwerbung von Druckgraphiken aus der Zeit des 16. bis 18. Jahrhunderts, aus dem ehemaligen Königlichen Kupferstichkabinett Stuttgart, gelegt. Wichtige Privatsammlungen und gezielte Einzelerwerbungen erweiterten später diese Sammlung, die noch heute der praxisorientierten Ausbildung von Studierenden dient.

 

Inhaltlich nahm Konrad Lange, der den Zielen der Kunsterziehungsbewegung verpflichtet war, eine Mittlerstellung zwischen Ästhetik und Kunstgeschichte ein ebenso wie er Editionen von Quellen besorgte. Zwischen 1901 bis 1907 hatte er darüber hinaus nebenamtlich die stellvertretende Tätigkeit als Inspektor der Königlichen Gemäldegalerie in Stuttgart, der heutigen Staatsgalerie, inne und erstellte dort den ersten wissenschaftlichen Bestandskatalog der Gemälde. Ebenso machte er zukunftsweisende Erwerbungen von Gemälden zeitgenössischer Künster für die Stuttgarter Galerie.

 

In der Nachfolge etablierte Georg Weise (1888-1978, Ordinarius 1921-1954) die Foto- und Diasammlung des Instituts im Zusammenhang seiner Forschungen zur französischen und spanischen Architektur und Plastik des Mittelalters. Darüber hinaus richtete er auch verstärkt seinen Blick auf die regionale Kunstgeschichte Schwabens. Er begann mit der Aufarbeitung und Dokumentation regionaler Kunstwerke, besonders im Bereich der mittelalterlichen Baudenkmäler. Außerdem bearbeitete Georg Weise systematisch die spanische Monumentalplastik, die er in sieben Bänden publizierte (1925-1929), und öffnete damit nachhaltig den Blick für die Kunst der iberischen Halbinsel.

 

Als Nachfolger wird Hubert Schrade (1900-1966, Ordinarius 1954-1965) nach Tübingen berufen. Fachlicher Schwerpunkt sind Veröffentlichungen zur mittelalterlichen und spätmittelalterlichen Kunst Deutschlands und Italiens. Methodisch war Schrade vor allem um die Inhaltsanalyse von Kunstwerken bemüht, wobei er zunächst den Tendenzen des Hamburger Warburg-Instituts nahestand (siehe sein Aufsatz zur "Ikonographie der Himmelfahrt Christi" in: Vorträge der Bibliothek Warburg, 1928/29), während er in der Zeit des Dritten Reiches seine Arbeit öffentlich den Zielen des Nationalsozialismus unterordnete (vgl. die programmatische Schrift "Schicksal und Notwendigkeit der Kunst", Leipzig 1936). Schrades Haltung während der nationalsozialistischen Zeit bedarf noch genauerer Analysen und wurde offenbar bei seiner Berufung nach Tübingen in den fünfziger Jahren nicht berücksichtigt. Nach 1945 kehrte Schrade zu seinen ikonographischen Ansätzen während der Weimarer Republik zurück, nun aber - wie auch andere Kunsthistoriker mit NS-Vergangenheit - unter betont christlich-abendländischen Vorzeichen.

 

Der von Schrade leider erfolgreich marginalisierte außerordentliche Professor Wilhelm Boeck (1908-1998) gehörte dagegen zu den ersten deutschen Kunsthistorikern, die sich erfolgreich mit der Kunst Cézannes und dem Werk Pablo Picassos auseinandersetzten.

 

Mit Günter Bandmann (1917-1975, Ordinarius 1965-1970) gewann das Kunsthistorische Institut einen Wissenschaftler, der zum Zeitpunkt seiner Berufung nach Tübingen bereits einen beachtlichen Ruf hatte. Inhaltlich lag sein Schwerpunkt im Bereich mittelalterlicher Architektur, und sein Buch "Mittelalterliche Architektur als Bedeutungsträger" (Berlin 1951) gilt als grundlegende kunsthistorische Abhandlung zur Konzeption einer Ikonologie der Architektur. Günter Bandmann steht mit seiner Arbeit methodisch in der Nachfolge Erwin Panofskys und Richard Krautheimers und führt gleichzeitig die Tradition von Geistesgeschichte und Stilgeschichte fort. Damit gelang ihm eine Synthese, die sich wissenschaftlich als äußerst fruchtbar erwiesen hat. Im Anschluss an seine Tübinger Zeit lehrte Günter Bandmann an der Universität Bonn.

Mit Klaus Schwagers (1925-2016, Ordinarius von 1971-1990) Berufung knüpft das Kunsthistorische Institut an die Ära Georg Weise an, bei dem Schwager 1952 promoviert hatte. Die fachlichen Schwerpunkte liegen im Bereich barocker und frühbarocker Plastik und Architektur Süddeutschlands und Italiens. Die Künstlerzeichung findet in seinen Forschungen ebenso besondere Berücksichtigung. Methodisch arbeitet Klaus Schwager im Bereich der Analyse künstlerischer Formen, bezieht jedoch auch ideengeschichtliche, politische und soziale Gesichtspunkte auf der Grundlage historischer Quellen mit ein. Eines seiner wichtigen weiteren Forschungsgebiete ist der Benediktinerabtei Ottobeuren gewidmet.

 

Seit den siebziger Jahren wirkte im Institut auch der Ikonologe Konrad Hoffmann (1938-2007), dessen Forschungen – u.a. zur Kunst des Mittelalters und der Renaissance – vom Ethos einer linken, sozial engagierten Kunstgeschichte geprägt waren.

 

In den letzten zwei Dekaden lehrten im Institut auch die Architekturhistoriker Jürgen Paul und Elisabeth Kieven, der Mediävist Peter K. Klein und die Kunsthistorikerin der Moderne, Annegret Jürgens-Kirchhoff. Jürgen Paul und Elisabeth Kieven verließen das Institut, um Lehrstühle in Dresden (Paul) und die Direktion der Hertziana in Rom (Kieven) zu übernehmen. Annegret Jürgens-Kirchhoff und Peter K. Klein traten 2005 respektive 2007 in den Ruhestand.