Osteuropäische Geschichte und Landeskunde

05.12.2023

Abschied von Prof. Jan Plamper (1970-2023)

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Nach schwerer Krankheit ist unser geschätzter Kollege und lieber Freund
Jan Plamper am 30. November 2023 von uns gegangen. Wir im Institut für
Osteuropäische Geschichte und Landeskunde wussten darum, dass dieser
Tag bald kommen wird. Unsere Gedanken waren oft bei ihm. Der
Abschied fällt uns nun unsagbar schwer.
Jan ist in Tübingen aufgewachsen. Nach seinem Abitur am Uhland-
Gymnasium ging er zum Geschichtsstudium an die Brandeis University
im US-Bundesstaat Massachusetts und erwarb dort den B.A. Im Jahr 1992
zog es ihn mit der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste für zwei Jahre
nach St. Petersburg, um sich dort in der offenen Altenarbeit der russischen
Menschen- und Bürgerrechtsorganisation MEMORIAL zu engagieren.
Die Verbindung zu MEMORIAL ist nie abgebrochen. Jedes Jahr hat Jan
Spendenaktionen organisiert und war hoch erfreut, als MEMORIAL Ende
2022 endlich den Friedensnobelpreis erhielt. Seit seiner Petersburger Zeit
blieb Jan mit Russland eng verbunden und musste später erleben, wie in
der Putin-Zeit demokratische Freiheiten sukzessiv abgeschafft wurden.
An der University of California, Berkeley promovierte Jan 2001 mit einer
Studie über den Stalin-Kult. Dafür hatte er zuvor aufwendig in russischen
Archiven recherchiert. Mit seiner Offenheit und Kompetenz konnte Jan in
Fachkreisen schnell Freundschaften schließen. Andere ließ er gern an
seinem Wissen sowie seinen Kontakten teilhaben. Wer mit ihm sprach,
erfuhr viel Kluges und Neues.

Von 2001 bis 2008 war er an unserem Institut als Wissenschaftlicher
Assistent beschäftigt und hinterließ mit seinem Wirken tiefe Spuren. Als
mitreißender Dozent setzte er in der akademischen Lehre neue Akzente
und hielt zahlreiche Studierende zu einem akademischen Werdegang an.
Während seiner Tübinger Zeit machte er aus seiner Promotionsschrift
zum Stalin-Kult ein beeindruckendes Buch, das zunächst in russischer
Sprache und 2012 in einer englischen Ausgabe bei Yale University Press
erschien. Es gilt heute als Referenzwerk.
In Tübingen begann Jan, sich für das damals aufstrebende Feld der
Emotionsgeschichte zu interessieren. 2008 wechselte er als Dilthey Fellow
der Fritz Thyssen Stiftung zum Berliner Max-Planck-Institut für
Bildungsforschung. Dort fand er in dem von Ute Frevert geleiteten
Forschungsbereich „Geschichte der Gefühle“ ein akademisch
hochproduktives Umfeld. Theoretisch und methodisch sehr beschlagen,
legte Jan mehrere Publikationen vor, die dem „Emotional Turn“ weiteren
Schwung verliehen. 2012 erschien seine Monografie „Geschichte und
Gefühl: Grundlagen der Emotionsgeschichte“
. Darin zeichnete er das
Entstehen des neuen Forschungsfelds nach, umriss dessen intellektuelles
Potenzial und wies damit weiteren Studien den Weg. Die große
Bedeutung dieses Werks unterstreichen die zahlreichen Übersetzungen.
Jan verstand sich als akademischer Grenzgänger, der es auch dank seiner
fabelhaften Sprachkenntnisse vermochte, sich in unterschiedlichen
Wissenschaftskulturen erfolgreich einzubringen. Er rieb sich am
deutschen Wissenschaftsbetrieb, dem er nicht immer zu Unrecht
Provinzialismus vorhielt. An seinem in Berkeley entwickelten
wissenschaftlichen Ethos und seinen hohen Qualitätskriterien hielt Jan
unbeirrt fest und ließ sich nicht zu pragmatischen Kompromissen
überreden. Als akademischer Betreuer unterstützte er seine
Doktorand:innen großzügig und ermutigte sie, ihre Themen vielseitig zu
bearbeiten und eigene Thesen zu wagen.
Jans Studien zeichnen sich durch intellektuelle Neugierde und innovative
Zugänge aus. Seine kaum zu bändigende Haarpracht erschien wie die
natürliche Verlängerung seiner pulsierenden Gedankenwelt, die, geprägt
von ungewöhnlichen Perspektiven, verschlungenen Denkbewegungen
sowie Geistesblitzen, immer ein beeindruckendes Ganzes bot. Damit stach
Jan aus dem akademischen Mainstream heraus. Seine Forschungen haben
viele nicht nur im Fach der Osteuropäischen Geschichte inspiriert.
Von 2012 bis 2021 wirkte Jan als Professor für Geschichte am Goldsmiths
College der University of London. Dort konnte er seine interdisziplinäre
Denkweise gut einbringen, auch um neue Studienprogramme zu
konzipieren. Damit griff er sich verändernde gesellschaftspolitische sowie
intellektuelle Herausforderungen auf. Der Kontakt zu Deutschland riss
nicht ab. Als Förderstipendiat am Historischen Kolleg in München und
als Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin, am Imre Kertész Kolleg Jena
sowie am Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald brachte Jan seine
Forschungen voran.
Während seiner Londoner Zeit wandte sich Jan der Migrationsgeschichte
zu und richtete seinen Blick nun auf Deutschland. Sein Wissen nutzte er,
um sich in die 2015 entfalteten aufgeregten öffentlichen Diskussionen um
die sogenannte „Flüchtlingskrise“ einzuschalten. Seine Intervention
wirkte wie ein besonnener Kontrapunkt und rief dazu auf, der politischen
Angstmache etwas entgegen zu setzen.
Im Jahre 2019 erschien Jans Buch „Das Neue Wir. Warum Migration
dazugehört“. In seiner „anderen Geschichte der Deutschen“ verdeutlichte
er, dass die Geschichte Deutschlands seit jeher von Aus- und
Einwanderung geprägt war, dass Migration etwas Normales ist, dass sie
in den meisten Fällen auch gelingt. Jan ging es darum, die von
populistischen Stimmen aufgeheizte deutsche Migrationsdebatte zu
versachlichen. Dieses mit akademischer Akribie und mit viel Empathie für
Migranten und Migrantinnen geschriebene Buch versteht sich als eine
Einladung an uns alle, gemeinsam über Jans Vision vom „Neuen Wir“
nachzudenken und daran mitzuwirken.
Als es im Goldsmiths College zu Stellenkürzungen und Entlassungen
kam, wechselte Jan auf eine Professur an der University of Limerick in
Irland. Er freute sich auf seine neuen Aufgaben und dachte intensiv über
weitere Projekte nach, bis ihm das eine schwere Krebserkrankung
unmöglich machte.
Nach seinem krankheitsbedingten erneuten Umzug nach Berlin blieb Jan
aktiv und hielt weiter den Kontakt zu seinen Freund:innen und
Kolleg:innen aufrecht. So oft es ging, empfing er sie, um sich über
Wissenschaft und Politik auszutauschen. Er schaffte es noch, die
englischsprachige Publikation seinen Buchs „Das Neue Wir“ auf den Weg
zu bringen. Zudem schrieb er Beiträge zum russischen Angriffskrieg
gegen die Ukraine.
Jan Plamper war ein origineller Historiker und ein beherzter
Intellektueller, der mit seinen öffentlichen Interventionen Zeichen setzte.
Er war ein begnadeter Hochschullehrer, der motivierte und inspirierte.
Vor allem aber war er ein feiner Kerl und guter Freund, mit dem wir
unsere Sorgen, Gedanken und Freuden teilten und viel lachten. Er wird
uns allen sehr fehlen; aber sein akademisches Werk wird bleiben.

Dietrich Beyrau, Katharina Kucher, Ingrid Schierle, Alexa von Winning und
Klaus Gestwa (Tübingen)

 

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