Uni-Tübingen

Newsletter Uni Tübingen aktuell Nr. 1/2024: Alumni Tübingen

Frauen zu begleiten und zu stärken – das fasziniert mich!

Alumna Anna Gärtner ist studierte Hebamme und engagiert sich für geflüchtete Frauen beim Verein ROSA e.V.

Anna Gärtner studiert im Master Hebammenwissenschaft & Frauengesundheit. Seit dem Sommersemester 2022 wird der konsekutive Studiengang von der Medizinischen Fakultät der Universität Tübingen angeboten. Zuvor absolvierte die gebürtige Weinheimerin hier bereits ihren Bachelor in Hebammenwissenschaft. Im Sommer 2022 machte Anna Gärtner ein dreimonatiges Praktikum beim Verein ROSA e.V. – Rolling Safespace und arbeitete als Hebamme mit geflüchteten Frauen in Griechenland.

Frau Gärtner, beschreiben Sie sich selbst in einem Hashtag: 

#dieFrauinderWissenschaft

Als Wissenschaftlerin ist meine Identität als Frau ein wesentlicher Bestandteil meiner Rolle. Der Hashtag betont mein Engagement für die Förderung von Frauen in der Wissenschaft und die Herausforderungen, denen wir gegenüberstehen. Mein Beitrag zur Schaffung einer gerechteren Wissenschaftswelt besteht darin, an der Entwicklung und Implementierung von gendersensiblen Forschungsmethoden mitzuwirken. 

Warum haben Sie sich für das Studium Hebammenwissenschaft entschieden? 

Tatsächlich hat mich die Mutter von einem Klassenkameraden dazu inspiriert. Mir hat die Idee gefallen, mit Frauen zu arbeiten und sie während einer bedeutenden Phase ihres Lebens zu begleiten und zu stärken. Ich habe dann jedes Schulpraktikum in dem Bereich gemacht und mich so schon früh dazu entschieden, Hebamme zu werden. Das Studium an der Universität Tübingen ermöglichte mir gleichzeitig einen akademischen Abschluss und eine staatliche Berufszulassung als Hebamme. Das hat mich überzeugt. 

Teil Ihres Masterstudiums war ein Auslandspraktikum. Sie sind dafür mit dem gemeinnützigen Verein ROSA e.V. nach Griechenland gegangen, um geflüchtete Frauen als Hebamme zu unterstützen. Was macht ROSA e.V. und wie sah Ihre Arbeit vor Ort aus? 

ROSA e.V. – Rolling Safespace wurde im März 2021 gegründet und setzt sich für geschlechtergerechte Hilfsstrategien für Frauen auf der Flucht ein. Seit März 2022 fährt der gemeinnützige Verein in einem umgebauten LKW auf der griechischen Halbinsel Attika regelmäßig drei Geflüchtetenunterkünfte an: Ritsona, Malakasa und Oinofyta. Ziel ist es, Frauen auf der Flucht einen Safespace zu geben. Der LKW dient als Anlaufstelle für geflüchtete Frauen, um sich zu vernetzen, zurückzuziehen und zu entspannen. So sollen langfristig die Gefahren der psychischen und physischen Belastung von Frauen auf der Flucht vorgebeugt werden. Zusätzlich wird in einem kleinen Behandlungszimmer eine medizinische Basisversorgung angeboten, in der Regel mit einer Ärztin und einer Hebamme. Für drei Monate war ich diese Hebamme. 

In Einzelgesprächen, zusammen mit einer Dolmetscherin, haben die Ärztin und ich versucht, die Frauen zu beraten und zu triagieren. Wir haben uns ihre Anliegen angehört und bei Bedarf versucht, sie mit anderen Gesundheitsorganisationen vor Ort zu vernetzen oder direkt weiterzuvermitteln. Parallel dazu haben wir Workshops zu gesundheitsrelevanten Themen durchgeführt. Bei den Gesundheitsworkshops oder Gesprächskreisen konnten sich die geflüchteten Frauen einbringen, ihr Wissen und ihre Erfahrungen teilen. 

Unsere Crew bestand noch aus weiteren Personen. Zusammen haben wir in einem angemieteten Haus gewohnt. Unsere Einsatztage waren recht durchstrukturiert. Vormittags hatten wir Besprechungen zur Arbeitsorganisation, zur Planung unserer Zeit in den Camps oder Supervisionsgespräche. Nachmittags sind wir dann zu den Camps gefahren und haben dort den Safespace mit Sichtschutz aufgebaut. Wir wollten einen Raum ermöglichen, an dem die Frauen einfach sie selbst sein können. Es gab neben der medizinischen Beratung und Versorgung auch eine Kinderbetreuung, Sport- und Bewegungsangebote und kreative Workshops. 

ROSA e.V. ist eine deutsche Organisation, die in Griechenland vor Ort arbeitet mit Frauen, die wiederum aus anderen Ländern geflohen sind. Wie sind Sie mit kulturellen Unterschieden umgegangen? 

Zum Glück hatten wir Dolmetscherinnen vor Ort. Mit der Zeit haben sich geflüchtete Frauen, die Englisch sprachen, zusätzlich als Freiwillige eingebracht und haben uns unterstützt. Das war sehr hilfreich. 

Was haben diese drei Monate mit Ihnen gemacht? 

Diese Praktikumserfahrung hat mein Bewusstsein für andere Kulturen gestärkt, für – wie soll ich das sagen – für andere Sichtweisen auf das Leben, auf die Welt. In den drei Monaten habe ich enge und intensive Beziehungen mit den Crew-Mitgliedern und den geflüchteten Frauen aufgebaut. Es war eine gemeinsame Reise des Empowerments, in der wir uns gegenseitig gestärkt haben, unabhängig von unseren kulturellen Hintergründen.

Mein Abschied hat mich dann auch sehr mitgenommen. In dem Moment ist mir noch einmal richtig bewusst geworden, wie wichtig es ist, dass da Leute sind, die sich für die Arbeit von ROSA e.V. und die geflüchteten Frauen einsetzen.  

Sie sind gerade dabei, Ihr Masterstudium zu beenden. Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Tatsächlich weiter mit ROSA e.V. zusammenzuarbeiten. Ich versuche gerade, eine Lokalgruppe in Tübingen aufzubauen. Dazu suche ich Leute, die mitmachen wollen. Wir brauchen auch in Deutschland Safespaces, wie wir sie in Griechenland aufgebaut haben. Und für meine berufliche Zukunft: erst mal Berufserfahrung sammeln, Geburten begleiten. Etwas weiter in die Zukunft geschaut, könnte ich mir auch vorstellen zu promovieren. 

Das Gespräch führte Inga van Gessel.